Wem dür­fen wir Waf­fen ver­kau­fen?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

Deutsch­land ex­por­tier­te 2015 deut­lich mehr Rüs­tungs­gü­ter. Das ist ein Er­folg für die Wirt­schaft, der Re­gie­rung aber eher pein­lich.

BER­LIN Als der SPD-Chef in die Re­gie­rung ging, um zu zei­gen, was sei­ne Par­tei al­les kann, ent­schied er sich nicht aus Ver­se­hen für das Wirt­schafts- statt für das So­zi­al­res­sort. Sig­mar Ga­b­ri­el will mit Wirt­schafts- und Mit­tel­stands­kom­pe­tenz vor die Wäh­ler tre­ten. Doch ein in sei­ner Amts­zeit zu ver­bu­chen­der Er­folgs­wert für die deut­sche In­dus­trie und den deut­schen Mit­tel­stand ist ihm pein­lich: Die fast ver­dop­pel­te Wert­schät­zung für Waf­fen ma­de in Ger­ma­ny, ab­zu­le­sen im jüngs­ten Rüs­tungs­ex­port­be­richt. Ge­neh­mi­gun­gen über 7,86 Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr 2015 (nach 3,97 im Jahr 2014) ver­sucht Ga­b­ri­el mit Ver­ant­wort­lich­kei­ten der Vor­gän­ger­re­gie­rung und Aus­rei­ßern zu er­klä­ren.

Wie der Vi­ze­kanz­ler, so will auch die Kanz­le­rin kei­nen Ho­nig aus der Stei­ge­rung sau­gen. Das sei ei­ne Momentaufnahme, lässt An­ge­la Mer­kel ih­ren Spre­cher Stef­fen Sei­bert er­läu­tern. „Wir ha­ben Gott sei Dank ei­ne sehr ver­ant­wor­tungs­vol­le Rüs­tungs­ex­port­po­li­tik mit sehr stren­gen und zu­letzt so­gar noch stren­ger ge­fass­ten Grund­sät­zen“, un­ter­streicht Sei­bert.

Die Sum­me der Ex­port­ge­neh­mi­gun­gen in Eu­ro ist we­gen der gro­ßen Vo­lu­mi­na ein­zel­ner Pro­jek­te star­ken Schwan­kun­gen un­ter­wor­fen. So macht Ga­b­ri­el auch auf die „po­li­tisch un­pro­ble­ma­ti­schen“vier Tank­flug­zeu­ge für Groß­bri­tan­ni­en auf­merk­sam, die al­lein 1,1 Mil­li­ar­den Eu­ro aus­ma­chen. Sehr um­strit­ten sind da­ge­gen je­ne 1,6 Mil­li­ar­den Eu­ro für Pan­zer, Pan­zer­hau­bit­zen, Mu­ni­ti­on und wei­te­re Fahr­zeu­ge für Ka­tar. Das ist kein Freund und Na­toPart­ner, son­dern ein Land mit mög­li­chen Ver­stri­ckun­gen in re­gio­na­le Kon­flik­te, et­wa im Je­men. An­de­rer­seits ist es aber auch Fuß­ball-WM­Gast­ge­ber und VW-Groß­ak­tio­när. Das Waf­fen­ge­schäft je­den­falls sei noch un­ter der schwarz-gel­ben Vor­gän­ger­re­gie­rung zu­stan­de ge­kom­men und von ihm nicht mehr zu stop­pen ge­we­sen, er­klärt Ga­b­ri­el.

Die da­ma­li­ge Jus­tiz­mi­nis­te­rin Sa­bi­ne Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger wi­der­spricht: „Es ist ein sehr durch­sich­ti­ges Ablen­kungs­ma­nö­ver von Ga­b­ri­el, die­sen ex­po­nen­ti­el­len An­stieg der Waf­fen­ex­por­te der frü­he­ren Ko­ali­ti­on in die Schu­he zu schie­ben. Das funk­tio­niert drei Jah­re da­nach nicht mehr“, sag­te die FDPPo­li­ti­ke­rin. Ga­b­ri­el müs­se „zu sei­nen ei­ge­nen Ent­schei­dun­gen ste­hen“. Der Wirt­schafts­mi­nis­ter will im Bun­des­si­cher­heits­rat von an­de­ren Mi­nis­tern über­stimmt wor­den sein. Die üb­ri­gen Be­tei­lig­ten ver­wei­sen auf den ge­hei­men Cha­rak­ter des Gre­mi­ums.

Al­ter­na­tiv hät­te der bei Rüs­tungs­ex­por­ten fe­der­füh­ren­de Wirt­schafts­mi­nis­ter auch Re­gress­for­de­run­gen in Kauf neh­men müs­sen, lau­tet die Kri­tik der Grü­nen. Sie den­ken da­bei of­fen­bar an Ga­b­ri­els Vor­ge­hen in Sa­chen Sturm­ge­wehr. Hier ris­kier­te er ei­ne Kla­ge von Heck­ler & Koch, weil das ihm un­ter­stell­te Bun­des­amt für Wirt­schaft und Aus­fuhr­kon­trol­le kei­ne Er­laub­nis mehr er­teil­te, da­mit Kom­po­nen­ten für die Ge­wehr­pro­duk­ti­on in Sau­di-Ara­bi­en ge­lie­fert wer­den kön­nen. Ga­b­ri­el rühmt sich, den Ex­port von Klein­waf­fen, wie sie be­son­ders in Bür­ger­krie­gen zum Ein­satz kom­men, auf den nied­rigs­ten Wert sei 15 Jah­ren ge­drückt zu ha­ben.

An­de­rer­seits wä­re es für ei­ne ge­ra­de in der Prä­zi­si­ons­pro­duk­ti­on weit vor­ne lie­gen­de Ex­port­na­ti­on wie Deutsch­land selt­sam, wenn der wach­sen­de Be­darf an Rüs­tungs­gü­tern an ihr vor­bei­gin­ge. Die Nach­fra­ge ist seit dem Vor­drin­gen der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat und an­ge­sichts zu­neh­men­der Ängs­te vor rus­si­schen Ag­gres­sio­nen ge­stie­gen. Laut Si­pri-In­sti­tut wei­sen im Zehn-Jah­res-Ver­gleich die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te, Chi­na, Sau­di-Ara­bi­en und Russ­land die höchs­ten Stei­ge­rungs­ra­ten auf. In der schwie­ri­gen Ab­wä­gung zwi­schen der Sta­bi­li­sie­rung wich­ti­ger Re­gio­nal­mäch­te und dem Vor­satz, Waf­fen nicht in Kri­sen­ge­bie­te zu lie­fern, hat sich Deutsch­land in der Ver­gan­gen­heit wie­der­holt für Waf­fen an Sau­diA­ra­bi­en ent­schie­den.

Un­ter den zehn größ­ten Waf­fen­schmie­den der Welt taucht in­des kein deut­scher Kon­zern auf. Und 50 Pro­zent al­ler Waf­fen­ex­por­te voll­zie­hen oh­ne­hin die USA und Russ­land. Deutsch­land bringt es hin­ter Chi­na ge­ra­de mal auf fünf Pro­zent.

Der­weil stellt Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) die un­ter­schied­li­chen Ex­port­richt­li­ni­en eu­ro­päi­scher Län­der in­fra­ge: Die deut­sche Ex­port­kon­trol­le sei „nicht eu­ro­pa­taug­lich“.

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