Can drängt ins Team

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

Die Ver­let­zungs­sor­gen vor dem Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich am Don­ners­tag zwin­gen Joa­chim Löw zu Um­stel­lun­gen. Es gibt vie­le Op­tio­nen. Der Bun­des­trai­ner lobt Em­re Can, der im zen­tra­len Mit­tel­feld zum Ein­satz kom­men könn­te.

EVIAN Vor 20 Jah­ren be­treu­te Bun­des­trai­ner Ber­ti Vogts ein klei­nes La­za­rett. Sie­ben ver­letz­te Spie­ler hat­ten sich zeit­wei­lig vom deut­schen EM-Auf­ge­bot in En­g­land ab­mel­den müs­sen, vie­le an­de­re plag­ten sich mit grö­ße­ren Be­schwer­den. Mann­schafts­arzt Hans-Wil­helm Mül­ler-Wohl­fahrt und der Phy­sio­the­ra­peut Klaus Eder ar­bei­te­ten rund um die Uhr, für die Er­satz­tor­hü­ter Oli­ver Kahn und Oli­ver Reck wur­den Feld­spie­ler-Tri­kots be­flockt. Das schö­ne En­de die­ser Ge­schich­te: We­der Kahn noch Reck muss­te sei­ne fuß­bal­le­ri­schen Fä­hig­kei­ten un­ter Be­weis stel­len, die sei­ner­zeit auch hef­tig be­zwei­felt wur­den, und der nächs­te Oli­ver, Nach-

Joa­chim Löw name Bier­hoff, er­ziel­te im Wem­bley-Sta­di­on das gol­de­ne Tor zum Ti­tel­ge­winn ge­gen Tsche­chi­en.

Ein Oli­ver und die bei­den füh­ren­den Mit­glie­der der me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung sind dem deut­schen Auf­ge­bot in Evian er­hal­ten ge­blie­ben. Bier­hoff ist in­zwi­schen Ma­na­ger des Na­tio­nal­teams, Mül­ler-Wohl­fahrt, den al­le „Mull“nen­nen, und Eder („Meis­ter Eder“) küm­mern sich um die Ge­sund­heit der Spie­ler. Das Me­di­zi­ner-Team um­fasst mitt­ler­wei­le acht Mann. Sie ha­ben er­neut viel zu tun. „Die 120 Mi­nu­ten im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en ha­ben kör­per­lich ein paar Spu­ren hin­ter­las­sen“, sagt Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw. Das ist sehr vor­nehm aus­ge­drückt. Für Stür­mer Ma­rio Go­mez ist das Tur­nier we­gen ei­nes Mus­kel­fa­ser­ris­ses be­en­det, Ver­tei­di­ger Mats Hum­mels ist für das Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich in Mar­seil­le ge­sperrt, Mit­tel­feld­spie­ler Sa­mi Khe­di­ra kann im Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich auf kei­nen Fall mit­wir­ken, weil ihn wie­der die Ad­duk­to­ren är­gern. Und sein Be­rufs­kol­le­ge Bas­ti­an Schwein­stei­ger lei­det an ei­ner Zer­rung im Au­ßen­band des Knies. „Da müs­sen wir ab­war­ten, ob es für Don­ners­tag reicht“, er­klärt Löw. Mül­ler-Wohl­fahrt, Eder und ih­re in­zwi­schen mäch­tig ge­wach­se­ne Ab­tei­lung küm­mern sich vol­ler Hin­ga­be um Schwein­stei­ger und Khe­di­ra.

Wun­der wer­den sie nicht wir­ken kön­nen, ob­wohl es in der Ver­gan­gen­heit durch­aus mal so aus­sah. Mül­ler-Wohl­fahrt steht da­durch bei Sport­lern im Ran­ge ei­nes re­gel­rech­ten Gu­rus. Der ja­mai­ka­ni­sche Sprint­star Usain Bolt ist von den Küns­ten des Münch­ner Arz­tes der­art über­zeugt, dass er sich im deut- schen Quar­tier in Evian be­han­deln las­sen will. Na­tio­nal­spie­ler aus der gan­zen Re­pu­blik kom­men in „Mulls“Münch­ner Pra­xis. Nur beim nun ehe­ma­li­gen Trai­ner Pep Guar­dio­la ist der bes­tens ver­netz­te Me­di­zi­ner in Ungna­de ge­fal­len. Der Ka­ta­la­ne krit­tel­te aus­gie­big an Mül­lerWohl­fahrts man­geln­der Prä­senz auf dem Trai­nings­ge­län­de her­um, bis der die Kon­se­quen­zen zog und sich bei Bay­ern aus dem Amt zu­rück­zog.

Bun­des­trai­ner Löw ver­traut sei­ner Kunst nach wie vor. Soll­te aber auch die nicht aus­rei­chen, Ka­pi­tän Schwein­stei­ger für die Be­geg­nung mit dem EM-Aus­rich­ter in kör­per­li­chen Best­zu­stand zu brin­gen, wird Löw sich nicht ver­zwei­felt in den Gen­fer­see stür­zen. „Die Ver­let­zun­gen re­gis­trie­ren wir“, sagt der Coach, „aber sie sind in der Mann­schaft kein The­ma. Wir wer­den Lö­sun­gen fin­den, ich ver­traue al­len Spie­lern im Auf­ge­bot.“Si­cher ist nur ei­nes: „Spie­ler, die nicht 100 Pro­zent fit sind, las­se ich nicht spie­len. Den Feh­ler ha­be ich nur ein­mal ge­macht. Das war vor vie­len Jah­ren.“Die Nach­fra­ge, wann das war und um wel­chen Spie­ler es sich ge­han­delt ha­be, will er „lie­ber nicht be­ant­wor­ten. Man soll­te nicht in die Ver­gan­gen­heit schau­en“. So man­cher tut es trotz­dem und kommt zu dem Schluss, dass es sich um Micha­el Bal­lack im EM-Fi­na­le 2008 ge­han­delt ha­ben muss. Löw lä­chelt da­zu. Er lä­chelt auch, als ihm die ver­schie-

„Wir wer­den Lö­sun­gen fin­den, ich ver­traue al­len Spie­lern

im Auf­ge­bot“ „Can hat im Trai­ning im­mer über­zeugt, er wür­de un­se­rem

Spiel gut­tun“

Joa­chim Löw de­nen Auf­stel­lungs­mo­del­le vor­ge­tra­gen wer­den, die es nach den Aus­fäl­len ge­ben kann. Für Go­mez könn­te des­sen Vor­na­mens­vet­ter Göt­ze in die Spit­ze zu­rück­keh­ren, mög­lich ist auch die Va­ri­an­te mit Tho­mas Mül­ler im zen­tra­len An­griff und Göt­ze im vor­de­ren Mit­tel­feld. Wenn Schwein­stei­ger nicht in den grü­nen Be­reich kommt, ste­hen für den Platz ne­ben To­ni Kroos die Nach­wuchs­leu­te Em­re Can und Ju­li­an Weigl zur Ver­fü­gung. Be­ne­dikt Hö­we­des wä­re ein lo­gi­scher Er­satz­mann für Hum­mels, wenn die Deut­schen hin­ten in ei­ner Vie­rer­ket­te an­tre­ten. Das be­stä­tigt Löw, und er gibt dann doch ei­nen Hin­weis: „Can hat im Trai­ning im­mer über­zeugt, er wür­de un­se­rem Spiel gut­tun. Weigl ist un­heim­lich si­cher am Ball, Can ist al­ler­dings auch ein gu­ter Tech­ni­ker. Die Zei­ten der Abräu­mer sind so­wie­so vor­bei.“Das heißt: Vor­teil Can.

Wenn die Deut­schen ei­ne Drei­er­Ab­wehr­ket­te bil­den, muss groß­räu­mig um­ge­baut wer­den. Sh­ko­dran Musta­fi kä­me ne­ben Hö­we­des und Je­ro­me Boateng zum Ein­satz, im zen­tra­len Mit­tel­feld könn­te Me­sut Özil ne­ben Kroos spie­len, vorn Göt­ze, Mül­ler und Ju­li­an Drax­ler. Löw kom­men­tiert das nicht. „Ge­gen Frank­reich“, er­klärt er, „muss ich mir was über­le­gen.“Er lä­chelt im­mer noch.

FO­TO: IMAGO

Em­re Can und An­toi­ne Griez­mann im Test­spiel in der Pa­ri­ser Ter­ror­nacht im No­vem­ber 2015.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.