BERTI VOGTS

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 -

Ita­li­en ist kein Angst­geg­ner mehr

Ich kann es nicht mehr hö­ren! Ita­li­en ist un­ser Angst­geg­ner! Da klin­geln mir die Oh­ren! NEIN! Das war viel­leicht so vor fünf, zehn oder 20 Jah­ren. Es ist na­tür­lich so, dass wir bei ei­nem gro­ßen Tur­nier im­mer ge­gen die Az­zur­ri den Kür­ze­ren ge­zo­gen ha­ben, an­ge­fan­gen mit dem Jahr­hun­dert­spiel von 1970, dann 1982, 2006 und 2012. Aber die Zei­ten sind vor­bei. Frü­her war die Se­rie A die bes­te Li­ga der Welt, und die bes­ten deut­schen Spie­ler ha­ben dort ge­spielt. 1996 hat­te ich neun Spie­ler im Ka­der, die in Ita­li­en spiel­ten. Aber heu­te? Die Bun­des­li­ga und die eng­li­sche Pre­mier Le­ague sind das Non­plus­ul­tra, da­zu kommt die spa­ni­sche Pri­me­ra Di­vi­si­on. Ita­li­en fällt deut­lich ab.

Un­se­re Spie­ler in­ter­es­siert nicht, was frü­her war. Sie sind im Hier und Jetzt, und da ti­cken die Uh­ren an­ders. Dar­um ist das deut­sche Team für mich heu­te der al­lei­ni­ge Fa­vo­rit, auch wenn es in Spie­len auf höchs­tem eu­ro­päi­schen Ni­veau im­mer um Nuan­cen geht. Ein Feh­ler kann ent­schei­den. Si­cher­lich kann Ita­li­en auch Deutsch­land be­sie­gen, si­cher­lich kann es auch ein Elf­me­ter­schie­ßen ge­ben. Aber wenn Deutsch­land das Rich­ti­ge tut, und ich bin mir si­cher, dass Joa­chim Löw das tun wird, kann uns nichts pas­sie­ren.

Der Blick auf das Spiel der Ita­lie­ner ge­gen Spa­ni­en macht deut­lich, wie man ge­gen sie spie­len muss. Man darf sich nicht von ih­nen in der An­fangs­pha­se über­töl­peln las­sen, dann wird es ganz schwer. Denn hin­ten dicht­ma­chen kön­nen ita­lie­ni­sche Teams im­mer. Aber, und das hat sich ge­gen Spa­ni­en ge­zeigt: Wenn das Tem­po hoch ist, hat Ita­li­en gro­ße Pro­ble­me. Auch, weil die im Schnitt äl­tes­te EM-Mann­schaft schnel­ler mü­de wird. Im Vier­tel­fi­na­le fand Con­tes Team ab der 60. Mi­nu­te kaum noch statt, als Spa­ni­en mit Ge­schwin­dig­keit kam. Ita­li­en hat­te in der Pha­se viel Glück, und Spa­ni­ens Tor war über­fäl­lig.

Das deut­sche Team muss al­so von Be­ginn an ein ho­hes Tem­po ge­hen und Ita­li­en mas­siv be­spie­len. Wir ha­ben ge­gen Nord­ir­land und auch die Slo­wa­kei ge­se­hen, wie man sich ge­gen tief ste­hen­de Geg­ner Chan­cen er­ar­bei­tet. Wir ha­ben die Män- ner, die die sich bie­ten­den Chan­cen dann nut­zen wer­den.

Auf­fäl­lig ist ein Trend im An­griff: Der ro­bus­te Stoß­stür­mer ist zu­rück­ge­kehrt. Fast je­des Team hat ei­nen phy­sisch star­ken Keil­stür­mer, der hin­geht, wo es weh­tut. Un­ser Ma­rio Go­mez ist na­tür­lich ein an­de­rer Typ als zum Bei­spiel Horst Hru­besch es frü­her war. Horst war ja ein Kopf­bal­lun­ge­heu­er, im Luft­kampf liegt er weit vor Go­mez. Aber der ist ein spie­len­der Stür­mer, der zu­gleich sehr prä­sent im Straf­raum ist. Und das ist wich­tig, denn vie­le Mann­schaf­ten ma­chen die Mit­te ex­trem eng, ha­ben bis zu acht Spie­ler hin­ter dem Ball. Da ist es gut, wenn man mit Ju­li­an Drax­ler oder Me­sut Özil Lö­cher über die Flü­gel rei­ßen kann und im Straf­raum dann ein Voll­stre­cker wie Ma­rio Go­mez war­tet.

Aber: Auch Ma­rio Göt­ze wä­re als Zeh­ner in der vor­ders­ten Spit­ze mit ei­nem be­weg­li­chen Stür­mer wie Tho­mas Mül­ler da­hin­ter ei­ne Op­ti­on. Er könn­te die lan­gen Ab­wehr­spie­ler mit ge­schick­tem Pass­spiel und Eins-ge­gen-eins-Si­tua­tio­nen raus­lo­cken und so Räu­me schaf­fen. Das Gu­te ist: Wir ha­ben bei­de Va­ri­an­ten auf Welt­klas­se­ni­veau. Das ist un­ser Vor­teil ge­gen­über Ita­li­en. Aber: Wenn man sich auf das ita­lie­ni­sche Spiel ein­lässt und ein­ge­lullt wird, wird es schwie­rig. Wir wol­len doch kei­ne bö­se Über­ra­schung er­le­ben – aber ich bin über­zeugt, dass es da­zu nicht kom­men wird. Denn un­se­re Mann­schaft lebt.

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