Auf­räum­ar­bei­ten bei Bil­fin­ger

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Seit ges­tern hat der an­ge­schla­ge­ne Bau­kon­zern mit Tho­mas Bla­des ei­nen neu­en Chef. Wich­tigs­te Auf­ga­be für den in Ham­burg ge­bo­re­nen Bri­ten: Ru­he in ei­nen völ­lig ver­un­si­cher­ten MDax-Kon­zern zu brin­gen.

MANN­HEIM Bei der Haupt­ver­samm­lung des Bau­kon­zerns Bil­fin­ger Mit­te Mai war die Stim­mung – ge­lin­de ge­sagt – ge­reizt. Der Kon­zern hat­te nach Be­kannt­ga­be ei­nes Re­kord­ver­lus­tes von knapp ei­ner hal­ben Mil­li­ar­de Eu­ro für das Jahr 2015 die Di­vi­den­de ge­stri­chen. Ein Ak­tio­närs­ver­tre­ter stell­te die pro­vo­kan­te Fra­ge: „Wann wer­den wir wie­der ei­ne nor­ma­le AG?“

Tat­säch­lich lief bei dem Mann­hei­mer Bau- und Inus­trie­kon­zern zu die­sem Zeit­punkt längst nicht mehr al­les nor­mal. Der Chef­ses­sel ver­kam mehr und mehr zum Schleu­der­sitz. Nach meh­re­ren Ge­winn­war­nun­gen in Fol­ge muss­te zu­nächst im Au­gust 2014 der frü­he­re hes­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ro­land Koch (CDU) nach gut drei ak­tio­nis­ti­schen, aber er­folg­lo­sen Jah­ren sei­nen Hut neh­men. Sein Vor­gän­ger Her­bert Bod­ner, zu die­sem Zeit­punkt längst in den Ru­he­stand ver­setzt, über­nahm in­te­rims­wei­se das Steu­er, ehe Per Ut­ne­gaard ran durf­te. Doch auch der Nor­we­ger blieb glück­los. Das „Ma­na­ger Ma­ga­zin“be­rich­te­te spä­ter, Ut­ne­gaard ha­be vor al­lem Cha­os be­wirkt. Zu­dem gab es den Vor­wurf, er ha­be dra­ma­tisch ho­he Spe­sen­ab­rech­nun­gen zu ver­ant­wor­ten. Au­ßer­dem soll er zu sel­ten in Mann­heim ge­we­sen sein. Ut­nee­gards Gast­spiel dau­er­te nicht ein­mal ein Jahr. Mit Fi­nanz­vor­stand Axel Salz­mann über­nahm wie­der ein In­ter­rims-Vor­stands­vor­sit­zen­der.

Seit ges­tern nun hat Bil­fin­ger ei­nen neu­en Vor­stands­chef. Tho­mas Bla­des trat sei­nen Di­enst an. Bil­fin­gerAuf­sichts­rats­chef Eckhard Cor­des hat­te den 1956 in Ham­burg ge­bo­re­nen Bri­ten vom Gas-Kon­zern Lin­de ge­holt, wo er als Vor­stand das Ame­ri­ka-Ge­schäft so­wie die Spar­ten Me­di­zin und He­li­um ver­ant­wor­te­te. Zur Si­cher­heit stat­te­te Cor- des den Neu­en gleich mal mit or­dent­lich Vor­schuss-Lor­bee­ren aus: „Tho­mas Bla­des ist ein pro­fi­lier­ter In­dus­trie­ex­per­te, der brei­te Er­fah­rung in wich­ti­gen Kun­den­bran­chen von Bil­fin­ger mit­bringt.“Er ha­be in sei­ner Kar­rie­re mehr­fach be­wie­sen, dass er kom­ple­xe Füh­rungs­auf­ga­ben meis­tern und Fir­men er­folg­reich neu aus­rich­ten kön­ne. Er­fah­run­gen ge­sam­melt hat­teB­la­des, der in En­g­land, Bel­gi­en, Sin­ga­pur und den USA auf­wuchs und im fran­zö­si­schen Lyon und dem bri­ti­schen Sal­ford Elek­tro­in­ge­nieur-We­sen stu­dier­te, un­ter an­de­rem beim ame­ri­ka­ni­schen ÖlSpe­zia­lis­ten und In­dus­trie­dienst­leis­ter Hal­li­bur­ton. Auch ins Rhein­land ver­schlug es Bla­des vor­über­ge­hend: In Kle­ve war er fünf Jah­re Chef von Spec­tro Ana­ly­tic In­stru­ments, ei­nem mit­tel­stän­di­schen Her­stel­ler von Analyse-In­stru­men­ten. Von 2009 bis 2012 war er zu­dem als Vor­stand bei Sie­mens zu­stän­dig für den Ener­gy-Sek­tor, der ne­ben Abu Dha­bi in Duis­burg be­hei­ma­tet ist.

Der als ru­hig gel­ten­de zwei­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter hat nun ei­ne gro­ße Auf­ga­be vor sich. Der einst stol­ze Bau­kon­zern steckt seit Jah­ren im Um­bruch. Der Wan­del vom Bauz­um glo­ba­len Kon­zern für Di­enst­leis­tun­gen rund um Kraft­wer­ke, In­dus­trie­an­la­gen und Ge­bäu­de war lan­ge die zen­tra­le Stra­te­gie. Ex­per­ten hal­ten sie für ge­schei­tert. Die Ab­kehr vom zy­kli­schen und mit ho­hen Pro­jek­t­ri­si­ken ver­bun­de­nen Bau und der Aus­bau der Di­enst­leis­tun­gen durch Zu­käu­fe brach­te nicht die er­hoff­te Sta­bi­li­tät. Auch Ein­spa­run­gen und Zu­satz­ge­schäf­te gin­gen nicht auf. Die Zu­rück­hal­tung der Strom­kon­zer­ne nach der Ener­gie­wen­de in Deutsch­land, ge­kapp­te In­ves­ti­tio­nen in der Öl- und Gas­in­dus­trie im Zu­ge des Öl­preis­ver­falls so­wie haus­ge­mach­te Pro­ble­me mach­ten die hoch­flie­gen­den Plä­ne end­gül­tig zu­nich­te.

Der ge­plan­te Ver­kauf des Kraft­werks­ge­schäfts und die Kon­zen­tra­ti­on auf Eu­ro­pa war ein ers­ter ra­di­ka­ler Schwenk. Doch die Käu­fer­su­che für das kri­seln­de Ge­schäft rund um Groß­kraft­wer­ke gilt als schwie­rig. Zu­letzt stand ne­ben dem Kraft­werks­ge­schäft auch der Ver­kauf des wich­ti­gen Bau- und Ge­bäu­de­dienst­leis­tungs­ge­schäfts zur Dis­po­si­ti­on – und da­mit ein Herz­stück Bil­fin­gers.

„Bil­fin­ger hat viel Po­ten­zi­al“, sag­te der Neue un­längst. „Ich freue mich auf die neue Auf­ga­be und bin über­zeugt, dass wir den Kon­zern ge­mein­sam zu­rück in die Er­folgs­spur brin­gen.“

FO­TO: DPA

Tho­mas Bla­des (59) ist der Neue an der Bil­fin­ger-Spit­ze.

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