Es nagt an Tho­mas Mül­ler

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PETERS

Bei Welt­meis­ter­schaf­ten trifft der Münch­ner, wie er nur will, bei Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten ist er noch im­mer oh­ne Tor. Die Ent­halt­sam­keit är­gert ihn, aber sie stürzt ihn nicht in ei­ne see­li­sche Kri­se. Und die Geg­ner re­spek­tie­ren ihn oh­ne­hin.

BOR­DEAUX Es ist kein leich­tes Spiel für Tho­mas Mül­ler, wie­der mal nicht. Er ackert und ra­ckert, er kämpft und sprin­tet und grätscht, sei­ne gro­ße Chan­ce ver­ei­telt der Ita­lie­ner Ales­san­dro Flo­ren­zi mit ei­nem ein­ge­sprun­ge­nen Ha­ckentrick auf der Tor­li­nie, der in je­des Zir­kus­pro­gramm pas­sen wür­de. Spä­ter wird Mül­ler beim Elf­me­ter­schie­ßen im EM-Vier­tel­fi­na­le von Bor­deaux an Gi­gi Buf­fon schei­tern. An­de­re wür­den ver­zwei­feln, den Fluch der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft an sich be­kla­gen – in nun neun EM-Spie­len sei­ner gro­ßen Kar­rie­re hat Mül­ler noch kein Tor er­zielt –, sie wür­den den Psych­ia­ter zu Ra­te zie­hen oder den Trai­ner um ei­ne Aus­zeit bit­ten. Mül-

„Tho­mas Mül­ler ist ein Spie­ler, den ich be­wun­de­re“

Gior­gio Chiel­li­ni

Ita­li­ens Ab­wehr­spie­ler, mit dem der

Münch­ner kurz an­ein­an­der­ge­riet

ler nicht. Er ver­si­chert: „Es nagt nicht an mir, wenn ich nicht tref­fe. Ich bin froh, in die­ser Mann­schaft zu spie­len, und ich den­ke grund­sätz­lich nicht nur an mich.“

Das zeigt er in der Be­reit­schaft, wirk­lich al­les für den Er­folg des Kol­lek­tivs zu tun. Glück­lich spielt er trotz­dem nicht, der Mann, den sie we­gen sei­nes Ge­fühls für den rich­ti­gen Platz auf dem Feld ei­nen „Raum­deu­ter“nen­nen, der schon To­re aus den un­mög­lichs­ten Si­tua­tio­nen er­zielt hat, weil er ein­fach dort auf­taucht, wo Ge­fahr ent­steht, der mit sei­nen be­harr­li­chen Atta­cken vie­le Bäl­le ge­winnt und Kon­ter ein­lei­tet.

Ge­gen Ita­li­en steht er nicht im­mer rich­tig, es geht ihm die Selbst­ver­ständ­lich­keit in sei­nem Stel­lungs­spiel ab, mit Übe­rei­fer wirft er sich ge­le­gent­lich um, was er durch Ein­satz er­rich­tet hat. Und na­tür­lich nagt das an ihm, das ist dann doch zu se­hen, wenn er mal wie­der die schla­ckern­den Ar­me Rich­tung Him­mel reckt, um sich dort zu be­kla­gen. Aber es stürzt ihn nicht in die see­li­sche Kri­se.

Es gibt ei­ne schö­ne Sze­ne im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en, die das un­ter­streicht. Mül­ler wirft sich im ita­lie­ni­schen Straf­raum ins Ge­tüm­mel, er über­dreht sei­nen Ein­satz ein we­nig, und sein Ge­gen­spie­ler Gior­gio Chiel­li­ni sinkt mit dem thea­tra­li­schen Charme, den nur Ita­lie­ner aus­strah­len kön­nen, zu Bo­den – nicht oh­ne dem Schieds­rich­ter be­reits im Sturz mit gro­ßen Ges­ten die schreck­li­che Tat an­zu­zei­gen.

Mül­ler är­gert sich, ein biss­chen über den Spiel­ver­lauf, über die ei­ge­ne Vor­stel­lung, über das klei­ne Un­ge­schick im Zwei­kampf und selbst­ver­ständ­lich auch über Chiel­li­nis Büh­nen­auf­tritt. Dar­über klagt er laut und bei­na­he eben­so ges­ten- reich wie der Ge­gen­spie­ler, und er äfft das schein­bar vom tie­fen Schmerz ge­zeich­ne­te Ge­sicht des Ita­lie­ners nach. Da be­tritt Tor­wart Buf­fon die Sze­ne. Mit dem gü­ti­gen Lä­cheln ei­nes 38-Jäh­ri­gen, der nun wirk­lich schon al­les im Fuß­ball er­lebt hat, nimmt er Mül­ler in den Arm, sagt et­was be­deu­tungs­los Be­ru­hi­gen­des und spricht kurz mit Chiel­li­ni. So­fort ver­liert die Aus­ein­an­der­set­zung an Schär­fe, bald lä­chelt Mül­ler eben­falls und Chiel­li­ni auch. Bei al­lem Nach­druck in der Sa­che kann Mül­ler nicht bös­ar­tig ver­bis­sen blei­ben.

Und ge­nau das fin­det er an sei­nen ita­lie­ni­schen Geg­nern gut. „Ich spie­le gern ge­gen sie, die Spie­ler

So ein Ta­blet-Com­pu­ter ist ei­ne ganz fei­ne Sa­che. Er ist hand­lich, schnell ver­packt, leicht. Er ist im­mer so­fort auf Sen­dung, ganz an­ders als ich selbst. Ich kann wun­der­bar da­mit schrei­ben. Und er ver­setzt mich in die La­ge, an­de­ren Men­schen, die sich mit Tru­hen vol­ler Elek­tro­nik ab­pla­cken müs­sen, mit ei­nem lei­sen Ge­fühl der Über­le­gen­heit zu be­geg­nen. „Die Ar­men“, den­ke ich vol­ler Gü­te. Jetzt weiß ich, was der Spruch „Hoch­mut kommt vor dem Fall“be­deu­tet. Noch wäh­rend ich Tex­te für die Hei­mat in mein hand­li­ches Ar­beits­ge­rät klap­pe­re, be­schließt ir­gend­ein ex­trem gars­ti­ger Re­por­ter­gott, mir ei­ne wohl­do­sier­te Leh­re zu er­tei­len.

Der Frei­tag­abend bricht über Evi­an her­ein, ich fra­ge ge­ra­de mein Wun­der­te­le­fon über die Se­hens­wür­dig­kei­ten von Bor­deaux aus und wil mir ein paar da­von auf mei­nem Ta­blet an­schau­en. Da zeigt es mir ein wun­der­li­ches Bild. Es könn­te in ei­ner Aus­stel­lung hän­gen, ist im All­ge­mei­nen sehr ge­streift und im Be­son­de­ren ziem­lich bunt. Das fin­de ich doch ein biss­chen alar­mie­rend.

Zu Recht, wie mir kun­di­ge Zeit­ge­nos­sen aus der Hei­mat be­stä­ti­gen. Es er­geht der Be­schluss: „Das Ding ist hin.“Das fin­de ich doof. Mein Er­satz­ge­rät ist nicht nur ge­nau­so schwer wie ei­ne mitt­le­re Kühl­tru­he, es stammt auch aus der Ei­sen­zeit der Com­pu­ter. Des­we­gen hat es Mü­he, mit dem Da­ten­ver­brauch des, sa­gen wir mal, Mit­tel­al­ters mit­zu­hal­ten. Tech­nisch Be­gab­te­re sa­gen kühl: „Das Ding taugt nix.“ sind gu­te Ty­pen, Sports­män­ner“, sagt Mül­ler, „wenn es mal ge­rum­pelt hat mit Buf­fon oder Chiel­li­ni, dann wird ei­nem auf­ge­hol­fen.“Es herrscht gro­ßer Re­spekt zwi­schen dem Bay­ern-Stür­mer und spe­zi­ell den Ab­wehr­spie­lern von Ju­ven­tus Tu­rin, die in Ita­li­ens Na­tio­nal­mann­schaft Di­enst tun. Zum Glück für al­le Be­tei­lig­ten sind das die vier, die die zen­tra­le De­ckung bil­den: Buf­fon, Chiel­li­ni, Leo­nar­do Bo­nuc­ci und Andrea Bar­zag­li. Da muss sich nie­mand lan­ge um­stel­len.

Die Ita­lie­ner wis­sen eben­falls, was sie an Mül­ler ha­ben. Selbst wenn er ih­nen schon oft un­an­ge­nehm ge­wor­den ist mit sei­ner Hart­nä­ckig­keit im Zwei­kampf, mit sei- ner Lauf­stär­ke und mit sei­nem In­stinkt für Tor­si­tua­tio­nen, fin­den sie ihn ein­fach gut. Chiel­li­ni hat vor ei­ner der gro­ßen Cham­pi­ons-Le­agueAus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Bay­ern er­klärt: „Mül­ler ist ein Spie­ler, den ich be­wun­de­re.“

Dar­an än­dert die un­ge­wöhn­li­che Ent­halt­sam­keit des Münch­ners bei Eu­ro­pa­meis­ter­schafts-To­ren gar nichts. Und auch Mül­ler selbst setzt sich nicht zu­sätz­lich un­ter Druck. „Wenn ich ge­merkt ha­be, dass ich nicht ganz wach bin, ha­be ich mich schon oft ge­back­pfeift“, sagt er gut baye­risch, „aber den di­rek­ten Tor­er­folg hat das nicht be­wirkt.“Er ver­sucht’s wei­ter mit Lauf­ar­beit und Ein­satz.

Wenn das Ta­blet bun­te Strei­fen zeigt

So wird es ein un­ter­halt­sa­mer Abend mit vie­len Fra­gen und ei­ner kla­ren Ant­wort: „Du brauchst ein neu­es Ding.“Die Aus­sicht dar­auf macht die Nacht sehr un­ru­hig, weil auf un­se­rem Berg in Evi­an kein Elek­tro­nik-Groß­händ­ler wohnt. Au­ßer­dem lässt der Re­gen­gott mal wie­der die Mus­keln spie­len und schickt mit sei­ner Freun­din, der Ge­wit­ter­he­xe, ein Un­wet­ter über den See, dass da­ge­gen selbst die Far­ben auf mei­nem klei­nen Com­pu­ter ver­blas­sen.

Zwi­schen Blitz und Don­ner ver­heißt mir mein Wun­der­te­le­fon, dass es in Bor­deaux zwi­schen all den Se­hens­wür­dig­kei­ten ei­nen La­den gibt, der mit dem Han­del treibt, was ich so drin­gend be­nö­ti­ge. Das ist ei­ne Aus­sicht, die mich in ei­nen un­ru­hi­gen Schlaf fal­len lässt, in des­sen Träu­men Kühl­schrän­ke mit Tas­ta­tu­ren, bun­te Bild­schir­me und bö­se la­chen­de di­cke Göt­ter mit Obst­sym­bo­len auf der Ja­cke vor­kom­men.

In Bor­deaux ler­ne ich die War­te­schlei­fe auf Er­den ken­nen. Im Un­ter­schied zu Te­le­fon-Di­ens­ten, die ei­nen stun­den­lang mit Mu­sik ver­wöh­nen, zwi­schen­drin Ge­sprächs­an­sät­ze zu ver­mit­teln vor­ge­ben („Wenn Sie ein Pro­blem ha­ben, drü­cken Sie die Eins, ha­ben Sie kei­nes, drü­cken Sie die Zwei, ich ha­be Sie nicht ver­stan­den“), setzt der La­den auf di­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ein Herr mit Obst­lo­go auf dem Hemd nimmt mich in Emp­fang, lässt sich mein An­lie­gen mit Hän­den und Fü­ßen vor­tra­gen und ver­weist mich an den nächs­ten. Der scheint ein Ex­per­te zu sein, denn er trägt ei­nen klei­nen Com­pu­ter mit sich her­um. Ich zei­ge ihm das klei­ne Kunst­werk auf mei­nem Bild­schirm, er nickt be­deu­tungs­voll und schreibt was in sei­nen Com­pu­ter. Dann fragt er mich nach mei­nem Na­men, no­tiert „Ro­bert Pe­ter­son“(wahr­schein­lich ist er Is­land-Fan) und ver­kün­det mir stolz, er ha­be noch ei­nen Ter­min frei: in an­dert­halb St­un­den.

Zwei Fuß­ball-Halb­zei­ten lau­fe ich Spu­ren ins Par­kett, baue mich in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den freund­lich lä­chelnd vor dem Ex­per­ten auf, der zu­rück­lä­chelt und dem nächs­ten „Ir­gend­wie-son“ei­nen Ter­min ver­passt. Durchs Fens­ter kom­me ich in den Ge­nuss, vie­le deut­sche Fans und ei­nen Mu­si­ker zu be­stau­nen, der von Tou­ris­ten fo­to­gra­fiert wird. Wei­te­re Ex­kur­sio­nen in die Alt­stadt un­ter­sa­ge ich mir, weil lang­sam ein we­nig Un­ru­he in mir auf­steigt.

Ei­ne Vier­tel­stun­de nach dem ver­ein­bar­ten Ter­min er­kennt mich der Ex­per­te wie­der und ver­mit­telt mich nach kaum 30 Mi­nu­ten an den nächs­ten Herrn im Obst­hemd. Ich be­schlie­ße, nie mehr Äp­fel zu es­sen. Der drit­te Fach­mann dia­gnos­ti­ziert mit fes­tem Blick ei­nen De­fekt. Er tauscht das Ge­rät aus, ich ra­se zum Sta­di­on, da­mit die Uefa mich nicht we­gen zu spä­ten Er­schei­nes auf dem Markt­platz aus­peit­schen lässt.

In der Zeit hät­te ich ge­müt­lich die stil­prä­gen­de Alt­stadt von Bor­deaux stu­die­ren kön­nen. „Ei­ne Stadt, die durch die gran­dio­se, fast voll­stän­dig er­hal­te­ne An­la­ge be­sticht“, wie mein Wun­der­te­le­fon be­rich­tet. Ma­che ich dann beim nächs­ten Mal.

FOTO: IMAGO

Ita­li­ens Ka­pi­tän Gi­gi Buf­fon be­ru­higt Tho­mas Mül­ler, der ge­ra­de hol­ly­woodreif die Thea­tra­lik sei­nes Ge­gen­spie­lers Gior­gio Chiel­li­ni nach­spielt.

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