War­um Scholls Tak­tik-Kri­tik dreist ist

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON TO­BI­AS ESCHER

DÜSSELDORF Meh­met Scholl hat es schon wie­der ge­tan. Nach dem Elf­me­ter-Dra­ma ge­gen Ita­li­en schoss sich der ARD-Ex­per­te auf die deut­sche Tak­tik ein: Die Um­stel­lung auf die Drei­er­ket­te sei ein Feh­ler ge­we­sen, sag­te Scholl. DFB-Chef­scout Urs Sie­gen­tha­ler griff Scholl fron­tal an: „Der Herr Sie­gen­tha­ler mö­ge bit­te sei­nen Job ma­chen, mor­gens lie­gen blei­ben und die an­de­ren zum Trai­ning ge­hen las­sen.“Hät­te Deutsch­land sein bis­he­ri­ges Sys­tem wei­ter­ver­folgt, so Scholls Lo­gik, das Spiel ge­gen Ita­li­en wä­re an­ders aus­ge­gan­gen. Ein Spiel mit Vie­rer­ket­te wä­re tat­säch­lich an­ders aus­ge­gan­gen – aber nicht un­be­dingt zu­guns­ten der deut­schen Mann­schaft.

Scholl un­ter­schlug in sei­ner Be­trach­tung die Ar­gu­men­te, die Löw zu sei­ner Um­stel­lung be­weg­ten. Löw selbst be­grün­de­te es nach dem Spiel ganz sach­lich: „Die Ita­lie­ner spie­len mit zwei Mann auf den Sei­ten und mit zwei zen­tra­len Stür­mern. Vier ge­gen vier zu spie­len, ist ge­gen sie ge­fähr­lich. . . Des­we­gen muss­ten wir das Zen­trum zu­ma­chen.“

Löw be­zog sich mit sei­ner Aus­sa­ge auf das ita­lie­ni­sche 5-3-2-Sys­tem. Stütz­pfei­ler des Sys­tems sind die bei­den Stür­mer. Die Ita­lie­ner spie­len aus der Ab­wehr meist di­rekt auf die An­grei­fer, die Bäl­le hal­ten und wei­ter­lei­ten sol­len. Oft­mals lässt sich ein An­grei­fer ins Mit­tel­feld fal­len, der zwei­te An­grei­fer star­tet in die Spit­ze. Ver­tei­digt ei­ne Mann­schaft mit ei­ner Vie­rer­ket­te, agie­ren zwei In­nen­ver­tei­di­ger ge­gen die zwei Stür­mer. Das ita­lie­ni­sche Kal­kül ist es, ei­nen geg­ne­ri­schen Ver­tei­di­ger aus der Ab­wehr zu zie­hen, so­dass der zwei­te Stür­mer dy­na­misch die Spit­ze be­setzt.

Die Stär­ke der Ita­lie­ner ist, dass bei­de Stür­mer bei­de Rol­len über­neh­men kön­nen. Es ist al­so schwer, mit zwei In­nen­ver­tei­di­gern ei­nen geg­ne­ri­schen Stür­mer zu fi­xie­ren. Mit drei In­nen­ver­tei­di­gern hat man je­doch ei­ne Über­zahl im Zen­trum. Man kann al­so mit ei­nem In­nen­ver­tei­di­ger aus der Ab­wehr rü­cken, oh­ne die Schnitt­stel­le zu öff­nen.

Der zwei­te Teil von Löws Aus­sa­ge be­zog sich auf die ita­lie­ni­schen Au­ßen­ver­tei­di­ger. Wenn die­se ge­gen ei­ne Vie­rer­ket­te weit vor­rü­cken, ent­steht ei­ne Vier-ge­gen-Vier-Si­tua- ti­on: die bei­den Stür­mer so­wie die bei­den Au­ßen­ver­tei­di­ger ge­gen die geg­ne­ri­sche Vie­rer­ket­te. Löw re­agier­te auf die­ses Pro­blem, in­dem er die ei­ge­nen Au­ßen­ver­tei­di­ger weit vor­schob. Jos­hua Kim­mich und Jo­nas Hec­tor agier­ten prak­tisch als Au­ßen­stür­mer. Da­mit drück­ten sie die geg­ne­ri­schen Au­ßen­ver­tei­di­ger nach hin­ten. Die Drei­er­ket­te si­cher­te da­bei die Vor­stö­ße der Au­ßen­ver­tei­di­ger ab.

Deutsch­lands Drei­er­ket­te neu­tra­li­sier­te al­so die bei­den Stär­ken der ita­lie­ni­schen Of­fen­si­ve: we­der der Dop­pel­sturm noch die Au­ßen­ver­tei­di­ger konn­ten of­fen­siv Ak­zen­te set­zen. In­dem Löw sei­ne Tak­tik an­pass­te, setz­te er die ita­lie­ni­sche Of­fen­si­ve schach­matt. Bel­gi­ens Coach Marc Wil­mots und Spa­ni­ens Trai­ner Vi­cen­te del Bos­que hat­ten dar­auf ver­zich­tet, ih­re Tak­tik an­zu­pas­sen – und gin­gen ge­gen Ita­li­en ba­den.

Scholl hat mit sei­ner Kri­tik in­so­fern Recht, als dass die Um­stel­lung klar auf Kos­ten der Of­fen­si­ve ging. Deutsch­land ver­mied mit der ei­ge­nen Tak­tik jeg­li­ches Ri­si­ko. Das ist aber auch we­nig ver­wun­der­lich, wenn man ge­gen den vi­el­leicht stärks­ten EM-Teil­neh­mer an­tritt. Zu­mal Scholl mit kei­ner Sil­be dar­auf ein­ging, dass Löw sein Sys­tem nach der Pau­se in wei­ten Tei­len um­stell­te. Vor der Pau­se war die Mit­tel­feld­an­ord­nung ein gro­ßes Pro­blem: Bas­ti­an Schwein­stei­ger und Me­sut Özil lie­ßen sich zu weit nach au­ßen drän­gen, Deutsch­land kam da­durch sel­ten in die Räu­me im Mit­tel­feld.

Nach der Pau­se tausch­ten Schwein­stei­ger und Özil die Sei­ten, agier­ten zen­tra­ler. Da­durch konn­ten Be­ne­dikt Hö­we­des und Mats Hum­mels wei­ter vor­rü­cken. Deutsch­land kam nun bes­ser in die Mit­tel­feld­räu­me. Es do­mi­nier­te das Spiel nun in der geg­ne­ri­schen Hälf­te und hat­te auch ab­seits des Tors durch Özil (65.) gro­ße Chan­cen. Das un­ter­schlug Scholl, auch wenn der Vor­wurf, Deutsch­land hät­ten of­fen­siv die Au­to­ma­tis­men ge­fehlt, durch­aus zu­tref­fend war.

Den­noch ist Scholls Kri­tik in meh­re­rer Hin­sicht dreist. Sie war dreist ge­gen­über Scout Sie­gen­tha­ler, weil er des­sen ge­sam­tes Be­rufs­bild ab­stem­pelt. Da­bei set­zen al­le Fuß­ball­na­tio­nen Scouts ein, um dem Trai­ner die best­mög­li­chen In­for­ma­tio­nen be­züg­lich der Tak­tik des Geg­ners zu­kom­men zu las­sen. Sie war dreist ge­gen­über Löw – als hät­te die­ser nicht selbst die Vor­tei­le ei­ner Drei­er­ket­te ge­se­hen, son­dern sich von sei­nen Kol­le­gen ei­ne Va­ri­an­te auf­schwat­zen las­sen, die er selbst gar nicht woll­te.

Nicht zu­letzt war die Kri­tik dreist ge­gen­über dem Zu­schau­er. Es gab Ar­gu­men­te für Löws Po­si­ti­on, die bis­he­ri­gen Au­to­ma­tis­men nicht auf­zu­bre­chen, aber eben­so gab es gu­te Ar­gu­men­te für die Drei­er­ket­te. An­statt dass die ARD bei­de Va­ri­an­ten er­läu­tert, stell­te sie Scholls Kri­tik auf ein Fun­da­ment. Gast­au­tor To­bi­as Escher (28) ist Tak­tik-Ex­per­te. Er be­treibt die In­ter­net­sei­te spiel­ver­la­ge­rung.de, auf der er Spiel­zü­ge im Pro­fi­fuß­ball er­klärt.

FOTO: DPA

Meh­met Scholl

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