KURZKRITIKEN

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR -

Pop Das ist ei­nes der gro­ßen Al­ben die­ses Jah­res. Blood Oran­ge ist der Künst­ler­na­me des 30 Jah­re al­ten Bri­ten De­von­te Hy­nes, der seit ei­ni­ger Zeit in Brook­lyn lebt. Die­ses ist sein drit­tes Al­bum, es heißt „Free­town Sound“nach der Haupt­stadt von Sier­ra Leo­ne, aus der sein Va­ter stammt. Sei­ne Mut­ter wur­de in Gu­ya­na ge­bo­ren, die El­tern tra­fen sich einst in London, und die Ge­schich­te die­ser Lie­be, sei­ner Ge­burt und Ju­gend er­zählt Hy­nes in 17 Songs. Ein Bil­dungs­ro­man, in dem es um Männ­lich­keit geht, um das Ge­fühl, fremd zu sein, um Re­li­gi­on. Blood Oran­ge er­neu­ert das Gen­re R n‘ B, in­dem er sich aus den 80ern die Cool­ness von Sa­de borgt und vom frü­hen HipHop die Beats. Er hat den Funk von Prin­ce und das Ohr für groo­ven­de Pro­duk­tio­nen, wie man sie bei der SOS Band ge­hört hat. Er mischt al­les mit sei­ner Le­bens­welt. Ei­ne im bes­ten Sinn zeit­ge­mä­ße und men­schen­freund­li­che Plat­te. Phil­ipp Hol­stein Klas­sik An dem eher en­gen Ho­ri­zont, der sich bei un­se­rem Blick auf die Mu­sik­ge­schich­te auf­tut, tre­ten zur Ba­rock­zeit nur zwei Kom­po­nis­ten über­scharf her­vor: der Gi­gant Bach und der ge­le­gent­lich un­ter­schätz­te Hän­del. Es gab aber noch ei­nen drit­ten Meis­ter, der das Zeug zum Ge­nie hat­te, ach was: Er war ei­nes, und es ist an der Zeit, ihm ei­nen Platz an die­sem Ho­ri­zont zu­zu­wei­sen. Es han­delt sich um Jan Dis­mas Ze­len­ka (1689 bis 1745), der aus Böh­men stamm­te, als Kon­tra­bas­sist be­gann, dann bei Jo­hann Jo­seph Fux in Wien Kom­po­si­ti­on stu­dier­te und zeit­le­bens am Dresd­ner Hof wirk­te. Dort wur­de ihm aus un­er­find­li­chen Grün­den Jo­hann Adolf Has­se als Ka­pell­meis­ter vor­ge­zo­gen. Ver­mut­lich war Ze­len­ka zu gut, zu ori­gi­nell, und die Dresd­ner lieb­ten es kon­ven­tio­nel­ler. Im­mer­hin war er of­fi­zi­ell Hof­kom­po­nist, das war sei­ner Kom­pe­tenz zwar nicht an­ge­mes­sen, aber Ze­len­ka konn­te es sich nicht aus­su­chen. Zu­rück in die Hei­mat woll­te er nicht.

Sei­ne geist­li­chen Wer­ke wer­den von Fach­leu­ten stets als un­ge­mein wert­voll ein­ge­schätzt, und wer die­se Ex­per­ti­se per­sön­lich über­prü­fen möch­te, hat jetzt Ge­le­gen­heit da­zu: Aus Prag kommt ei­ne wun­der­ba­re Auf­nah­me (bei, La­bel Ac­cent/No­te 1) sei­ner „Mis­sa Di­vi Xa­ve­r­ii“, die als Gra­phic No­vel Der ers­te Satz in Her­man Mel­vil­les „Mo­by-Dick“lau­tet „Nennt mich Is­ma­el!“, und nun hat die­ser Is­ma­el ein Ge­sicht. Der Fran­zo­se Chris­to­phe Cha­bou­té hat es ge­zeich­net, mit schwe­ren schwar­zen Stri­chen hat er den Wal­fän­ger-Ro­man um den Ma­tro­sen Is­ma­el, den Har­pu­nier Quee­queg und die Jagd nach dem Le­via­than nach­emp­fun­den. Dies ist die bes­te un­ter all den Li­te­ra­tur-Ad­ap­tio­nen, die in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ja mas­sen­wei­se als Gra­phic No­vel er­schie­nen sind. Denn sie ist düs­ter wie die Vor­la­ge. Cha­bou­té er­zählt in ra­ben­schwar­zen Bil­dern mit nur ganz we­nig Weiß. Die Pe­quod ist ei­ne Nuss­scha­le und das Meer kein Freund. Und Ahab, der ra­che­lüs­ter­ne Ka­pi­tän, tritt zu­nächst mal nur als Schat­ten auf, bis er völ­lig frei­dreht. Für „Mo­by-Dick“-Pu­ris­ten ist das nichts, weil sie Aus­spa­run­gen be­män­geln wer­den, und dann stellt sich ja im­mer auch ganz schnell die Fra­ge: Muss das sein, „Mo­by-Dick“als Co­mic? Ja. Klas Li­bu­da Chris­to­phe Cha­bou­té:

Jan Dis­mas Ze­len­ka, das ver­ges­se­ne Ge­nie

Ju­wel gilt. Da­bei ist die Qu­el­len­la­ge ziem­lich kom­pli­ziert. Die Par­ti­tur ist in ei­nem un­le­ser­li­chen Zu­stand, weil Ze­len­ka stets sehr flüch­tig schrieb und bei den Pro­ben und der Auf­füh­rung so­wie­so an­we­send war, den Mu­si­kern al­so nicht al­les in die Stim­men no­tie­ren muss­te. Und durch ei­nen Riss fehlt an man­cher Sei­te der obe­re Rand.

Václav Luks, der fa­bel­haf­te Lei­ter des Col­le­gi­um Vo­ca­le 1704 aus Prag, hat in wah­rer Puz­zle­ar­beit das Feh­len­de re­kon­stru­iert – und jetzt kann man sie end­lich be­stau­nen, die­se opu­lent be­setz­te Mes­se, der zwar das Cre­do fehlt, die aber trotz­dem län­ger ist als al­le an­de­ren Mes­sen Ze­len­kas. Aber­mals be­wun­dert man Ze­len­kas Ex­pres­si­vi­tät, sei­ne Vor­lie­be für Stim­mungs­um­schwün­ge, ei­ne ba­chi­sche De­tail­ar­beit – und ei­nen har­mo­nisch-me­lo­di­schen Reich­tum, der ei­nen stau­nen macht. Luks und sein En­sem­ble mu­si­zie­ren so ex­zel­lent, wie es ei­nem Ret­tungs­un­ter­neh­men wie die­sem ge­bührt. Wolf­ram Go­ertz

FOTO: LA­BEL

„Free­town Sound“von Blood Oran­ge.

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