Herr Kia­wa und der Tod

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON LUD­WIG KRAUSE

Wenn er den Men­schen er­zählt, was er be­ruf­lich macht, schüt­telt es sie manch­mal. Nor­bert Kia­wa ist Fried­hofs­ar­bei­ter.

Beim ers­ten Mal darf er nur zu­schau­en. Zwei Leu­te neh­men ei­ne Ur­ne, sechs ei­nen Sarg. Auch beim zwei­ten Mal steht Nor­bert Kia­wa am Rand. Er be­ob­ach­tet: Je­der hat sei­nen Platz, kennt genau sei­ne We­ge. Beim drit­ten Mal tritt er selbst an den Sarg. „Ich kann mich noch gut an die ers­te Be­er­di­gung er­in­nern“, sagt der 45-Jäh­ri­ge. Ob er auf­ge­regt war? „Ja, sehr.“

Seit acht Jah­ren ist Kia­wa Fried­hofs­ar­bei­ter und Be­stat­tungs­ge­hil­fe in Stof­feln. Er küm­mert sich dar­um, dass die We­ge or­dent­lich, der Ra­sen ge­mäht und die He­cken ge­schnit­ten sind. Und er be­glei­tet die To­ten auf dem Weg ins Gr­ab, als Sarg- oder Ur­nen­trä­ger. Wenn er den Men­schen er­zählt, was er von Be­ruf ist, schüt­telt es sie manch­mal. „Wie kann man so­was ma­chen?“, fra­gen sie ihn dann. Kia­wa zuckt die Schul­tern. „Ei­ner muss es ja ma­chen“, sagt er. „Und ich ma­che es ger­ne.“

Kia­wa kommt aus Ke­nia, seit 22 Jah­ren lebt er in Deutsch­land. Er ist ver­hei­ra­tet, hat vier Kin­der im Al­ter von zehn bis 19 Jah­ren. „Mei­ne Kin­der kom­men mich manch­mal auf dem Fried­hof be­su­chen“, sagt er. „Mei­ne Frau möch­te von der Ar­beit lie­ber nichts hö­ren.“Wenn man ihn so da sit­zen sieht, auf ei­ner die­ser grü­nen Fried­hofs­bän­ke, wirkt Nor­bert Kia­wa wie ein ein­la­den­der, fröh­li­cher Mensch. Und doch um­gibt er sich täg­lich mit Trau­ern­den. Ganz frei­wil­lig. „Man lernt, da­mit um­zu­ge­hen“, sagt er.

Ihr Auf­tritt ist spät. Wäh­rend der Trau­er­fei­er war­ten die Sargträger in ei­nem ei­ge­nen Raum. Mit ei­ner Klin­gel si­gna­li­siert ih­nen der Pries­ter, den Sarg aus der Ka­pel­le hin­aus zum Fahr­zeug zu tra­gen. Es fol­gen die Krän­ze, ehe es zur Gr­ab­stel­le geht. Ei­ner der Kol­le­gen läuft Me­ter vor dem Trau­er­zug. Dun­kel­grau­er An­zug und Müt­ze, hell­grau­es Hemd, schwar­ze Schu­he und Kra­wat­te. Im Win­ter darf es auch mal der Roll­kra­gen sein. Gärt­ner hö­ren mit der Ar­beit auf, Spa­zier­gän­ger hal­ten in­ne.

Wor­über er bei sei­ner Ar­beit nach­denkt? „Ger­ne über schö­ne Din­ge, wie mei­ne Kin­der“, sagt er. Manch­mal dann aber doch über das Le­ben und den Tod. Wenn kaum je- mand bei ei­ner Be­er­di­gung auf­taucht. Oder wenn es an­ders zu­geht als sonst. „Wir Afri­ka­ner trau­ern sehr emo­tio­nal und laut, tra­gen bun­te Klei­der und sin­gen viel. Grie­chen trin­ken und es­sen schon mal am of­fe­nen Gr­ab.“

Kia­wa ist ei­ner von et­wa zehn Sarg­trä­gern auf dem Fried­hof. Um 7 Uhr be­ginnt sein Tag, für die Gar­ten­ar­beit schlüpft der 45-Jäh­ri­ge in ei­ne Latz­ho­se und Ar­beits­schu­he. Der Fried­hof ist vor al­lem grün – und stän­dig pfle­ge­be­dürf­tig. Diens­tags und don­ners­tags kom­men Ur­nen-Be­er­di­gun­gen da­zu, mitt­wochs und frei­tags die mit Sarg.

„Ich hel­fe ger­ne Men­schen und ar­bei­te am liebs­ten im Frei­en. Au­ßer­dem ist es hier oft schön ru­hig“, sagt Kia­wa. Un­an­ge­nehm kann es trotz­dem wer­den – et­wa wenn Lei­chen um­ge­bet­tet wer­den müs­sen. Be­son­ders, wenn die erst seit ei­ni­gen Mo­na­te in der Er­de lie­gen. Der Ge­ruch.

In Düs­sel­dorf wer­den Sär­ge eher nicht von An­ge­hö­ri­gen und Freun­den ge­tra­gen, zu groß ist die Sor­ge vor dem Un­denk­ba­ren: Je­mand könn­te stol­pern und stür­zen, beim Her­ab­las­sen des Sar­ges könn­te das Seil aus der Hand rut­schen, am En­de gar je­mand dem Sarg in die Gr­ab­stel­le hin­ter­her­fal­len. Aus die­sem Grund ge­hö­ren die Sargträger fest zur Aus­stat­tung des Fried­hofs.

Auf die Stel­le auf­merk­sam wur­de Kia­wa im In­ter­net. „Ich woll­te ger­ne in den öf­fent­li­chen Di­enst“, sagt er. Der Fried­hof ist ihm nicht fremd, zu­vor hat er als St­ein­metz ge­ar­bei­tet.

Dass der Be­ruf längst nicht je­dem liegt, weiß Jörg De­ter von der Stadt Düs­sel­dorf aus zahl­rei­chen Be­wer­bungs­ge­sprä­chen. „Man muss sich mit dem Tod aus­ein­an­der­set­zen, das möch­te nicht je­der.“So­gar man­che von je­nen, die sich vor­her noch selbst­be­wusst auf die Brust klop­fen, win­ken nach den ers­ten Ta- gen zwi­schen den Grä­bern ab. Was man mit­brin­gen muss? „Man muss hilfs­be­reit sein und den Um­gang mit Men­schen mö­gen, Ver­ständ­nis auf­brin­gen und im Team ar­bei­ten kön­nen“, sagt Kia­wa. Und ein Be­wusst­sein da­für ha­ben, dass je­de Be­er­di­gung an­ders ist, auch wenn es manch­mal bis zu 15 in ei­ner Wo­che sein kön­nen. Ge­stor­ben wird im­mer. „Am An­fang ha­be ich noch ge­zählt. Mitt­ler­wei­le ha­be ich auf­ge­ge­ben.“

RP-FO­TO: ANDREAS BRETZ

Nor­bert Kia­wa ist seit acht Jah­ren Be­stat­tungs­ge­hil­fe auf dem Fried­hof in Stof­feln. „Man lernt, da­mit um­zu­ge­hen“, sagt der 45-jäh­ri­ge Fa­mi­li­en­va­ter.

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