LE­BEN

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - HOCHSCHULE - VON ANNE BLAUTH

Pu­b­lic Viewing im Hör­saal

Ein Fahr­rad, ge­schmückt mit Deutsch­land­fah­nen, in sämt­li­chen Grö­ßen und For­men. Am Len­ker flat­tert die Ha­waii-Ket­te – schwarz, rot, gold, ver­steht sich. Selbst der Fah­rer hat sich in ein Deutsch­lan­dRe­gen­cape ge­hüllt. So sieht die Stu­den­ten­ver­si­on der mit Fähn­chen und Blu­men und Bän­dern de­ko­rier­ten Au­tos aus, die bis­wei­len vie­le Bli­cke auf sich zieht. Selbst den der Nicht-Fuß­bal­lfans. Im­mer wenn der Fahr­rad-Fähn­chen-Re­gen­capeStu­dent sein Ve­hi­kel am Ein­gang zur Men­sa parkt, sorgt er für ei­ne Blo­cka­de. Weil al­le mal ein biss­chen gu­cken und stau­nen wol­len. Er scheint Men­schen mit be­mal­ten Wan­gen und Flag­gen in der Hand an­zu­lo­cken, wie das Licht die Mü­cken. Gut, viel­leicht liegt das auch an der Lein­wand, die dort auf­ge­stellt wur­de fürs Pu­b­lic Viewing. Das will ein kon­se­quen­ter Fuß­ball

geg­ner aber ir­gend­wie nicht wahr­ha­ben. Die Zahl der Fuß­bal­lfans ist in den ver­gan­ge­nen Wo­chen näm­lich um ge­fühl­te 200 Pro­zent an­ge­stie­gen. Selbst je­ne, die zu Bun­des­li­ga- und Cham­pi­ons Le­ague-Zei­ten nur schnö­de die Na­se rümp­fen, sind auf ein­mal Ex­per­ten. „Da muss man doch zu­gu­cken, wenn Deutsch­land spielt“, hö­ren die Nicht-Fuß­bal­lFans plötz­lich von den­je­ni­gen, mit de­nen sie sich vor ein paar Mo­na­ten noch ei­nig dar­über wa­ren, dass sich 90 Mi­nu­ten auch un­ter­halt­sa­mer ver­brin­gen las­sen. Zum Bei­spiel im Hör­saal in der Vor­le­sung.

So be­gann ein Pro­fes­sor, ent­ge­gen bis­he­ri­ger Ge­wohn­hei­ten, in die­sem Se­mes­ter mit dem schwie­rigs­ten The­ma – in wei­ser Vor­aus­sicht, weil die Kon­zen­tra­ti­on am En­de des Se­mes­ters, so sei­ne Pro­gno­se, deut­lich nach­las­sen be­zie­hungs­wei­se auf ein ganz an­de­res The­ma ge­lenkt wür­de. Ein Blick in Vor­le­sun­gen, die par­al­lel zu ei­nem EM-Spiel lau­fen, gibt ihm recht: Die Kon­zen­tra­ti­on wird ka­na­li­siert, auf die um­ste­hen­den Ta­blets und Lap­tops – Pu­b­lic Viewing im Hör­saal so­zu­sa­gen. Ei­nen un­be­streit­ba­ren Vor­teil bie­tet die EM aber auch je­nen, die sich nicht nur dem Ru­del­gu­cken, son­dern dem Gu­cken von Deutsch­land­spie­len all­ge­mein ent­zie­hen: Sie kön­nen end­lich mal wie­der in Ru­he ein­kau­fen.

FO­TO: BLAUTH

Anne Blauth stu­diert Ge­schich­te und Ma­the­ma­tik

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