Ein Mann läuft sich warm

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON KIRS­TEN BI­AL­DI­GA

EU-Par­la­ments­prä­si­dent Schulz könn­te SPD-Kanz­ler­kan­di­dat wer­den, falls Sig­mar Ga­b­ri­el nicht an­tritt – und tourt schon mal durch NRW.

DUIS­BURG/ESCHWEILER Es gibt die­sen Mo­ment in der Kind­heit, da wird Diet­mar Schult­heis klar, dass sein Freund Mar­tin kein ganz ge­wöhn­li­cher Jun­ge ist. Ge­ra­de ha­ben die bei­den zu Mit­tag ge­ges­sen, wie sie das im­mer ab­wech­selnd mal bei dem ei­nen, dann bei dem an­de­ren tun. Diet­mar zieht sich die Fuß­ball­schu­he an und will end­lich raus auf den Bolz­platz in Eschweiler. Er ruft Mar­tin, aber der kommt nicht. Al­so schaut Diet­mar, wo der Freund denn bleibt. Und fin­det ihn völ­lig in sich ver­sun­ken vor ei­nem Spie­gel ste­hend. Mar­tin ha­be Ges­ten aus­pro­biert und ge­sagt, er müs­se doch schau­en, wie das aus­se­he. „Und das als Jun­ge von acht Jah­ren“, wun­dert sich Diet­mar noch heu­te.

Wenn Mar­tin Schulz heu­te ges­ti­ku­liert und re­det, hö­ren ihm mehr als 700 Ab­ge­ord­ne­te aus 28 ver­schie­de­nen Län­dern zu. Der SPDPo­li­ti­ker ist Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments, des größ­ten de­mo­kra­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses der Welt. An die­sem Frei­tag aber ist Schulz in sei­ner Hei­mat Nord­rhein-West­fa­len auf Tour: Er spricht auf ei­ner SPD-Kon­fe­renz zur Zu­kunft des Ruhr­ge­biets in Duis­burg, er be­sucht den Stahl­kon­zern Thys­sen­krupp und er fin­det sich am Abend bei je­nem SPD-Orts­ver­ein in Eschweiler ein, wo manch ei­ner ihn schon seit über 50 Jah­ren kennt.

Ei­gent­lich hat Schulz seit dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum mehr als ge­nug da­mit zu tun, die Flieh­kräf­te in Eu­ro­pa un­ter Kon­trol­le zu brin­gen. Seit der Ab­stim­mung ha­be er qua­si durch­ge­ar­bei­tet, heißt es in sei­nem Um­feld. Doch der 60-Jäh­ri­ge ist eben auch SPD-Po­li­ti­ker und noch da­zu ei­ner, der als mög­li­cher Kanz­ler­kan­di­dat gilt, falls SPD-Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el nicht an­tre­ten soll­te. Schulz wür­de sei­nem Freund Ga­b­ri­el den Pos­ten zwar wohl kaum ak­tiv strei­tig ma­chen.

Doch an­ge­sichts der nied­ri­gen Um­fra­ge­wer­te für die SPD und je nach­dem, wie die Wah­len in Berlin und Meck­len­burg-Vor­pom­mern für die Par­tei aus­ge­hen, könn­te die Kri- tik an Ga­b­ri­el wei­ter zu­neh­men. Hin­zu kommt: Schulz‘ Amts­zeit in Brüs­sel läuft vor­aus­sicht­lich An­fang kom­men­den Jah­res aus – und die Bun­des­tags­wahl fin­det im Herbst 2017 statt. „Sig­mar Ga­b­ri­el hat als Par­tei­vor­sit­zen­der und Vi­ze­kanz­ler na­tür­lich das Zu­griffs­recht auf die Kanz­ler­kan­di­da­tur“, sagt Schulz da­zu le­dig­lich. Ex­pli­zit aus­ge­schlos­sen ist ei­ne ei­ge­ne Kan­di­da­tur da­mit aber nicht. Of­fi­zi­ell will die SPD über die­se Fra­ge An­fang 2017 ent­schei­den.

An die­sem Frei­tag in Duis­burg je­den­falls klingt Mar­tin Schulz‘ Vor­trag vor mehr als 600 Par­tei­freun­den stre­cken­wei­se schon wie ei­ne Be­wer­bung. „Duis­burg ist ei­ne schö­ne Stadt, sie er­in­nert mich an mei­ne Hei­mat­stadt“, schmei­chelt Schulz den Ge­nos­sen des mit­glie­der­stärks­ten Lan­des­ver­ban­des. Er selbst sei mit Koh­le und Stahl auf­ge­wach­sen, sei in Wür

se­len bei Aachen Bür­ger­meis­ter ei­ner Stadt ge­we­sen, die eben­so wie das Ruhr­ge­biet mit­ten in ei­nem Um­bau ste­cke.

Na­tür­lich schlägt der Eu­ro­pa­po­li­ti­ker als­bald auch den Bo­gen zum Br­ex­it, äu­ßert sein gro­ßes Be­dau­ern: „Die EU ist oh­ne Groß­bri­tan­ni­en, die zweit­größ­te Volks­wirt­schaft im Bin­nen­markt, schwä­cher.“Eben­so wie auch je­des ein­ze­len Land schwä­cher sei oh­ne die EU. Spä­ter wird er in die Mi­kro­fo­ne sa­gen: „Ich wä­re ja ei­ne Ma­schi­ne, wenn der Br­ex­it mich nicht tief be­rüh­ren, ja, ver­let­zen wür­de.“Er neh­me das auch als per­sön­li­che Nie­der­la­ge wahr, sagt er, ver­bes­sert sich aber so­gleich und fügt lei­se hin­zu: „Rück­schlag trifft es bes­ser.“

Doch vor den Ge­nos­sen im Saal kommt Schulz von der Eu­ro­pa­po­li­tik sehr schnell wie­der auf das Ruhr­ge­biet zu spre­chen, macht er sich zu ei­nem von ih­nen: „Als Eu­ro­pa­po­li­ti­ker spü­re ich die­se Ent­fer­nung von den Men­schen, weil wir im­mer Mil­li­ar­den ver­tei­len.“Er wis­se aber ge­nau, dass für die meis­ten schon 1000 oder 2000 Eu­ro sehr viel Geld sei­en.

Vor die­sen Leu­ten gel­te es, Re­spekt zu ha­ben, ih­nen ein Le­ben in Wür­de zu er­mög­li­chen. Da­zu ge­hö­re ei­ne Ar­beit, von der man le­ben und ein­mal im Jahr in den Ur­laub fah­ren kön­ne. Und den Kin­dern ei­ne Aus­bil­dung er­mög­li­chen zu kön­nen. „Für ein Le­ben in Wür­de zu sor­gen – das ist der Auf­trag der So­zi­al­de­mo­kra­tie seit 153 Jah­ren, auch hier im Ruhr­ge­biet“, schließt er sei­ne Re­de. Schulz kommt an mit sei­ner Bot­schaft, die Par­tei­freun­de zol­len Ap­plaus.

Für Schulz selbst sah es nicht im­mer so aus, als wä­re für ihn ein Le­ben in Wür­de selbst­ver­ständ­lich. Er war kein gu­ter Schü­ler auf dem ka­tho­li­schen Hei­lig-Geist-Gym­na­si­um in Broich. Aus­ge­rech­net in Latein ha­be es be­son­ders ge­ha­pert, er­zählt Ju­gend­freund Schult­heis. So be­kam der Sohn ei­nes Po­li­zei­be­am­ten nicht die Zu­las­sung zum Abitur, er mach­te statt­des­sen ei­ne Aus­bil­dung zum Buch­händ­ler.

Et­wa zur sel­ben Zeit zer­platz­te ein wei­te­rer Traum: We­gen ei­ner Knie­ver­let­zung muss­te er sei­nen Plan be­gra­ben, Pro­fi-Fuß­bal­ler zu wer­den. Schulz be­gann zu trin­ken, wur­de zum Al­ko­ho­li­ker und mach­te als 25-Jäh­ri­ger ei­ne Ent­zie­hungs­kur. Seit­her rührt er kei­nen Al­ko­hol mehr an. Mit die­ser Pha­se geht Schulz of­fen um. „Er steht da­zu“, meint auch sein Ju­gend­freund, der heu­te Leh­rer ist und sei­nen Schü­lern an­hand die

ses Vor­bilds bei­brin­gen will, dass es im­mer ei­nen Weg zu­rück gibt. Da­nach ging es für Schulz vor­an. Mit 31 Jah­ren wur­de er Bür­ger­meis­ter von Wür­se­len und da­mit der sei­ner­zeit jüngs­te Nord­rhein-West­fa­lens. 1994 wur­de er ins Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ge­wählt und 2012 des­sen Prä­si­dent.

Sei­nen al­ten Kum­peln im SPDOrts­ver­ein Dür­wiß, ei­nem Orts­teil von Eschweiler, ist das herz­lich egal. Für vie­le hier ist und bleibt er sch­licht „der Mar­tin“. Als Schulz am Frei­tag­abend mit leich­ter Ver­spä­tung das voll be­setz­te Hin­ter­zim­mer des Schank­raums in der Kn­ei­pe „Bei Kel­che“be­tritt, wird er mit war­mem Ap­plaus be­grüßt. Und als er vor das Mi­kro­fon tritt, um ei­ne An­spra­che zum 70-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um des Orts­ver­eins zu hal­ten, spielt Al­lein­un­ter­hal­ter Jür­gen Mei­er vom „Half-Live­Mu­sik-DJ-Pro­jekt“ex­tra ei­nen kar­ne­va­lis­ti­schen Tusch.

Gesto­che­nes Hoch­deutsch wä­re fehl am Platz, au­to­ma­tisch ver­fällt Schulz’ hier stär­ker in den rhei­ni­schen Ton­fall. „Leo, links von Dir kam nur noch der Braun­koh­le­ta­ge­bau“, spielt er auf längst aus­ge­stan­de­ne Rich­tungs­kämp­fe im Orts­ver­ein an. Ei­nem an­de­ren ruft er zu: „Du hat­test Dein Schlaf­zim­mer da, wo ich ge­bo­ren bin – das hat Geist her­ab­reg­nen las­sen.“

Auch hier ver­sucht er es mit der Bot­schaft der So­zi­al­de­mo­kra­ten von Re­spekt und ei­nem wür­di­gen Le­ben. Doch in Dür­wiß sind ge­ra­de an­de­re Din­ge wich­tig: Zwei Kran­ken­häu­ser wer­den zu­sam­men­ge­legt, Kin­der kom­men künf­tig in Stol­berg zur Welt – und nicht mehr in der Hei­mat­stadt Eschweiler.

Der Stim­mung tut’s kei­nen Ab­bruch: Bei­fall, ro­te Ro­sen und Pra­li­nen sind Schulz ge­wiss. Mit den bes­ten Wün­schen und ei­nem „Mach’ et jot, Mar­tin“, wird Schulz ver­ab­schie­det. Und Ju­gend­freund Diet­mar lässt sich über des­sen fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­tä­ten als lin­ker Ver­tei­di­ger aus, da­mals, mit 16, als sie west­deut­scher Vi­ze­meis­ter wur­den und im End­spiel ge­gen Schal­ke 04 ver­lo­ren: „Der Mar­tin konn­te kämp­fen, traf er den Ball nicht, traf er den Geg­ner.“

Die­sen Kampf­geist wird er vi­el­leicht schon bald gut ge­brau­chen kön­nen.

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