Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG -

Aga­ta, du siehst heu­te wun­der­schön aus, wie ein Traum . . .“Er hielt in­ne. „Na­tür­lich mei­ne ich nicht heu­te, son­dern bei der Hoch­zeit.“Ag­gy ver­dreh­te die Au­gen. An­na ap­plau­dier­te.

„Als ich dir ei­nen Hei­rats­an­trag ge­macht ha­be, war ich nicht si­cher, ob du ja sa­gen wür­dest. Du hät­test si­cher auch ei­nen Bes­se­ren fin­den kön­nen. Aber ich freue mich so, dass du ja ge­sagt hast. Und des­halb sind wir jetzt hier.“

Ei­ne Pause ent­stand. Chris fal­te­te den Zet­tel wie­der zu­sam­men.

„Was? Soll das et­wa al­les ge­we­sen sein?“, kreisch­te Ag­gy. Chris sah sie ver­dat­tert an. „Äh?“„Dan­ke, dass du ge­kom­men bist, okay? Mehr nicht?“In­zwi­schen ver­stand An­na nicht mehr, wie sie je hat­te da­ge­gen sein kön­nen, die Ehe­ver­spre­chen vor­zu­le­sen. Sol­chen Spaß hat­te sie schon lan­ge nicht mehr ge­habt.

„Ich kann auch noch was da­zu­schrei­ben!“, ent­geg­ne­te Chris, of­fen­bar ge­kränkt. „Das will ich dir ge­ra­ten ha­ben.“„Ag­gy, per­sön­li­che Ehe­ver­spre­chen. Per­sön­lich. Prinz Ch­ris­syBärs freie Ent­schei­dung“, mein­te An­na.

„Ja, al­so soll­te er sich bes­ser auch per­sön­lich aus­drü­cken“, er­wi­der­te Ag­gy.

Nach­dem das Ge­schirr vom Mit­tag­es­sen ab­ge­räumt war, bot Chris An­na an, sie nach Hau­se zu fah­ren. Da er und Ag­gy in Tot­ten­ham wohn­ten, setz­ten sie An­na häu­fig ab.

An die­sem Wo­che­n­en­de be­schloss An­na, die Ge­le­gen­heit zu nut­zen und den Kar­ton mit ih­ren Ta­ge­bü­chern aus Schul­zei­ten zu ex­hu­mie­ren, der wie ein Blind­gän­ger aus dem Welt­krieg auf dem Dach­bo­den ruh­te. Seit dem Klas­sen­tref­fen hat­te sie das Be­dürf­nis, rei­nen Tisch zu ma­chen. Sie leb­te in stän­di­ger Furcht, dass die Sa­chen ei­nes Ta­ges in die fal­schen Hän­de ge­ra­ten könn­ten. Der Zeit­punkt war ge­kom­men, sie ein für al­le Mal zu be­sei­ti­gen. Wür­de sie sie vor­her noch ein­mal durch­le­sen? An­na war nicht si­cher, ob sie die Kraft da­zu hat­te. Schließ­lich wuss­te sie, wie die Ge­schich­te aus­ging.

Wäh­rend sie den Kar­ton und ei­ne aus­ge­beul­te Ta­sche mit Krims­krams hin­ten in den Van pack­ten, hat­te An­na kurz Ge­le­gen­heit, au­ßer Hör­wei­te von Ag­gy mit Chris zu spre­chen.

„Lass dich von ihr nicht platt­wal­zen. Im­mer­hin ist es auch dei­ne Hoch­zeit. Die Ehe­ver­spre­chen sind ab­so­lut in Ord­nung.“

„Ach, das wa­ren ja gar nicht die rich­ti­gen, weißt du? Ich woll­te sie nur auf­zie­hen. Als ob ich die jetzt schon vor­le­sen wür­de! Es soll ei­ne Über­ra­schung wer­den.“Als er An­na zu­zwin­ker­te, lach­te sie.

Ag­gy gab, wie sie selbst sag­te, „ei­ne Stan­ge Geld“für die­se Hoch­zeit aus, dach­te An­na, und das, ob­wohl Chris ihr längst ver­fal­len war. Sie hoff­te nur, dass ih­re Schwes­ter in der La­ge wä­re, die Din­ge, die wirk­lich ihr Ge­wicht in Gold wert wa­ren, von Stil­ton-Löf­feln aus mas­si­vem Sil­ber zu un­ter­schei­den.

Ja­mes hat­te den Raum auf dem La­ge­plan des UCL rasch ent­deckt. Als er die schwe­re Tür des lee­ren Hör­saals öff­ne­te, emp­fand er ei­ne so un­heil­vol­le Vor­ah­nung wie seit sei­nem ei­ge­nen Stu­di­en­ab­schluss nicht mehr. (Psy­cho­lo­gie, Exe­ter – et­wa so chan­cen­reich auf dem Ar­beits­markt wie Lu­ther bei ei­nem il­le­ga­len Hun­de­kampf in Lam­beth.)

An­na saß in der ers­ten Rei­he und wink­te ihm zur Be­grü­ßung zu. Da­bei lä­chel­te sie nicht, son­dern bog, wie Ja­mes fest­stell­te, nur leicht die Mund­win­kel nach oben, kei­ne groß­ar­ti­ge Ges­te zwar, aber im­mer­hin bes­ser als nichts.

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