BLINK-182 Die letz­te Punk­band der Welt

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - ROCK UND POP -

Zu al­bern, zu flach, zu ein­gän­gig – die Pop-Pun­ker von Blink-182 sind nie ei­ne Band ge­we­sen, zu der sich Mu­sik­kri­ti­ker of­fen­siv be­kannt ha­ben. Se­bas­ti­an Dal­kow­ski schreibt an­läss­lich des neu­en Al­bums „Ca­li­for­nia“ei­nen über­fäl­li­gen Fan­brief.

Wer das ho­he Al­ter von 33 Jah­ren er­reicht hat, tut zwei Din­ge nicht mehr. Ers­tens: Fan­brie­fe schrei­ben. Zwei­tens: Fan­brie­fe an Blink-182 schrei­ben. Doch als ich er­fuhr, dass Ihr nach fünf Jah­ren ein neu­es Al­bum mit dem Ti­tel „Ca­li­for­nia“ver­öf­fent­licht, merk­te ich: Ihr seid mir im­mer noch wich­tig. Sehr. Ich hal­te mich für ei­nen An­hän­ger ab­we­gi­ger Kri­ti­ker­mu­sik. Wenn je­mand nach mei­ner Lieb­lings­band fragt, wür­de ich im­mer Ra­dio­head sa­gen. Doch wenn ich ver­glei­che, wel­che Plat­ten ich häu­fi­ger ge­hört ha­be, dann wa­ren es Eu­re. Lasst es mich er­klä­ren. Nach mei­nen Er­in­ne­run­gen tauch­tet Ihr 1999 in mei­nem Le­ben auf. Ich war da­mals 16. Ein Mit­schü­ler hat­te ein hal­bes Jahr in den USA ge­lebt und die ak­tu­el­le Plat­te ei­ner Band mit­ge­bracht, die mir völ­lig un­be­kannt war. Er er­zähl­te, dass Ihr mit „Ene­ma Of The Sta­te“in den USA schon ei­ne gro­ße Num­mer wart und brann­te mir ei­nen Roh­ling, als Roh­lin­ge noch ein Ver­mö­gen kos­te­ten. Er ist bis heu­te in mei­nem Be­sitz.

Es war kein Er­we­ckungs­er­leb­nis, als ich Eu­re Mu­sik das ers­te Mal hör­te. Ich fing nicht an, mei­ne Zim­mer­wän­de mit Pos­tern von Euch zu ta­pe­zie­ren, aber ich hör­te die­se Plat­te ein­fach wahn­sin­nig ger­ne zu je­der Ge­le­gen­heit. Gi­tar­ren und eu­pho­ri- sche Me­lo­di­en – wer konn­te et­was da­ge­gen ha­ben? Schon da­mals hör­te ich nicht nur die Son­ne Eu­rer ka­li­for­ni­schen Hei­mat in den Songs, son­dern auch ei­ne Me­lan­cho­lie, ei­ne Sehn­sucht, die erst 2003 in Eu­rem Al­bum „Blink-182“über­deut­lich wur­de, als Ihr an­fingt, mit An­spruch zu ex­pe­ri­men­tie­ren.

Ihr habt Euch nie an ei­ne Sze­ne ge­rich­tet. Nie­mand muss­te cool sein, um Euch zu hö­ren. Zur Ab­gren­zung wart Ihr nie ge­eig­net. Aber ich hat­te das Ge­fühl, dass Ihr mit Eu­ren Songs je­den Hö­rer ein­zeln an­ge­spro­chen habt, Leu­te wie mich, die in ih­rem Dorf nicht so wahn­sin­nig viel er­leb­ten, das aber nicht so schlimm fan­den, dass sie mit dem gleich­zei­tig gras­sie­ren­den Nu-Me­tal ih­re Exis­tenz be­dau­er­ten. Dass Ihr dem Punk die letz­te Re­bel­li­on ge­nom­men habt, die Gre­en Day ihm 1994 mit „Doo­kie“noch ge­las­sen hat­te, und groß „Pop“drü­ber kleb­tet, war der Grund, war­um Eu­re Mu­sik für Leu­te wie mich über­haupt in Fra­ge kam. Für wirk­li­chen Punk war ich nie lan­ge ge­nug wü­tend.

Schnell merk­te ich, dass Ihr kei­ne Band seid, zu der man sich frei­mü­tig be­kennt, auch weil Ihr nie vor dem zu­rück­ge­schreckt seid, was der Ami „Toi­let Hu­mor“nennt. Weil ich un­be­dingt mit ei­nem ernst­haf­ten Mu­sik­kri­ti­ker ver­wech­selt wer­den woll­te, be­kann­te ich mich auch nicht und schrieb lie­ber über is­län­di­sche Ge­heim­tipps. Mit Eu­ren spä­te­ren Plat­ten habt Ihr bei den Kri­ti­kern Bo­den gut ge­macht, habt ge­zeigt, dass Ihr her­vor­ra­gen­de Mu­si­ker seid, de­ren Songs im­mer ein biss­chen bes­ser wa­ren als die Eu­rer Punk-Kol­le­gen, aber Eu­ren Ruf seid Ihr nie ganz los­ge­wor­den. Im klas­si­schen Sin­ne re­le­vant seid Ihr nie ge­we­sen, al­so ein­fluss­reich. Okay, schon, Ihr wart mal ei­ne der größ­ten Bands der Ge­gen­wart, aber Ihr habt kei­ne gu­ten Bands zu ver­ant­wor­ten, son­dern Sum 41 und Good Char­lot- te. Einst sag­te der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Franz Jo­sef Strauß, dass es rechts von sei­ner Par­tei, der CSU, kei­ne de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Par­tei ge­ben dürf­te. Rechts von Euch, im Sin­ne von noch mehr Rich­tung Pop, hät­te es kei­ne Punk­band ge­ben dür­fen. Ich möch­te sa­gen: Ihr seid die Band, die die Ent­wick­lung des Punk ab­ge­schlos­sen hat – die letz­te Punk­band der Welt.

Wäh­rend an­de­re Bands mei­ner Ju­gend ver­schwan­den, seid Ihr ge­blie­ben. Dass Ihr zwi­schen 2003 und 2011 kei­ne Plat­te ver­öf­fent­licht habt, weil je­der von Euch mit an­de­ren Din­gen klar­kom­men muss­te, fiel mir nicht auf. Ge­freut ha­be ich mich über die Rück­kehr aber. Kein ein­zi­ger Eu­rer Songs seit „Ene­ma Of The Sta­te“ist mir über­drüs­sig ge­wor­den.

Ich freue mich auch jetzt, dass nach fünf Jah­ren Eu­er sieb­tes Al- bum „Ca­li­for­nia“er­scheint, ob­wohl mir klar ist, dass die gro­ßen Zei­ten vor­bei sind. Ihr seid über 40. Eu­er Pro­du­zent Jer­ry Finn ist be­reits 2008 ver­stor­ben. Eu­er Gi­tar­rist Tom DeLon­ge hat zum zwei­ten Mal die Band ver­las­sen und ist durch Scott Ray­nor von Al­ka­li­ne Trio er­setzt wor­den. Aber bit­te macht wei­ter, so­lan­ge es Euch Spaß macht und Ihr Songs schreibt, die gan­ze Ta­ge ret­ten kön­nen.

Ich den­ke, ich wer­de mal mei­nen Freun­den von Euch er­zäh­len.

FOTO: DEN­NY LESTER / PU­B­LIC DOMAIN

Ei­ne Punk­band beim Mi­li­tär – Tom DeLon­ge, Mark Hop­pus und Tra­vis Bar­ker (von links) 2003 an Bord des ame­ri­ka­ni­schen UBoots USS Mem­phis in Bah­rain. DeLon­ge ge­hört nicht mehr zur Be­set­zung von Blink-182.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.