Gast­ge­ber ge­gen Sen­sa­ti­ons­team

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 -

Mor­gen Abend (21 Uhr/ZDF) trifft Frank­reich auf Is­land. Se­bas­ti­an Berg­mann und Jan­nik Sor­gatz ha­ben bei­de Teams ana­ly­siert.

Tor­wart Ma­nu­el Neu­er thront über al­len. Hin­ter dem Bran­chen­füh­rer der Re­flex­ti­ta­nen, Straf­raum­be­herr­scher und Ver­tei­di­ger mit Tor­wart­hand­schu­hen kommt ei­ne Rei­he von Welt­klas­se­leu­ten, de­ren Ran­king häu­fig auch ei­ne Ge­schmacks­sa­che ist. Frank­reichs Hu­go Llo­ris darf ge­trost zu ih­nen ge­zählt wer­den, oh­ne Pro­test­stür­me aus­zu­lö­sen. Thi­baut Cour­tois (Bel­gi­en), Jan Oblak (Slo­we­ni­en) und Da­vid De Gea (Spa­ni­en) sind wie Ita­li­ens Le­gen­de Gi­gi Buf­fon Kee­per der Ka­te­go­rie Llo­ris. Aus dem Spiel her­aus hat den fran­zö­si­schen Re­kord­ka­pi­tän bei die­ser EM noch nie­mand be­zwun­gen, die ein­zi­gen bei­den Ge­gen­to­re fie­len vom Elf­me­ter­punkt. Ab­wehr Ra­phaël Va­ra­ne, Ma­ma­dou Sak­ho, Jé­ré­my Ma­thieu, Adil Ra­mi – auf die­ses Quar­tett muss Frank­reichs Na­tio­nal­coach Di­dier De­schamps in der In­nen­ver­tei­di­gung ver­zich­ten. Für den gelb­ge­sperr­ten Ra­mi wird er wohl den jun­gen Sa­mu­el Um­ti­ti brin­gen, der zur neu­en Sai­son für rund 25 Mil­lio­nen Eu­ro von Olym­pi­que Lyon zum FC Bar­ce­lo­na wech­selt. Der Ha­ken: Für Um­ti­ti wä­re es das ers­te Län­der­spiel – ein EM-Vier­tel­fi­na­le im ei­ge­nen Land, nur zur Er­in­ne­rung. Trotz der no­mi­nell schwa­chen Geg­ner hat die Ab­wehr öf­ters ge­wa­ckelt. Lau­rent Ko­sciel­ny hält den La­den zu­sam­men, so gut es geht. Doch wie lan­ge geht es gut? Mit­tel­feld Paul Pog­ba wird ir­gend­wann Welt­fuß­bal­ler. Das hat ein Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut na­mens Paul Pog­ba er­mit­telt. Be­fragt wur­den Paul Pog­ba und sein Um­feld. Di­ver­se Groß­klubs sol­len über­zeugt sein, rund ein Pro­zent des is­län­di­schen Brut­to­in­lands­pro­duk­tes zu in­ves­tie­ren. Bei der EM hat der 23-Jäh­ri­ge bis­lang al­ler­dings ent­täuscht. Ge­gen Al­ba­ni­en saß er nur auf der Bank, ge­gen Ir­land lief Frank­reich lan­ge dem durch Pog­ba ver­schul­de­ten Elf­me­ter hin­ter­her. Aber das kann – und muss – sich noch än­dern. Shoo­ting­star N’Go­lo Kan­té fehlt auf­grund ei­ner Gelb­sper­re im Vier­tel­fi­na­le. Yo­han Ca­baye könn­te ihn er­set­zen. Sturm In der Of­fen­si­ve kann kaum ein zwei­tes Team die­ser EM auf ei­ne ähn­li­che Band­brei­te an spiel­star­ken Tor­jä­gern zu­rück­grei­fen wie die Gast­ge­ber. Frank­reichs Trai­ner Di­dier De­schamps hat die Wahl zwi­schen drib­bel­star­ken Al­les­kön­nern (Kings­ley Co­man und An­toi­ne Griez­mann), pfeil­schnel­len Au­ßen­spie­lern (Ant­ho­ny Mar­ti­al), Kopf­bal­lun­ge­heu­ern (Oli­vier Gi­roud) und er­fah­re­nen Stoß­stür­mern (An­dré-Pier­re Gignac). Bis auf das Vor­run­den-Spiel ge­gen die Schweiz (0:0) tra­fen die Fran­zo­sen in je­der EM-Par­tie dop­pelt. Te­am­geist Die Fran­zo­sen konn­ten sich zu­letzt auf Ein­zel­ak­tio­nen ih­rer Star­spie­ler ver­las­sen. Di­mi­tri Pay­et (zwei To­re) und An­toi­ne Griez­mann (drei To­re) ret­te­ten das Team gleich mehr­mals mit ih­ren spä­ten Tref­fern ge­gen Ru­mä­ni­en, Al­ba­ni­en und Ir­land und tru­gen es so bis ins Vier­tel­fi­na­le. Fans Zwar kom­men auch die fran­zö­si­schen Fans mit je­dem Sieg ih­rer Equi­pe Tri­co­lo­re mehr und mehr in EMS­tim­mung. Doch auch sie sind dem Charme des In­sel­volks längst er­le­gen, sind wie gro­ße Tei­le Rest-Eu­ro­pas zu Is­land-Fans ge­wor­den. Lie­be­voll nen­nen sie die Gäs­te aus dem Nor­den „Ru­li­gans“– da die Is­län­der zwar schon zum Früh­stück ihr Bier be­stel­len, im Ge­gen­satz zu den Kra­wall­ma­chern sich aber an Re­geln („ru­les“) hal­ten. Tor­wart Dass Han­nes Hall­dórs­son ei­ner der be­kann­tes­ten Re­gis­seu­re Is­lands ist, trifft sich gut: Er könn­te sei­ne Le­bens­ge­schich­te ein­fach selbst ver­fil­men. Noch mit 21 Jah­ren war er zu schlecht und vor al­lem zu dick für ei­nen is­län­di­schen Dritt­li­gis­ten. „Da­mals hät­te er wohl mehr Chan­cen ge­habt, Is­lands er­folg­reichs­ter Strand­tuch­ver­käu­fer zu wer­den als Na­tio­nal­tor­wart“, schrieb das Ma­ga­zin „11 Freun­de“über den Kee­per vom FK Bo­dø/Glimt aus Nor­we­gen. Auf der Li­nie agiert Hall­dórs­son zwar stark. Sport­lich reicht das Ge­samt­pa­ket aber nicht her­an an Llo­ris. Ab­wehr Is­lands Vie­rer­ket­te spielt bei Hamm­ar­by IF, FK Kras­no­dar, Mal­mö FF und Oden­se BK. Al­ler­dings dürf­te sich das noch in die­sem Som­mer än­dern. Ra­g­nar Si­gurds­son und Ká­ri Ár­na­son bil­den in der In­nen­ver­tei­di­gung ei­ne Ab­wehr­mau­er der al­ten Schule, Tor­ver­hin­de­rer par ex­cel­lence. Bei­de sind je ein­mal zum „Man of the Match“ge­wählt wor­den, weil sie bei Stan­dards ger­ne ih­re Pen­dants auf der Ge­gen­sei­te tes­ten. Ár­na­son kommt so auf zwei As­sists nach Ein­wür­fen, Si­gurds­son traf im Ach­tel­fi­na­le ge­gen En­g­land zum Aus­gleich. Is­lands Ver­tei­di­gung an­ti­zi­piert glän­zend, wann es brenz­lig wird – der Ball auf die Tri­bü­ne ist ih­nen hei­lig. Mit­tel­feld Der Un­der­dog ant­wor­tet auf die Pog­ba-Pro­mi­nenz mit dem all­ge­gen­wär­ti­gen Wi­kin­ger Bir­kir Bjar­na­son so­wie Gyl­fi Si­gurds­son, dem bes­ten Fuß­bal­ler der Is­län­der. Dann wä­ren da noch der ein­wurf­ge­wal­ti­ge Ka­pi­tän Aron Gun­n­ars­son und der quir­li­ge Jóhann Berg Gud­munds­son. Drei von ih­nen wa­ren schon da­bei, als Is­lands U21 vor sechs Jah­ren dem deut­schen Team ei­ne bla­ma­ble Nie­der­la­ge zu­füg­te. 4:1 hieß es in Reyk­ja­vik. Dass Geg­ner das Ge­fühl ha­ben, ge­gen ei­ne dis­zi­pli­niert ver­schie­ben­de Hand­ball-Mann­schaft mit zehn Leu­ten zu spie­len, hängt auch mit der enor­men Ein­satz­be­reit­schaft des is­län­di­schen Mit­tel­fel­des zu­sam­men. Sturm Is­land stellt in Al­f­red Finn­bo­ga­son (FC Augs­burg) so­wie Jón Da­di Böd­vars­son (1. FC Kai­sers­lau­tern) zwar zwei Deutsch­land-Le­gio­nä­re. Doch we­der sie noch Kol­beinn Sig­t­hórs­son, der ge­gen En­g­land zum 2:1-Sieg traf, be­sit­zen in­ter­na­tio­na­les For­mat. Alt-Star Ei­dur Gud­john­sen (37 Jah­re) ist eher in be­ra­ten­der Funk­ti­on in Frank­reich mit da­bei. Die sechs To­re der Is­län­der er­ziel­ten sechs ver­schie­de­ne Schüt­zen. Te­am­geist Die Schlacht­ge­sän­ge der is­län­di­schen Fuß­bal­ler („Hu!“) sind jetzt schon le­gen­där, der Zu­sam­men­halt in­ner­halb des Ka­ders sucht sei­nes­glei­chen. Bei kei­ner an­de­ren Mann­schaft des Tur­niers spürt man ei­ne ähn­li­che Ver­bun­den­heit un­ter den Spie­lern wie bei den Is­län­dern. Spä­tes­tens seit dem Er­folg ge­gen En­g­land strot­zen sie nur so vor Selbst­ver­trau­en. „Wir sind Wi­kin­ger. Wir ha­ben vor nie­man­dem Angst“, sag­te Ab­wehr­spie­ler Ra­g­nar Si­gurds­son. In punc­to Te­am­geist kann kei­ne Mann­schaft Is­land das Was­ser rei­chen. Fans Mehr als 10.000 Men­schen be­ju­bel­ten in der In­selHaupt­stadt Reyk­ja­vik den Sen­sa­ti­ons­sieg ih­rer Mann­schaft ge­gen En­g­land, fei­er­ten ver­eint in Is­land-Blau und mit Wi­kin­ger­hel­men auf dem Kopf den his­to­ri­schen Tri­umph. Und in Frank­reich selbst sind der­zeit rund 20.000 Is­län­der un­ter­wegs, die ih­re Mann­schaft be­glei­ten. Das sind rund sechs Pro­zent der Ge­samt­be­völ­ke­rung!

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