RE­PU­BLIK

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Die krea­ti­ve Kraft der Zer­stö­rung

In sei­nem 1942 er­schie­ne­nen Haupt­werk „Ka­pi­ta­lis­mus, De­mo­kra­tie und So­zia­lis­mus“geht der ös­ter­rei­chi­sche Na­tio­nal­öko­nom Jo­seph Schum­pe­ter dem We­sen un­se­rer Wirt­schafts­ord­nung auf den Grund und ent­deckt da­bei die schöp­fe­ri­sche Kraft der Zer­stö­rung. Die­se sor­ge da­für, dass sich das Wirt­schafts­sys­tem von in­nen her­aus re­vo­lu­tio­nie­re, „un­auf­hör­lich die al­te Struk­tur zer­stört und un­auf­hör­lich ei­ne neue schafft“. Das sei der We­sens­kern des Ka­pi­ta­lis­mus. Mit ihm müs­se „je­des ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­bil­de le­ben“.

Der 1950 ge­stor­be­ne Schum­pe­ter kann­te das ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­bil­de Eu­ro­päi­sche Uni­on we­der in sei­nen mon­ta­nen Ur­sprün­gen noch in sei­ner heu­ti­gen Form. Und doch er­le­ben wir ge­ra­de ei­nen Pro­zess in­ner­halb die­ses Ge­mein­we­sens, auf den Schum­pe­ters Wort von der krea­ti­ven Zer­stö­rung treff­ge­nau passt. Mit dem Re­fe­ren­dum für den Aus­stieg aus der EU sind die Puz­zle­tei­le or- dent­lich durch­ein­an­der­ge­wir­belt wor­den. Sie ord­nen sich nun neu. Das ist nicht schlimm, son­dern gut. Die krea­ti­ve Zer­stö­rung, so mar­tia­lisch der Be­griff klingt, war bei Schum­pe­ter po­si­tiv be­setzt. Das Neue wird aus dem Al­ten ge­bo­ren, ist dem Al­ten evo­lu­tio­när über­le­gen und der Mo­der­ne ge­wach­sen.

Die schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung hat zu­nächst bei­de gro­ßen Volks­par­tei­en Groß­bri­tan­ni­ens er­fasst. Der re­tro­se­li­ge La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn wird sich nicht hal­ten kön­nen. Das ist gut. Bei den To­ries muss Pre­mier Da­vid Ca­me­ron sei­nen Platz räu­men, und die Par­tei­rä­son sorgt da­für, dass an sei­ner statt nicht der Gauk­ler Bo­ris John­son in­thro­ni­siert wird. Denn das ist ei­ne Leh­re die­ses Br­ex­it: Po­li­tik ist kein Ca­si­no, das man eit­len und selbst­ver­lieb­ten Zo­ckern über­las­sen soll­te. Sie soll Spaß ma­chen. Aber sie muss in ih­rem Kern ernst­haft und ver­ant­wort­lich blei­ben. Al­len Ver­nunft­be­gab­ten, die von po­li­ti­schen Schar­la­ta­nen in den Bann ge­zo­gen wur­den, wird dies ei­ne War­nung sein. Das ist gut.

Weil die Men­schen nun se­hen, was man da­von hat, wenn man sich bri­tisch-trot­zig gibt – wie die Wäh­rung ab­stürzt, wie gro­ße Fir­men ih­ren Rück­zug an­kün­di­gen –, des­halb wird we­der in Ös­ter­reich noch in ei­nem an­de­ren eu­ro­päi­schen Land ein Nach­ah­mungs­ef­fekt ein­set­zen. Der Br­ex­it wirkt ab­schre­ckend, nicht nach­ah­mens­wert. Und er wird noch mehr ab­schre­cken, wenn er Rea­li­tät wird. Das ist gut!

So ge­se­hen hat der Br­ex­it Eu­ro­pa gut­ge­tan. Er war ei­ne Er­in­ne­rung dar­an, was man an der Ge­mein­schaft hat. Die Vor­zei­chen ste­hen gut, dass Eu­ro­pa nach ei­ner Pha­se der schöp­fe­ri­schen Zer­stö­rung vor ei­nem gu­ten Neu­auf­bau steht. Chris­toph Schwen­ni­cke ist Chef­re­dak­teur des „Ci­ce­ro“und schreibt re­gel­mä­ßig an die­ser Stel­le im Rah­men ei­ner Ko­ope­ra­ti­on. Ih­re Meinung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rheinische-post.de

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