Auf­stieg und Fall der Idee Eu­ro­pa

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN KESS­LER

BRÜS­SEL Die Schrift­stel­le­rin Ju­li Zeh brach­te es auf den Punkt. „Die EU ist nicht ge­ra­de ein de­mo­kra­ti­sches Pro­jekt“, mein­te die über­zeug­te Eu­ro­päe­rin in ei­ner Talk­show. Da hat die In­tel­lek­tu­el­le wohl recht. Die An­fän­ge der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung ka­men von Re­gie­run­gen und Spit­zen­be­am­ten. Der zu Al­lein­gän­gen nei­gen­de Alt­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er, der fran­zö­si­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ro­bert Schu­man und sein Pla­nungs­chef Je­an Mon­net, so­wie der ita­lie­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­ci­de de Gas­pe­ri gel­ten als Grün­dungs­vä­ter der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung. Von Par­la­men­ten und Volks­be­we­gun­gen war nichts zu spü­ren. Zugleich war das Pro­jekt Ade­nau­ers, Schu­mans und de Gas­pe­ris et­was Neu­es. Die Eu­ro­pä­er ge­hör­ten bis 1945 zu der Grup­pe von Men­schen, die welt­weit die meis­ten Krie­ge führ­ten und die gan­ze Welt un­ter­wor­fen hat­ten. Dar­aus ent­stand die Idee, es mit ei­ner Frie­dens­ord­nung zu ver­su­chen, die Deutsch­land, den Kriegs­geg­ner der Al­li­ier­ten, ein­bin­den soll­te.

Der fran­zö­si­sche Pla­nungs­ex­per­te Mon­net ent­wi­ckel­te die Idee ei­nes ge­ein­ten Eu­ro­pas kon­kret. Die eins­ti­gen Kriegs­geg­ner Deutsch­land, Frank­reich, Ita­li­en und die Be­ne­lux-Staa­ten soll­ten die Kon­trol­le über ih­re kriegs­wich­ti­gen In­dus­tri­en wie Koh­le und Stahl an ei­ne eu­ro­päi­sche In­sti­tu­ti­on ab­ge­ben, die als Ho­he Be­hör­de in Brüs­sel ein­ge­rich­tet wur­de. Das gab es noch nie, dass eu­ro­päi­sche Na­tio­nen Kom­pe­ten­zen in die­ser Grö­ßen­ord­nung ab­ga­ben. Doch Schu­mann und Mon­net ent­schie­den sich nicht für ei­ne Pla­nungs­be­hör­de für die Mon­tan­in­dus­trie, son­dern für ei­nen ge­mein­sa­men Markt. Da­mit war – zum Ge­fal­len der Deut­schen – ei­ne Mi­schung aus über­staat­li­cher Kon­trol­le und markt­wirt­schaft­li­chen Ele­men­ten ge­fun­den. Der Pa­ri­ser Ver­trag (1951) leg­te die Eu­ro­päi­sche Ge­mein­schaft für Koh­le und Stahl fest, es folg­ten die Atom­ge­mein­schaft und 1957 die Rö­mi­schen Ver­trä­ge, die die Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft (EWG) be­grün­de­ten als ge­mein­sa­men Markt mit über­staat­li­chen Kon­troll­in­stan­zen und ein­heit­li­cher Zoll­gren­ze.

Für Ade­nau­er war klar, dass der Bun­des­tag die­se Ver­trä­ge oh­ne gro­ße na­tio­na­le De­bat­te ab­zeich­nen soll­te. Auch in Frank­reich war es schwie­rig, das Par­la­ment von den eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen zu über­zeu­gen, ehe Prä­si­dent Charles de Gaul­le mit sei­ner Po­li­tik des „lee­ren Stuhls“die neue Ge­mein­schaft voll­ends in die Kri­se stürz­te. Die Bri­ten wa­ren we­gen ih­res rei­nen Frei­han­dels­an­sat­zes oh­ne In­sti­tu­tio­nen nicht mit da­bei. Klar ist, dass das Ei­ni­gungs­werk eher von po­li­ti­schen Eli­ten ge­tra­gen wur­de. Die Deut­schen war­ben in der Be­völ­ke­rung da­mit, dass die Auf­ga­be na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät Deutsch­land wie­der in den Kreis der zi­vi­li­sier­ten Na­tio­nen füh­ren wür­de. Bei den Kriegs­geg­nern in Frank­reich, den Be­ne­lux-Staa­ten und Ita­li­en ar­gu­men­tier­ten die Eli­ten, dass nur so Deutsch­land kei­ne Ge­fahr für den Kon­ti­nent dar­stel­le. Aus dem Re­gie­rungs­im­puls wur­de dank der brei­ten wirt­schaft­li­chen Er­ho­lung ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt, das die Un­ter­stüt­zung der Be­völ­ke­rung er­fuhr. Es war schließ­lich so at­trak­tiv, dass 1973 Groß­bri­tan­ni­en, Ir­land und Dä­ne­mark da­zu­ka­men. Da­mit be­kann­ten sich die eher eu­ro­pa­skep­ti­schen Bri­ten zur eu­ro­päi­schen Idee – und blie­ben 43 Jah­re, bis sie ih­ren Aus­tritt er­klär­ten. Die Bri­ten poch­ten aber auf Ein­stim­mig­keit, um nicht an na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät zu ver­lie­ren. Zu­dem däm­mer­te es den Eli­ten, dass Eu­ro­pa nicht nur ein Re­gie­rungs­pro­jekt sein kann. Es braucht ein stär­ke­res de­mo­kra­ti­sches Ele­ment, ein ei­ge­nes Par­la­ment.

Auch hier wa­ren die An­fän­ge müh­se­lig. Gern wur­den ver­dien­te Po­li­ti­ker da­hin ab­ge­scho­ben. Selbst nach der ers­ten Di­rekt­wahl 1979 hieß es noch „Hast du ei­nen Opa, schick ihn nach Eu­ro­pa“. Erst mit dem Ver­trag von Lis­s­a­bon, der 2009 in Kraft trat, hat­te das EU-Par­la­ment die vol­le Mit­wir­kung an al­len Ge­set­zes­vor­ha­ben. Da­mit war das größ­te De­mo­kra­tie­de­fi­zit auf­ge­ho­ben.

Sei­nen Hö­he­punkt hat­te das eu­ro­päi­sche Ei­ni­gungs­pro­jekt nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs. Die frü­he­ren kom­mu­nis­ti­schen Staa­ten des War­schau­er Pak­tes, die bal­ti­schen Staa­ten, Po­len, Tsche­chi­en, Slo­wa­kei, Un­garn, Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en und mit Slo­we­ni­en und Kroa­ti­en auch zwei Län­der des frü­he­ren Ju­go­sla­wi­ens wur­den in die Eu­ro­päi­sche Uni­on in­te­griert. Zum ers­ten Mal schien es, als ob die drei Ver­spre­chen Eu­ro­pas in vol­lem Ma­ße er­füllt wür­den: Frie­den, De­mo­kra­tie und Wohl­stand.

Mit­ten im größ­ten Tri­umph zeig­ten sich Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen. Groß­bri­tan­ni­en stell­te sich bei Pro­jek­ten quer, vor al­lem ge­gen den im Maas­tricht-Ver­trag ge­plan­ten Eu­ro. Durch das dop­pel­te Mehr­heits­prin­zip im Ver­trag von Lis­s­a­bon wur­de zum ers­ten Mal das Prin­zip der Ver­ant­wort­lich­keit durch­bro­chen. Na­tio­na­le Re­gie­run­gen, die im Rat über­stimmt wur­den, konn­ten nicht mehr für die Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den. Das EU-Par­la­ment galt vie­len nicht als ad­äqua­ter Er­satz. Zugleich fin­gen die neu­en Bei­tritts­län­der an, Ent­schei­dun­gen zu blo­ckie­ren, de­mo­kra­ti­sche Grund­rech­te in Fra­ge zu stel­len. Die Ebe­nen be­gan­nen zu ver­schwim­men, wäh­rend die Brüs­se­ler Bü­ro­kra­tie um im­mer neue Be­hör­den auf­ge­stockt wur­de. „Die bür­ger­fer­nen Eu­ro­kra­ten in Brüs­sel“muss­ten für al­le Übel her­hal­ten. Fast die ge­sam­te wirt­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Ge­setz­ge­bung wan­der­te nach Brüs­sel, die na­tio­na­len Par­la­men­te muss­ten ab­ni­cken.

Als die Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se den Raum des Eu­ro mit vol­ler Wucht traf und ver­trags­wid­ri­ge Ret­tungs­ak­tio­nen für über­schul­de­te Län­der aus­lös­te, be­gann der Nie­der­gang des eu­ro­päi­schen Ge­dan­kens. Die EU wirk­te wie ein über­spann­tes Im­pe­ri­um. Die Bür­ger wand­ten sich ab, die Wahl­be­tei­li­gung zum Eu­ro­päi­schen Par­la­ment un­ter­schritt die 50Pro­zent-Mar­ke. Der gro­ße Schock kam mit dem Aus­tritts­vo­tum der Bri­ten. Die Sta­tik und die Be­deu­tung Eu­ro­pas ist zer­trüm­mert. An die Drei­er-Ba­lan­ce Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en tritt ein über­mäch­ti­ges Deutsch­land und ein schwä­cheln­des Frank­reich. In Groß­bri­tan­ni­en herrscht po­li­ti­scher Auf­ruhr, die Ein­heit des Lan­des ist in Ge­fahr, die tra­gen­den Par­tei­en zer­le­gen sich selbst. Es ist ein Schlag für die­se in­no­va­ti­ve Idee, die die Nach­kriegs­ord­nung be­stimm­te und den Zu­sam­men­bruch der kom­mu­nis­ti­schen Welt meis­ter­te, dann aber über die Spät­fol­gen ei­ner Fi­nanz­kri­se, ei­ner un­vor­her­ge­se­he­nen Flücht­lings­wel­le und ei­nem iso­la­tio­nis­ti­schen Groß­bri­tan­ni­en strau­chel­te. Eu­ro­pa mag sich wie­der fan­gen. Ih­re al­te Be­deu­tung und Aus­strah­lung hat die eu­ro­päi­sche Idee erst ein­mal ver­lo­ren.

Sei­nenHö­he­punkt­hat­te

das eu­ro­päi­sche Ei­ni­gungs­pro­jekt nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor

hangs.

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