Wo bit­te geht es hier zur Sze­ne?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEILE -

Un­ser Au­tor hat sich in Flin­gern rund um die Acker­stra­ße nach Sze­ni­gem um­ge­se­hen und bei sei­ner Su­che viel Kopf­schüt­teln ge­ern­tet.

Plup“ist der Na­me ei­nes La­dens an der Acker­stra­ße, ei­ne Ab­kür­zung für „Pla­net Up­cy­cling“. In dem La­den kann man un­ter an­de­rem De­si­gn­ob­jek­te kau­fen, her­ge­stellt aus weg­ge­wor­fe­nen oder aus­ran­gier­ten Ma­te­ria­li­en. Zum Bei­spiel No­tiz­bü­cher zum Preis von 25 Eu­ro, de­ren De­ckel aus recht­eckig zu­ge­schnit­te­nen Vi­nyl­schall­plat­ten be­ste­hen. Beim Stö­bern ent­deck­te ich ei­ne Schei­be von De­pe­che Mo­de, de­nen ein sol­ches Up­cy­cling zum Vor­teil ge­reicht, aber auch ei­ne von John­ny Cash – ei­ne Schöp­fung die­ses mu­si­ka­li­schen Über­va­ters in ei­nen No­tiz­buch­de­ckel zu ver­wan­deln, mag ma­te­ri­el­les Up­cy­cling sein, aus ethisch-mo­ra­li­scher Sicht ist es Down­cy­cling bis in den un­ters­ten Höl­len­kreis. Okay, dach­te ich. Das hier müss­te ei­ner die­ser Lä­den sein, die al­le Welt ver­an­las­sen, Flin­gern für „sze­nig“zu hal­ten und in den höchs­ten Tö­nen von Flin­gern zu schwär­men. Wie ich im Fol­gen­den dar­le­gen wer­de, ist Flin­gern, zu­mal die Acker­stra­ße – der zen­tra­le Ver­samm­lungs­ort der an­geb­li­chen Sze­ne –, in Wahr­heit je­doch höchs­tens mal sze­nig ge­we­sen.

Mein ers­ter Be­such in der Acker­stra­ße galt ei­nem Künst­ler­ate­lier. An­ge­lockt von dem Schild „Ver­rück­te Lie­be“über ei­ner Tor­ein­fahrt spa­zier­te ich in ei­nen Hin­ter­hof, an des­sen En­de die knall­bunt be­mal­te Mer­ce­des-E-Klas­se des Künst­lers C. E. Bour­get park­te, der aber nicht da war. Da­für war sein Nach­bar da, Mar­tin Ple­tow­ski, eben­falls Künst­ler. Er stand, mit dem Rü­cken zur of­fe­nen Ein­gangs­tür sei­nes Ate­liers, vor ei­ner Lein­wand. Ich: „Gu­ten Tag, wo bit­te­schön ist hier die Sze­ne, von der al­le re­den?“Ple­tow­ski dreh­te sich um, kam ein paar Schrit- te auf mich zu und sag­te, hm, er wis­se nicht so genau, was mit dem Aus­druck ge­meint sei. Viel­leicht, dass es in Flin­gern frü­her mal be­zahl­ba­ren Wohn­raum und güns­ti­ge Ate­liers ge­ge­ben ha­be. Er zuck­te mit den Ach­seln, lä­chel­te und re­sü­mier­te: „Das war’s schon.“

Ich gab mich im wei­te­ren Ver­lauf mei­ner Re­cher­che als Tou­rist aus, dem Freun­de ans Herz ge­legt hat­ten, bei mei­nem Düs­sel­dorf­be­such un­be­dingt Flin­gern zu be­su­chen, weil das so sze­nig sei. Das war noch nicht mal ge­lo­gen, denn Tou­rist und Jour­na­list ist ja fast das Glei­che: Bei­de streu­nen in Ge­fil­den her­um, von de­nen sie meist we­nig Ah­nung ha­ben, bil­den sich ruck­zuck ei­ne Mei­nung, und dann fah­ren sie heim und gu­cken Tat­ort.

Ich spa­zier­te al­so ah­nungs- und vor­be­halt­los durch die Acker­stra­ße und frag­te Pas­san­ten, wo denn die be­rühm­te Sze­ne zu fin­den sei. Ein Mann in den Sech­zi­gern ant­wor­te­te, das Wort „sze­nig“sa­ge ihm nichts. „Für mich ist das al­les nor­mal hier.“Ei­ne Frau von Mit­te sech­zig riet mir, ich sol­le es in der In­nen­stadt ver­su­chen, dort gä­be es viel zu se­hen. Ehe man mir vor­hält, ich hät­te nur nicht-sze­ni­ges Volk be­fragt: Ich bin auch im Ca­fé Re­kord ge­we­sen, das vie­le gän­gi­gen Merk­ma­le ei­nes Sze­ne-Ca­fés (Re­tro­look usw.) auf­weist. Ei­ner der Gäs­te, ein jun­ger Typ mit sze­ni­gem Sie­ben­ta­ge­bart, sag­te mit ver­le­ge­nem Lä­cheln, das mit der Sze­ne in Flin­gern sei „al­les et­was über­trie­ben. Das ist nicht Ber­lin hier“.

Ich bin ein An­hän­ger der Par­al­lel­welt­theo­rie. Je­der, fin­de ich, lebt in ei­ner Art Par­al­lel­welt. Je län­ger mei­ne spon­ta­ne nicht-re­prä­sen­ta­ti­ve Stu­die zur Er­mitt­lung des Wahr­heits­ge­halts gän­gi­ger Zu­schrei­bun- gen von Stadt­teil­ei­gen­schaf­ten dau­er­te, um­so in­ten­si­ver frag­te ich mich: Aber in wel­cher Par­al­lel­welt le­ben die, die be­haup­ten, Flin­gern sei sze­nig? Die Eti­ket­tie­rung hält kei­ner em­pi­ri­schen Über­prü­fung stand. Das ist ei­ne Mo­gel­pa­ckung, Ho­kus­po­kus, lau­ter Zir­kus mit Wor­ten.

Es stimmt ja, dass in Flin­gern das Paul-Ja­nes-Sta­di­on zu fin­den ist, die historische Spiel­stät­te von Fortu­na Düs­sel­dorf. Es stimmt auch, dass Flin­gern mal ein Ar­bei­ter­wohn­quar­tier war. Und es ist rich­tig, dass es hier Bou­ti­quen mit sü­ßen Na­men wie „pri­vat“oder „Glücks­kauf“gibt so­wie Lo­ka­le, die nicht „Zum Gol­de­nen Bock“hei­ßen, son­dern „485°“und mo­di­sche Slo­gans an den Fens­tern kle­ben ha­ben wie „Kon­se­quent. Nach­hal­tig. Die Piz­za“. Aber sze­nig? Al­le, die ich mit dem Wort kon­fron­tier­te, schüt­tel­ten den Kopf, man­che so, als wä­re es ih­nen pein­lich, mit et­was Sze­ni­gem in Ver­bin­dung ge­bracht zu wer­den. Al­le, au­ßer der Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­te­rin der Anne-Frank-Re­al­schu­le, die ich be­tre­ten hat­te, weil ich dach­te, wenn es ei­nen Ort gibt, an dem ich ei­ne se­riö­se, nicht von Mar­ke­ting-Be­haup­tun­gen über­schmink­te Ant­wort krie­gen könn­te, dann ei­ne Schule. „Ja“, sag­te sie, „Flin­gern ist sze­nig. We­gen der Künst­ler hier.“

Schlag­ar­tig be­griff ich – und lief zu­rück in den „Ver­rück­te Lie­be“Hin­ter­hof, wo die Tür zum Ate­lier von Mar­tin Ple­tow­ski im­mer noch of­fen­stand. Er saß in ei­ner Ecke und las Zei­tung. Dann blick­te er auf und sah mich an. Ich sag­te: „Ich weiß jetzt, wo die Sze­ne ist. Die Sze­ne, das sind Sie.“Er ver­tief­te sich wie­der in die Zei­tung, dann leg­te er sie weg und sprach: „Sze­ne – oder Auf- lö­sung von Sze­ne.“Frü­her hät­te es in Flin­gern vie­le Künst­ler ge­ge­ben. Heu­te da­ge­gen ge­be es vor al­lem „teu­re Bou­ti­quen und Re­stau­rants“, die al­le ru­fen: „Wir sind die Sze­ne!“Da­bei sei­en die das gar nicht. „Wenn ein Vier­tel sze­nig heißt, dann ist die Sze­ne meis­tens weg.“

Flin­ge­ra­ner, schützt eu­re Künst­ler, wenn euch eu­re Sze­ne­haf­tig­keit lieb ist und ihr ver­hin­dern wollt, dass die letz­ten Künst­ler von der Acker­stra­ße die „Ver­rück­te Lie­be“vom Schild strei­chen und „Kon­se­quent. Nach­hal­tig. Die Kunst“hin­pin­seln. Was mich be­trifft, so woll­te ich zu gu­ter Letzt ein Re­stau­rant tes­ten. Es hieß „Be­an­sand­ba­con“und lag in ei­nem Hin­ter­hof. Ich war der ein­zi­ge Gast. Es gab nur ei­nen Tisch, er war vol­ler Krem­pel. Die Stüh­le sa­hen aus wie für den Sperr­müll. Durch ein of­fen­ste­hen­des Fens­ter sah ich ei­nen Mann vor ei­nem Bild­schirm ho­cken. Ich er­kann­te, dass ich auf ei­nen sze­ni­gen Fir­men­na­men rein­ge­fal­len war, frag­te aber si­cher­heits­hal­ber ins Fens­ter hin­ein: „Gu­ten Tag, ist das ein Re­stau­rant hier?“Der Mann, oh­ne mich an­zu­se­hen: „Das ist mein Bü­ro!“Ich: „Was ar­bei­ten Sie denn so?“Er wur­de leicht un­ge­hal­ten, sag­te ir­gend­was mit Be­wegt­bild und Vi­deo und rief schließ­lich: „Zieh bit­te beim Raus­ge­hen die Git­ter­tür hin­ter dir zu, die steht aus Ver­se­hen of­fen.“Ich hau­te so­fort ab. Nicht dass mir der Mann noch ei­ne Sze­ne mach­te.

RP-FO­TO: ANDREAS ENDERMANN

Die letz­te ech­te Sze­nig­keit von Flin­gern: das Künst­ler­ate­lier „Ver­rück­te Lie­be“an der Acker­stra­ße.

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