En­de des Fluchs teu­er be­zahlt

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON RO­BERT PETERS

Schwein­stei­ger und Khe­di­ra ver­let­zen sich und dro­hen im Halb­fi­na­le aus­zu­fal­len. Für Ma­rio Go­mez ist die EM de­fi­ni­tiv be­en­det.

BOR­DEAUX Es wur­de ja auch mal wie­der Zeit. Zehn Jah­re hat ei­ne deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft kein Elf­me­ter­schie­ßen mehr ge­habt, seit dem WM-Vier­tel­fi­na­le 2006 ge­gen Ar­gen­ti­ni­en. Das war das Spiel mit dem Zet­tel, den Tor­wart Jens Leh­mann im Stut­zen ver­steck­te. Heu­te liegt der Zet­tel, der ihm die Vor­lie­ben der Schüt­zen ver­riet, im Mu­se­um. Das Elf­me­ter­schie­ßen des EM-Vier­tel­fi­nals von Bor­deaux ist eben­falls ei­nes für die Ge­schichts­bü­cher. 18 Schüt­zen tra­ten an, ehe nach teil­wei­se ku­rio­sen Fehl­schüs­sen in den zwei­ten Rang der Köl­ner Au­ßen­ver­tei­di­ger Jo­nas Hec­tor zum 6:5 traf. Zu­sam­men mit dem 1:1 nach 120 Mi­nu­ten hat­te Deutsch­land Ita­li­en mit 7:6 be­zwun­gen. Auch das taugt für die gro­ßen Bü­cher. Es war der ers­te Sieg über Ita­li­en bei ei­nem gro­ßen Tur­nier.

Er wur­de al­ler­dings sehr teu­er be­zahlt. Sa­mi Khe­di­ra muss­te nach ei­ner Vier­tel­stun­de ver­let­zungs­be­dingt für Bas­ti­an Schwein­stei­ger Platz ma­chen. Wie der DFB ges­tern mit­teil­te, er­gab ei­ne MRT-Un­ter­su­chung ei­ne Ad­duk­to­ren­ver­let­zung im lin­ken Ober­schen­kel. Sein Ein­satz im Halb­fi­na­le ist da­mit sehr frag­lich, eben­so wie der von Schwein­stei­ger, der ei­ne Au­ßen­band­zer­rung im rech­ten Knie er­litt.

So­gar be­reits de­fi­ni­tiv be­en­det ist die EM für Ma­rio Go­mez. Bei ihm wur­de ein Mus­kel­fa­ser­riss im rech­ten Ober­schen­kel dia­gnos­ti­ziert. Mats Hum­mels wird der DFB-Elf zu­dem gelb­ge­sperrt im Halb­fi­na­le feh­len. Khe­di­ra ir­ri­tiert das al­les nicht. „Was die Mann­schaft heu­te ge­leis­tet hat, war ei­nes Cham­pi­ons wür­dig. Wir wer­den im Halb­fi­na­le ei­ne Mann­schaft auf den Platz stel­len, die den Geg­ner schlägt. Da bin ich sehr, sehr op­ti­mis­tisch.“Und so sah er auch aus.

Die­se Ein­stel­lung passt zu den Sze­nen un­mit­tel­bar nach Hec­tors Elf­me­ter. Die Spie­ler fei­er­ten den Sieg mit den üb­li­chen wil­den Tän­zen, und fast je­der sag­te nach­her, was Hec­tor sag­te: „Ich bin über­glück­lich, das ist schwer in Wor­te zu fas­sen.“Er wird wahr­schein­lich noch sei­nen En­keln von der ent­schei­den­den Sze­ne er­zäh­len kön­nen. Der lan­ge Weg aufs Tor von Gi­gi Buf­fon, das mit je­dem Schritt klei­ner zu wer­den schien, der Schuss in die rech­te Tor­ecke, an den der ita­lie­ni­sche Schluss­mann bei­na­he noch rich­tig her­an­kam, der Mo­ment, in

Mus­kel­fa­ser­riss im rech­ten hin­te­ren Ober­schen­kel – EM-Aus. dem der Ball doch im Netz lag, der Ju­bel­lauf. Das ver­gisst man nicht.

Zu­mal dann nicht, wenn man nicht ge­ra­de zu den Rou­ti­niers im Team ge­hört. Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw wies aus­drück­lich auf die Ner­ven­stär­ke sei­ner Ab­tei­lung „Wir fin­den ge­ra­de un­se­re Plät­ze in der Na­tio­nal­elf“hin. „Es war schon auch su­per, dass sich un­se­re Youngs­ter Jos­hua Kim­mich und Jo­nas Hec­tor ge­traut ha­ben“, sag­te er. In der Be­geis­te­rung über den Au­gen­blick mach­te er den 21-jäh­ri­gen Kim­mich und den 26-jäh­ri­gen Hec­tor zu gleich­alt­ri­gen Bu­bis. Aber das er­schüt­ter­te nie­mand.

Dass die bei­den sich ir­gend­wann trau­en muss­ten, war klar, als die Pro­mi­nenz ge­ra­de­zu rei­hen­wei­se Fahr­kar­ten schoss oder an den Tor­hü­tern schei­ter­te. Bas­ti­an Schwein-

lin­ken tzun­gim ren­ver­le Ad­duk­to frag­lich.

le Halb­fi­na im en­kel–Ein­satz Obersch stei­ger hät­te die Par­tie be­reits ent­schei­den kön­nen, aber er wuch­te­te den Ball auf die Tri­bü­ne, Me­sut Özil schoss ihn an den Pfos­ten, Tho­mas Mül­ler fand in Buf­fon sei­nen Meis­ter. Die Ita­lie­ner ver­zwei­fel­ten ih­rer­seits an Ma­nu­el Neu­er, der zwei Elf­me­ter hielt – un­ter an­de­rem den von Leo­nar­do Bo­nuc­ci, der in der re­gu­lä­ren Spiel­zeit den Aus­gleich eben­falls per Elf­me­ter nach ei­nem ku­rio­sen Hand­spiel von Je­ro­me Boateng er­zielt hat­te. „Zwei­mal woll­te ich ihn nicht tref­fen las­sen“, sag­te Neu­er un­ge­rührt. Ge­nau­so kühl hat­te er sei­nen Job im Spiel und im nächt­li­chen Nach­spiel von Bor­deaux er­le­digt. „Na­tür­lich ha­be ich die Schüt­zen stu­diert“, er­klär­te er. Der­ar­ti­ge Vor­be­rei­tung ge­schieht heu­te nicht mehr mit Spick­zet­teln wie vor zehn Jah­ren, son­dern mit Un­ter­stüt­zung Au­ßen­band­zer­rung im rech­ten Knie – Ein­satz im Halb­fi­na­le

frag­lich. aus der Welt der Da­ten, auf­be­rei­tet von Spe­zia­lis­ten aus dem Un­ter­neh­men des DFB-Part­ners SAP.

Die Ei­gen­tüm­lich­kei­ten des Elf­me­ter­schie­ßens aber hat auch die Soft­ware der mo­der­nen Fuß­ball­welt nicht ver­än­dert. „Vie­le Spie­ler ha­ben sich nicht für ih­re be­vor­zug­te Ecke ent­schie­den, weil sie wuss­ten, dass ich mei­ne Haus­ar­bei­ten ge­macht ha­be“, sag­te Neu­er, „die Tref­fer fie­len in der Mit­te, das sagt ja schon was aus.“Es sagt viel über die Un­si­cher­heit. Wenn Fuß­bal­ler nicht mehr wei­ter wis­sen, fliegt der Ball oft gera­de­aus – oder vor­bei.

Die DFB-Aus­wahl durf­te sich al­ler­dings nicht nur über treff­si­che­re Nach­wuchs­kräf­te oder ei­nen über­ra­gen­den Tor­wart freu­en. Sie mach­te sich in ei­nem Spiel auf „höchs­tem tak­ti­schen Ni­veau“(Löw) noch ein- mal Mut für kom­men­de Auf­ga­ben. Der Coach ur­teil­te zu Recht: „Ich ha­be mir nie vor­stel­len kön­nen, dass Ita­li­en aus dem Spiel her­aus ein Tor ma­chen wür­de.“Maß­geb­lich für ei­ne sehr über­zeu­gen­de Mann­schafts­leis­tung war ei­ne Um­stel­lung in der Ab­wehr. Löw schick­te wie im Früh­jahr beim 4:1-Test­spiel­sieg ge­gen Ita­li­en ei­ne Drei­er­ket­te mit den In­nen­ver­tei­di­gern Be­ne­dikt Hö­we­des, Je­ro­me Boateng und Mats Hum­mels ins Ren­nen. „Da­durch ha­ben wir in der Mit­te die Räu­me ge­schlos­sen“, er­klär­te der Trai­ner, „es war drin­gend not­wen­dig, die Mann­schaft so zu ver­än­dern.“Und: „Jetzt wol­len wir mehr.“

Dass mehr mög­lich ist als ein Pres­ti­ge-Er­folg über die Ita­lie­ner, zeig­te der rei­fe, ab­ge­klär­te Auf­tritt der Mann­schaft in Bor­deaux.

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