RP-ON­LINE.DE/WIRT­SCHAFT

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - FO­TO: BRETZ

Im wich­ti­gen Ur­laubs­land Tür­kei gab es wie­der ei­nen schwe­ren An­schlag. Was be­deu­tet das? JOUS­SEN Das ist sehr, sehr trau­rig und macht uns na­tür­lich be­trof­fen. Die An­schlä­ge sind in Istan­bul pas­siert. Das Aus­wär­ti­ge Amt rät auf sei­ner In­ter­net­sei­te zu er­höh­ter Vor­sicht in den Groß­städ­ten. Die Ur­laubs­re­gio­nen an der Ägä­is und der tür­ki­schen Ri­vie­ra lie­gen aber meh­re­re hun­dert Ki­lo­me­ter von Istan­bul ent­fernt. Wich­tig ist nun, dass sich die Gäs­te im In­ter­net und im Rei­se­bü­ro in­for­mie­ren und dann ih­re Ent­schei­dung tref­fen. Die Tür­kei ist ein sehr gast­freund­li­ches Land mit wun­der­ba­ren Ho­tels, aber wir über­re­den nie­man­den. Wir sind in mehr als 100 Län­dern der Welt mit ei­ge­nen Mit­ar­bei­tern – al­so sind wir in der La­ge, un­se­ren Gäs­ten ei­ne Viel­zahl von Al­ter­na­ti­ven an­zu­bie­ten. Der zu­neh­men­de Terror kann Ih­nen das Ge­schäft ver­der­ben. JOUS­SEN So trau­rig das ist, die Ter­ror­ge­fah­ren sind Teil un­se­res All­tags ge­wor­den. Das ha­ben wir mit­ten in Eu­ro­pa in Pa­ris und Brüs­sel ge­se­hen. Aber auch in Sous­se in Tu­ne­si­en, wo vor ei­nem Jahr ein Haus von uns Ziel ei­nes fürch­ter­li­chen An­schla­ges war. Es zeigt sich mo­men­tan ein kla­rer Trend weg vom öst­li­chen Mit­tel­meer hin nach Spa­ni­en, Ita­li­en oder auch in die Ka­ri­bik. An­de­rer­seits steht für mich fest: Die Men­schen wol­len rei­sen, und es wer­den die­ses Jahr so vie­le Men­schen welt­weit in Ur­laub fah­ren wie noch nie. Ins­ge­samt sind die Ri­si­ken be­herrsch­bar: Das höchs­te Ri­si­ko ist sta­tis­tisch ge­se­hen noch im­mer die Fahrt zum Flug­ha­fen, die Ge­fahr ei­nes nor­ma­len Ver­kehrs­un­fal­les. Nun will Groß­bri­tan­ni­en aus der EU aus­stei­gen, Tui ver­liert als in Lon­don no­tier­te Ak­tie mehr als 15 Pro­zent. JOUS­SEN Kurz­fris­tig ent­steht Un­si­cher­heit. Das zeigt sich in den hef­ti­gen Be­we­gun­gen vie­ler Ak­ti­en im Ban­ken­sek­tor, bei Flug­ge­sell­schaf­ten und auch uns. Soll­te das Pfund nach­hal­tig Wert ver­lie­ren, be­ein­träch­tigt das die Kauf­kraft. Aber wenn Sie mich fra­gen, ob die rei­se­lus­ti­gen Bri­ten des­we­gen we­ni­ger Ur­laub ma­chen? Ich be­zweif­le das. Groß­bri­tan­ni­en ist ein gro­ßer Markt für Tui, aber wir sind auch ein welt­wei­ter Kon­zern. Al­le Pro­gno­sen sa­gen, dass der glo­ba­le Tou­ris­mus wächst. Wir hal­ten die Aus­wir­kun­gen für be­herrsch­bar. Und wir be­stä­ti­gen auch nach dem Re­fe­ren­dum un­se­re Pro­gno­se für Tui. Bringt Ur­laub Geld? JOUS­SEN Auch ge­schäft­lich ist Ur­laub at­trak­tiv: Wir rech­nen da­mit, dass der ope­ra­ti­ve Ge­winn der Tui in den nächs­ten drei Jah­ren je­weils um zehn Pro­zent steigt. Der bis­he­ri­ge Ver­lauf der Sai­son be­stä­tigt mich in die­ser Er­war­tung, trotz der Tur­bu­len­zen. Bei den Bu­chun­gen ha­ben wir ein Um­satz­plus von zwei Pro­zent im ers­ten Halb­jahr ein­ge­fah­ren. Der Tou­ris­mus ist ei­ne Wachs­tums­in­dus­trie. On­line-Bu­chen liegt im Trend. Ein Pro­blem für Tui als wich­tigs­ter An­bie­ter von Pau­schal­rei­sen? JOUS­SEN Nein. Pau­schal­rei­sen sind heu­te sehr in­di­vi­du­ell, es geht um gu­ten Ser­vice und Kom­fort. Und die Si­cher­heit, die ein Kon­zern wie Tui bie­tet, weil er in mehr als 100 Län­dern für die Gäs­te da ist. Für vie­le Men­schen ist kein Kauf emo­tio­nal wich­ti­ger als ein schö­ner Ur­laub. Es ist die wich­tigs­te In­ves­ti­ti­on des Jah­res für die gan­ze Fa­mi­lie. Sie möch­ten et­was er­le­ben, sie wol­len kein Ri­si­ko, sie möch­ten sich wohl­füh­len, sie wol­len da­von spä­ter er­zäh­len – al­so ach­ten Gäs­te auf Qua­li­tät. Ein Ge­gen­satz zum Sie­ges­zug des In­ter­nets ist das üb­ri­gens nicht: Die Men­schen in­for­mie­ren sich di­gi­tal über un­se­re An­ge­bo­te oder Zie­le und bu­chen zu­neh­mend on­line. Das Rei­se­bü­ro ist tot? JOUS­SEN Nein. Na­tür­lich wird un­se­re In­dus­trie di­gi­ta­ler, aber wir Deut­sche mö­gen wei­ter die Be­ra­tung im Rei­se­bü­ro. In Schwe­den oder Groß­bri­tan­ni­en spielt On­line da­ge­gen heu­te schon ei­ne viel grö­ße­re Rol­le. Aber Städ­te­rei­sen wer­den doch nicht mehr im Pa­ket ge­kauft. JOUS­SEN Der Markt dif­fe­ren­ziert sich. Bei Ge­schäfts­rei­sen und Städ­te­tou­ren bucht der Kun­de Flug und Ho­tel häu­fi­ger ge­trennt. Aber selbst als Viel­rei­sen­der mit 160 Rei­se­ta­gen im Jahr ha­be ich mir für ein Fa­mi­li­en­wo­chen­en­de in Bar­ce­lo­na von ei­nem Rei­se­bü­ro ein Ho­tel emp­feh­len las­sen. Rei­ne On­li­ne­su­chen sind für vie­le un­se­rer Kun­den oft frus­trie­rend, sie möch­ten kom­pe­ten­ten Rat – auch dar­um bau­en wir un­se­re Rei­se­bü­ros teil­wei­se aus. Al­ler­dings sind Städ­te­rei­sen nicht das Kern­ge­schäft der Tui, beim Ur­laub mit Son­ne und Strand zäh­len die Qua­li­tät des Hau­ses, das Ur­laubs­land, die La­ge des Ho­tels und auch die Mar­ke. Dann ver­kau­fen Sie doch nur noch Über­nach­tun­gen. JOUS­SEN Wir än­dern tat­säch­lich un­se­re Stra­te­gie. Die Tui war frü­her ein Händ­ler von Rei­sen. Un­se­re In­ves­ti­tio­nen ge­hen heu­te in ei­ge­ne Ho­tels und in den Aus­bau un­se­rer drei Kreuz­fahrt­flot­ten in Deutsch­land und in En­g­land. Wir wer­den so zu­neh­mend ein Ho­tel- und Kreuz­fahrt­kon­zern. Un­se­re Rei­se­bü­ros, un­se­re Ver­triebs­part­ner und un­se­re 140 Flug­zeu­ge ga­ran­tie­ren ho­he Aus­las­tun­gen der ei­ge­nen Ho­tels und Schif­fe, weil wir Ver­trieb und Flug­plä­ne auf sie aus­rich­ten. Da­mit wird der Kon­zern ge­stärkt und ro­bus­ter, weil im Ho­tel­ge­schäft deut­lich hö­he­re Mar­gen lie­gen als im Han­del. Wä­re es nicht schlau­er, ei­nen On­line­händ­ler wie Tri­va­go zu über­neh­men, um Geld oh­ne ho­he In­ves­ti­tio­nen in Ho­tels zu ma­chen? JOUS­SEN Tri­va­go ist si­cher ein span­nen­des Un­ter­neh­men. Aber Tri­va­go ist ei­ne In­ter­net-Platt­form, kein Ho­te­lier wie wir. Un­se­re DNA ist die Tou­ris­tik, und das Ge­schäft be­herr­schen wir sehr gut, auch in der di­gi­ta­len Welt. Un­se­re In­ves­to­ren schät­zen un­se­re Stra­te­gie: Wir bau­en 60 neue Ho­tels, bis 2019 kommt je­des Jahr ein neu­es Kreuz­fahrt­schiff in die Flot­te. In Me­xi­ko baut Riu bis 2020 sechs neue Ho­tels, das sind 645 Mil­lio­nen Dol­lar In­ves­ti­tio­nen. Die Ka­pi­tal­ren­di­te un­se­rer Häu­ser in der Ka­ri­bik liegt deut­lich über 15 Pro­zent, weil wir sie 365 Ta­ge im Jahr aus­las­ten kön­nen. Und die Kreuz­fahr­ten? JOUS­SEN Auch sie las­sen sich ganz­jäh­rig aus­las­ten. Ein Schiff kos­tet rund ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Eu­ro. Ein Fünf­tel da­von brin­gen wir sel­ber auf, der Rest wird fi­nan­ziert. Ein Schiff der Tui Crui­ses er­wirt­schaf­tet rund 50 Mil­lio­nen Eu­ro Er­geb­nis im Jahr. Auch hier bleibt ei­ne sehr gu­te Ren­di­te auf das Ei­gen­ka­pi­tal. Das bei­des zeigt die ein­ge­lei­te­te Trans­for­ma­ti­on des Kon­zerns. Was hal­ten Sie da­von, dass der Flug­ha­fen Düs­sel­dorf die Ka­pa­zi­tät um 15 Pro­zent er­hö­hen will? JOUS­SEN Düs­sel­dorf ist für mich ei­ner der bes­ten Flug­hä­fen – kur­ze We­ge, ein sehr gu­tes An­ge­bot an Non­stop-Flü­gen in Eu­ro­pa und hel­le, mo­der­ne Ter­mi­nals. Er liegt nah an gro­ßen Städ­ten. Der Aus­bau der Ka­pa­zi­tä­ten er­scheint mir sinn­voll und das rich­ti­ge Si­gnal in die Zu­kunft. Die gan­ze Re­gi­on pro­fi­tiert da­von, dass der Flug­ha­fen so vie­le in­ter­na­tio­na­le Ver­bin­dun­gen hat. REIN­HARD KO­WA­LEW­SKY FASS­TE DAS GE­SPRÄCH ZU­SAM­MEN. MEHR UN­TER: WWW.RP-ON­LINE.DE/WIRT­SCHAFT

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.