Auf­rüs­tung im Cy­ber-Krieg

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MAR­KUS GRABITZ

Cy­ber-An­grif­fe le­gen im­mer häu­fi­ger Kraft­wer­ke, Be­hör­den und Be­trie­be lahm. EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger star­tet da­her nun ei­ne Initia­ti­ve, um Un­ter­neh­men bes­ser zu schüt­zen.

BRÜS­SEL Es pas­sier­te ei­nen Tag vor Hei­lig­abend. Ein hoch­ran­gi­ger ITMit­ar­bei­ter ei­nes Ener­gie­lie­fe­ran­ten in der We­st­ukrai­ne sitzt nach­mit­tags an sei­nem PC. Er ord­net Pa­pie­re, plötz­lich sieht er, wie sich der Ein­ga­be­zei­ger der Maus auf dem Bild­schirm ver­selbst­stän­digt. Er hat kei­nen Zu­griff mehr auf das, was, wie von Geis­ter­hand ge­steu­ert, jetzt ab­läuft. Ziel­ge­rich­tet wer­den But­tons ak­ti­viert, die die Strom­lie­fe­rung un­ter­bre­chen. Wäh­rend in der Re­gi­on Iva­no-Fran­kivsk in Woh­nun­gen und Häu­sern die Lich­ter aus­ge­hen, ver­sucht der Mann ver­zwei­felt ein­zu­grei­fen. Er kann ma­chen, was er will, der Com­pu­ter rea- giert nicht mehr auf sei­ne Ein­ga­ben. Hilf­los muss er mit an­se­hen, wie 30 Un­ter­sta­tio­nen von der Strom­ver­sor­gung ab­ge­klemmt wer­den. Zeit­gleich wer­den zwei wei­te­re Ener­gie­lie­fe­ran­ten in der Re­gi­on at­ta­ckiert. Erst­mals in der Ge­schich­te geht ein gan­zes Strom­netz we­gen ei­nes Ha­cker­an­griffs in die Knie. 230.000 Men­schen sit­zen für St­un­den im Dun­keln und frie­ren.

In Si­cher­heits­krei­sen hat die Atta­cke in der Ukrai­ne für größ­te Auf­re­gung ge­sorgt. Vie­le Hin­wei­se deu­ten dar­auf hin, dass die Ur­he­ber aus Moskau kom­men. Ein hoch­ran­gi­ger Ex­per­te im Um­feld der EU-Kom­mis­si­on sagt: „Ver­mut­lich soll­te uns im Wes­ten mit die­sem über Mo­na­te vor­be­rei­te­ten An­griff si­gna­li­siert wer­den, wo­zu die Ge­gen­sei­te im Stan­de ist.“In Brüs­sel heißt es: „Wir glau­ben, dass es sich um ei­nen staats­fi­nan­zier­ten An­griff auf die kri­ti­sche In­fra­struk­tur ei­nes an­de­ren Staa­tes han­delt – so et­was ha­ben wir bis­lang nicht ge­se­hen.“

Jetzt rüs­tet die EU auf. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on wird die EU-Kom­mis­si­on mor­gen be­schlie­ßen, dass da­für aus EU-Mit­teln 450 Mil­lio­nen Eu­ro be­reit ge­stellt wer­den. Das Geld steht für ei­nen Zu­sam­men­schluss von Un­ter­neh­men, Wis­sen­schaft und Be­hör­den zur Ver­fü­gung. Bis zu 150 Fir­men sol­len bei dem so ge­nann­ten Pri­va­te-Pu­b­lic-Part­nership-Pro­jekt mit­ma­chen. Die Ge­sprä­che lau­fen un­ter an­de­rem mit Bosch, Sie­mens, In­fi­ne­on und Air­bus. Die Fir­men un­ter­stüt­zen das Pro­jekt auch mit ei­ge­nem Ka­pi­tal, rund 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro, so dass ins­ge­samt mehr als 1,6 Mil­li­ar­den Eu­ro zur Ver­fü­gung ste­hen. Die Initia­ti­ve geht auf EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger (CDU) zu­rück.

Das Be­dro­hungs­sze­na­rio durch Wirt­schafts­spio­na­ge, Sa­bo­ta­ge oder Da­ten­dieb­stahl, das die Kom­mis­si­on zeich­net, ist Be­sorg­nis er­re­gend. „Trotz ei­ni­ger Er­fol­ge bleibt die EU ver­wund­bar für Cy­ber-Vor­fäl­le“, heißt es in ei­nem Text, der den Kom­mis­sa­ren am Di­ens­tag vor­lie­gen wird. Be­son­ders kri­tisch wer­de es, wenn gleich meh­re­re EULän­der zeit­gleich Ziel von Cy­ber­at­ta­cken wür­den. Auch für die Wirt­schaft ist die Be­dro­hung re­al: Laut ei­ner Stu­die des Bran­chen­ver­ban­des Bit­kom wur­de je­des zwei­te deut­sche Un­ter­neh­men 2014 und 2013 Op­fer ei­nes Ha­cker­an­griffs. Der Scha­den durch Cy­ber­kri­mi­na­li­tät wird auf über 51 Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr ge­schätzt. Oet­tin­ger ver­folgt da­her ei­nen stra­te­gi­schen An­satz. Es sei für Eu­ro­pa wich­tig, in der EU in­dus­tri­el­le Kom­pe­tenz zur Ab­wehr von Cy­ber­an­grif­fen zu hal­ten und die Ab­wan­de­rung von Un­ter­neh­men zu stop­pen. Es ge­he nicht nur um das Vor­hal­ten von Si­cher­heits­tech­no­lo­gi­en, son­dern auch um Markt­chan­cen für die Wirt­schaft. Der glo­ba­le Markt für die Cy­ber­si­cher­heits-Bran­che ha­be das größ­te Wachs­tums­po­ten­zi­al im IT-Be­reich. Es ge­he dar­um, Eu­ro­pa zum füh­ren­den Spie­ler zu ma­chen. Da­zu ge­hö­re ein ho­her re­gu­la­to­ri­scher Stan­dard für Da­ten­si­cher­heit, um­fas­sen­der Schutz per­sön­li­cher Da­ten und die Mög­lich­keit, auf An­grif­fe pro­fes­sio­nell zu re­agie­ren. Ziel der Kom­mis­si­on ist, dass die Cy­ber­si­cher­heits­bran­che in der EU ih­ren An­teil am Welt­markt von 25 Pro­zent hält und ihr Um­satz jähr­lich um acht Pro­zent wächst.

Die Zu­sam­men­ar­beit von Be­hör­den, dar­un­ter auch das Mi­li­tär, und den Un­ter­neh­men, die ihr Geld mit der Ab­wehr von Cy­ber­at­ta­cken ver­die­nen, soll bes­ser wer­den. Bis­lang ist sie man­gel­haft. Wis­sen und Ex­per­ti­se sei­en zwar vor­han­den, heißt es in ei­nem Pa­pier der EU-Kom­mis­si­on, es sei aber „zu sehr ver­streut und nicht struk­tu­riert“ab­ruf­bar. Die Un­ter­neh­men wür­den zu we­nig ko­ope­rie­ren. Wohl auch aus Sor­ge, Wis­sen an die Kon­kur­renz zu ver­lie­ren. Da­her peilt Oet­tin­gers An­satz nun ei­ne Zu­sam­men­ar­beit in der Grund­la­gen­for­schung an – al­so be­vor der Wett­be­werb los­geht.

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