Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG -

Auf dem Weg die Stu­fen hin­un­ter rück­te er sei­ne Fahr­rad­ku­rier­ta­sche zu­recht. Die Vor­stel­lung, ei­ne gan­ze St­un­de mit die­ser Frau ver­brin­gen zu müs­sen, lag ihm wie Blei im Ma­gen. Herr­gott, war­um muss­ten man­che Leu­te ih­ren Job da­zu be­nut­zen, ihr Ego aus­zu­to­ben?

Es war nicht sei­ne Schuld, wenn ihr Freund sie nerv­te, sie von ih­rem Vor­ge­setz­ten schi­ka­niert wur­de oder sie sich mit ei­nem Kü­chen­an­bau fi­nan­zi­ell über­nom­men hat­te. Er ver­lang­te doch nur ein biss­chen Höf­lich­keit.

„Hal­lo. Wie ich se­he, steht die Tech­nik schon“, sag­te er und wies auf die Vi­deo­ka­me­ra, die auf das Pult ge­rich­tet war, und das an An­nas Klei­dung be­fes­tig­te Mi­kro. Da­für, dass sie ge­filmt wer­den soll­te, hat­te sie sich mit ih­rem Out­fit kei­ne gro­ße Mü­he ge­ge­ben.

Den dich­ten Lo­cken­schopf hat­te sie wie­der mit ei­nem Gum­mi­band zu ei­nem ein­sturz­ge­fähr­de­ten Knäu­el zu­sam­men­ge­fasst. Da­zu trug sie ei­nen schwar­zen grob­ma­schi­gen Pul­li mit ein­ge­wirk­ten Sil­ber­fä­den, ein sa­ck­ar­ti­ges Ob­jekt, das im To­ast-Ka­ta­log ver­mut­lich ein Ver­mö­gen ge­kos­tet hat­te. Eva hat­te manch­mal ih­re „Sonn­tags­ab­häng­kla­mot­ten“dort be­stellt.

War­um muss­ten Wis­sen­schaft­ler im­mer rum­lau­fen wie aus der Alt­klei­der­samm­lung ge­zo­gen? Woll­ten sie da­mit de­mons­trie­ren, dass ih­re Ge­dan­ken in hö­he­ren Sphä­ren als Pass­form und Bü­gel­fal­ten schweb­ten?

Gut. Heu­te war der Tag ih­rer Be­er­di­gung. Und da­für war sie pas­send an­ge­zo­gen.

„Mein Kol­le­ge Patrick küm­mert sich um Bild und Ton“, ver­kün­de­te An­na und wies auf die ver­glas­te Kan­zel im hin­te­ren Teil des Hör­saals, wo ei­ne dunk­le Gestalt zu er­ken­nen war. Ja­mes’ Blick wan­der­te zu dem Tel­ler, den sie ge­ra­de ne­ben sich ab­stell­te. Er war mit ei­ner Mas­se auf Eier­ba­sis und ei­nem Klecks brau­ner HP-Sau­ce be­schmiert.

„Was soll denn das sein?“, platz­te er un­will­kür­lich her­aus.

„Ein Ome­lett im Ham­bur­ger­bröt­chen. Die Spe­zia­li­tät un­se­rer Men­sa.“

„Aha“, er­wi­der­te Ja­mes, um Di­plo­ma­tie be­müht. Zum Glück hat­te er schon ge­ges­sen. „Ihr aka­de­mi­scher Ti­tel ist doch Dok­tor, oder?“, fuhr er fort. „Dr. An­na Ales­si?“

„Ja, das ist rich­tig“, er­wi­der­te sie steif.

Ihr Na­me kam ihm be­kannt vor, es hat­te ihn nicht los­ge­las­sen. Im nächs­ten Mo­ment fiel es ihm ein. Ales­si war ein Her­stel­ler durch­ge­styl­ter Haus­halts­wa­ren. Ir­gend­wo hat­te er noch ei­nen Fla­schen­öff­ner von Ales­si.

Es war si­cher bes­ser, sie nicht zu fra­gen, ob sie der Ales­si-Kü­chen­kunst­stoff-Dy­nas­tie an­ge­hör­te. Er woll­te nicht ris­kie­ren, dass sie ihm mit Gleich­stel­lungs­ge­schwätz kam, ihm Ras­sis­mus vor­warf und ihn be­schul­dig­te, ih­re eth­ni­sche Her­kunft ins Lä­cher­li­che zu zie­hen.

„Al­so, ich ge­be Ih­nen das Stich­wort, und Sie spre­chen dann über die ver­schie­de­nen Ex­po­na­te. Für die App brau­chen wir Sound­bi­tes von et­wa ein bis zwei Mi­nu­ten.“

An­na nick­te und trank et­was aus ei­ner Tas­se, die zu ih­ren Fü­ßen ge­stan­den hat­te. Ein ro­si­ger Tee­beu­tel mit Twi­nings-Eti­kett schwamm da­rin. Lo­gisch: Kräu­ter­tee.

„Au­ßer­dem“, Ja­mes wand­te sich wie­der vom Bild­schirm ab, „möch­te ich die Ge­le­gen­heit nüt­zen, um mich für den Fehl­start zu ent­schul­di­gen, als Sie zu­fäl­lig in die­ses schau­der­haf­te Klas­sen­tref­fen ge­ra­ten sind. Mein Freund Lau­rence denkt sich nichts da­bei, frem­de Frau­en an­zu­ma­chen. Ich ha­be ihn ge­be­ten, Sie in Ru­he zu las­sen, aber . . .“Er zuck­te die Ach­seln.

„Lau­rence ist ein hoff­nungs­lo­ser Fall.“

„Schon gut, kein Pro­blem“, ant­wor­te­te An­na rasch.

Ei­gent­lich hat­te Ja­mes mit mehr ge­rech­net, ei­ner Gar­di­nen­pre­digt vi­el­leicht. Doch statt­des­sen war da nur er­war­tungs­vol­les Schwei­gen.

„Äh. Okay. Die De­si­gner ha­ben da ei­ne ganz spe­zi­el­le Fra­ge und mich ge­be­ten, die an Sie wei­ter­zu­ge­ben.“Er rief ei­ne Darstel­lung auf sei­nem Lap­top auf. „Sie wür­den ger­ne Theo­do­ras Kopf­schmuck re­kon­stru­ie­ren und die Ein­zel­hei­ten mit Ih­nen ab­spre­chen.“An­na neig­te den Kopf zur Sei­te. „Die Kro­ne? Ich kann Ih­nen Frag­men­te des Ori­gi­nals be­schrei­ben, aber für ei­ne Re­kon­struk­ti­on des ge­sam­ten Stücks müss­ten wir un­se­re Phan­ta­sie be­mü­hen, und mir ge­fällt die Vor­stel­lung nicht, mir ein­fach et­was aus den Fin­gern zu sau­gen. Das ist in mei­nem Fach­ge­biet so et­was wie ein Ta­bu. Zu leicht kommt je­mand da­her, der ei­nen wi­der­legt. Des­halb möch­te ich mich lie­ber auf die Ex­po­na­te be­schrän­ken, von de­nen wir ganz ge­nau wis­sen, wie sie aus­ge­se­hen ha­ben, wenn das für Sie in Ord­nung ist.“

„Zum Bei­spiel?“Ja­mes stöhn­te in­ner­lich auf. Das wür­de ein Stück Ar­beit wer­den.

„Der Gür­tel, den uns das Met in New York leiht, ist ein Traum. Er be­steht aus rei­nem Gold und ist sehr schwer. Wahr­schein­lich wur­de er bei staat­li­chen Ze­re­mo­ni­en und gro­ßen Er­eig­nis­sen ge­tra­gen und ist ge­nau­so wich­tig wie je­de Kro­ne.“

„Okay. Hmm. Wenn ich mir vor­stel­le, was die mir ant­wor­ten wer­den . . . Ich glau­be, die Kro­ne hät­te ei­nen Wie­der­er­ken­nungs­wert. Die Leu­te wis­sen, was sie vor Au­gen ha­ben. Ein Gür­tel als los­ge­lös­tes Ob­jekt ist da ein we­nig schwie­ri­ger ein­zu­ord­nen.“

„Nur dass der Gür­tel da­für den Vor­teil hat, ein fas­zi­nie­ren­des und voll­stän­dig er­hal­te­nes his­to­ri­sches Ori­gi­nal zu sein, an dem wir nicht her­um­ge­dok­tert ha­ben.“

Ach, herr­je. „Die De­si­gner sind ganz be­geis­tert von der Idee mit der Kro­ne.“

„Die De­si­gner sind kei­ne His­to­ri­ker. Ver­mut­lich wol­len sie ein­fach nur, dass es hübsch aus­sieht. Sie ha­ben mich nach mei­ner Mei­nung ge­fragt, und hier ist sie.“

Ja, und sie war nicht zu über­hö­ren, dach­te Ja­mes. „Ich ge­be das wei­ter. Vi­el­leicht kön­nen die sich ja di­rekt mit Ih­nen in Ver­bin­dung set­zen.“Viel Spaß da­bei.

„Wenn Sie beim Spre­chen un­ge­fähr hier­hin schau­en könn­ten“, sag­te Ja­mes, stand auf und stell­te sich ein Stück rechts von An­na. „Nicht di­rekt in die Ka­me­ra?“„Das wirkt ein biss­chen von oben her­ab. Es soll eher wie ein Ge­spräch sein, nicht wie ei­ne Vor­le­sung. Wenn es Ih­nen hilft, blei­be ich hier ste­hen.“

„Ich glau­be, ich kann ich mir auch so mer­ken, wo ich hin­schau­en soll.“

Gü­ti­ger Him­mel. Ja­mes ließ sich auf ei­nen Sitz sin­ken.

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