Atom­end­la­ger für ei­ne Mil­li­on Jah­re

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES

BER­LIN Vor ei­ner Mil­li­on Jah­ren gab es noch kei­nen Ho­mo Sa­pi­ens auf die­sem Pla­ne­ten. Die St­ein­zeit dau­er­te noch an, un­se­re Urah­nen nutz­ten pri­mi­ti­ve Werk­zeu­ge, an die Ver­ar­bei­tung von Me­tall war noch lan­ge nicht zu den­ken, schon gar nicht an die In­dus­tria­li­sie­rung und ih­re Fol­gen für die Ener­gie­ge­win­nung. Das ver­deut­licht, mit welch enor­men Di­men­sio­nen die End­la­gerkom­mis­si­on des Bun­des­ta­ges in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren zu tun hat­te. Sie hat für die nun be­vor­ste­hen­de Su­che nach ei­nem deut­schen Atom­end­la­ger Kri­te­ri­en er­ar­bei­tet. Obers­te Prä­mis­se: Aus dem La­ger an dem noch un­be­kann­ten Stand­ort darf kei­ne Strah­lung ent­wei­chen, die Mensch und Na­tur ge­fähr­den kann. Und zwar min­des­tens ei­ne Mil­li­on Jah­re lang.

So weit, so schwer. Schließ­lich sol­len in ei­ni­gen Jahr­zehn­ten rund 30.000 Ku­bik­me­ter hoch ra­dio­ak­ti­ven Ab­falls ir­gend­wo in Deutsch­land ein­ge­la­gert wer­den. Das ent­spricht in et­wa dem In­halt von zehn olym­pi­schen Schwimm­be­cken oder 6000 Cas­to­ren, bei ei­ner an­hal­ten­den Tem­pe­ra­tur des Mülls von weit mehr als 100 Grad Cel­si­us. Hin­zu kom­men wei­te­re 300.000 Ku­bik­me­ter – al­so 100 zu­sätz­li­che Schwimm­be­cken – an schwä­cher strah­len­dem Ab­fall, wie er der­zeit zum Bei­spiel im be­rüch­tig­ten La­ger As­se zu fin­den ist.

Heu­te legt die Kom­mis­si­on ih­ren Ab­schluss­be­richt zu den er­for­der­li­chen Kri­te­ri­en Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert (CDU) und Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) vor. In dem mehr als 680 Sei­ten um­fas­sen­den Pa­pier, das un­se­rer Re­dak­ti­on vor­ab vor­liegt, kommt zum Aus­druck, wie sehr die ein­zel­nen Ak­teu­re in der 16-köp­fi­gen Kom­mis­si­on mit­ein­an­der ge­run­gen ha­ben. Ver­tre­ter von Uni­on, SPD, Lin­ken und Grü­nen, Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Um­welt­ver­bän­den kämpf­ten mit die­sen Fra­gen: Wel­che Vor­ga­ben wer­den hin­sicht­lich der Ge- steins­ar­ten und -vor­kom­men ge­macht, die für die Ein­la­ge­rung des ge­fähr­lichs­ten Atom­mülls in­fra­ge kom­men sol­len? Wie soll das Ver­fah­ren ab­lau­fen? Und soll der Kri­te­ri­en­ka­ta­log so ge­stal­tet wer­den, dass Stand­or­te wie das po­li­tisch hoch­um­strit­te­ne Gorleben von vorn­her­ein durch das Ras­ter fal­len?

Am En­de steht nun ein Kom­pro­miss, dem 14 Kom­mis­si­ons­mit­glie­der zu­stimm­ten und den nur der Um­welt­ver­band BUND ab­lehnt. Er folgt drei Leit­sät­zen: Ers­tens soll der best­mög­li­che und da­mit si­chers­te Stand­ort für die La­ge­rung hoch ra­dio­ak­ti­ven Ab­falls ge­fun­den wer­den, zwei­tens soll in ganz Deutsch­land nach dem Prin­zip der „wei­ßen Land­kar­te“ge­forscht wer­den – al­so oh­ne kon­kre­te Stand­or­te wie Gorleben von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen und drit­tens soll ei­ne um­fas­sen­de Bür­ger­be­tei­li­gung bei der Stand­ort­wahl er­fol­gen. Da­zu wird ein so­ge­nann­tes Be­gleit­gre­mi­um ge­schaf­fen und bis Jah­res­en­de er­nannt, in dem auch Bür­ger sit­zen wer­den, die zu­vor aus ei­ner Grup­pe Frei­wil­li­ger zu lo­sen sind. Zu­sätz­lich gibt die Kom­mis­si­on nun vor, dass Bür­ger noch ein­mal ge­son­dert be­tei­ligt wer­den müs­sen, wenn bis vor­aus­sicht­lich 2030 meh­re­re Stand­or­te in ei­nem en­ge­ren Aus­wahl­ver­fah­ren ver­gli­chen wer­den.

Doch der Teu­fel des Ver­fah­rens steckt im De­tail und bie­tet den po­li­ti­schen Ak­teu­ren aus­rei­chend Spiel­raum, um ge­gen ein Atom­end­la­ger in ih­rem di­rek­ten Ein­fluss­ge­biet an­zu­kämp­fen. Schließ­lich kom­men nicht al­le Gesteins­ar­ten in­fra­ge, wenn es um aus­rei­chen­den Schutz vor ato­ma­rer Strah­lung über ei­nen so ex­trem lan­gen Zei­t­raum geht. Nach­dem die Kom­mis­si­on denk­ba­re aber kaum um­setz­ba­re Me­tho­den wie et­wa Ra­ke­ten­trans­por­te des Atom­mülls in die Son­ne ver­warf, ste­hen nun meh­re­re Sze­na­ri­en für die La­ge­rung in tie­fen Gesteins­for­ma­tio­nen zur Aus­wahl.

So soll in den kom­men­den Jah­ren nach ge­eig­ne­ten Vor­kom­men von St­ein­salz, Ton­ge­stein und Gra­nit (Kris-

Jörg Som­mer tal­lin) ge­sucht wer­den. Die­se so­ge­nann­ten Wirts­ge­stei­ne sol­len die Haupt­last beim Ab­schir­men der Strah­lung tra­gen – nicht et­wa künst­li­che Be­häl­ter. So müs­se ein Gra­nit­block ge­fun­den wer­den, der „hin­rei­chend mäch­tig“ist, was im Be­richt mit min­des­tens 100 Me­ter Di­cke de­fi­niert wird. Ist das nicht mög­lich, soll über ei­nem dün­ne­ren Gra­nit­block zu­min­dest ei­ne mäch­ti­ge Ton- oder Salz­schicht la­gern, um die Strah­lung ab­zu­hal­ten. Und falls bei­des nicht geht, müss­ten eben doch künst­lich her­ge­stell­te Be­häl­ter die Haupt­last der Iso­la­ti­on tra­gen.

Doch bei der Be­wer­tung die­ser Sze­na­ri­en wird be­reits der po­li­ti­sche Kampf um die Aus­le­gung der Kri­te­ri­en of­fen­bar – das Schwar­ze-Pe­ter-Spiel läuft be­reits auf Hoch­tou­ren. So teil­te die Uni­ons­frak­ti­on ges­tern mit, man rech­ne nicht da­mit, ei­nen „hin­rei­chend mäch­ti­gen“Gra­nit­block zu fin­den (das wä­re auf­grund der Geo­lo­gie wohl nur im CSU-re­gier­ten Bay­ern oder CDU-re­gier­ten Sach­sen denk­bar) und wer To­nund Salz­schich­ten über Gra­nit­blö­cken er­pro­ben wol­le, ver­let­ze die­se zwangs­läu­fig, so dass sie nicht mehr voll­stän­dig dicht blie­ben. Man ge­he da­her da­von aus, dass „am Schluss des Ver­fah­rens kein End­la­ger­stand­ort im Kris­tal­lin in Deutsch­land ge­fun­den wird“, heißt es in ei­nem Pa­pier von CDU und CSU. Auch Bay­erns Um­welt­mi­nis­te­rin Ul­ri­ke Scharf (CSU) fand deut­li­che Wor­te: „Die Gestei­ne in Bay­ern sind nicht für ein End­la­ger ge­eig­net – das gilt für Gra­nit, Ton und Salz.“Sie könn­ten die not­wen­di­ge geo­lo­gi­sche Bar­rie­reWir­kung nicht bie­ten, sag­te Scharf.

Aus Nie­der­sach­sen ka­men ähn­li­che Wor­te – aber be­zo­gen auf das dor­ti­ge Gorleben. Um­welt­mi­nis­ter Ste­fan Wen­zel (Grü­ne) sag­te, die neu­en Si­cher­heits­an­for­de­run­gen in Ver­bin­dung mit Vor­ga­ben für die Feh­ler­kor­rek­tur, die Ma­xi­mal­tem­pe­ra­tur und das Wirts­ge­stein sei­en in Gorleben „nicht zu rea­li­sie­ren“. An­ge­sichts die­ser Gr­a­ben­kämp­fe zeig­te sich Jörg Som­mer, der für die Deut­sche Um­welt­stif­tung in der Kom­mis­si­on saß, pes­si­mis­tisch: „Ich fürch­te, wir wer­den auch 2050 noch kein End­la­ger be­fül­len kön­nen.“

„Ich fürch­te, wir wer­den

auch 2050 noch kein La­ger be­fül­len kön­nen“ Vor­sit­zen­der der Deut­schen Um­welt­s­tif

tung und Mit­glied der Kom­mis­si­on

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