Li­mi­tiert, aber wert­voll

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

Be­ne­dikt Hö­we­des gilt si­cher nicht als bes­ter Fuß­bal­ler im DFB-Ka­der. Aber der Bun­des­trai­ner schätzt sei­ne Viel­sei­tig­keit, sei­nen Cha­rak­ter und sagt: „Für mich ist er Gold wert.“

EVIAN Wenn es so et­was wie den Frie­dens­no­bel­preis für Fuß­bal­lPro­fis gä­be, wä­re Be­ne­dikt Hö­we­des (28) ein ernst­haf­ter An­wär­ter auf die Aus­zeich­nung. Er hat den Be­ruf des In­nen­ver­tei­di­gers er­lernt, aber er lässt sich in der Na­tio­nal­mann­schaft seit Jah­ren klag­los von ei­ner Plan­stel­le zur nächs­ten ver­schie­ben. Manch­mal liegt die­se Plan­stel­le auch in der ers­ten Rei­he am Spiel­feld­rand.

Wie im drit­ten Vor­run­den­spiel der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ge­gen Nord­ir­land, als der Bay­ern-Pro­fi Jos­hua Kim­mich den Vor­zug auf der Po­si­ti­on des rech­ten Ver­tei­di­gers be­kam, wo Hö­we­des das Tur­nier be­gon­nen hat­te. Sei­ne Re­ak­ti­on nach dem 1:0-Er­folg: „Kim­mich hat ein sehr star­kes Spiel ge­macht, es war die rich­ti­ge Ent­schei­dung vom Trai­ner. Wir müs­sen uns al­le dem gro­ßen Gan­zen un­ter­ord­nen, und da ist es auch okay, wenn an­de­re für be­stimm­te Spie­le in Fra­ge kom­men. Fuß­ball ist ein Mann­schafts­sport, von da­her ist das ab­so­lut in Ord­nung.“

Lei­der zeich­net die Uefa kei­ne Wort­bei­trä­ge aus, und sie ver­leiht auch kei­ne Prei­se für die in­ne­re Hal­tung. Hö­we­des wä­re ganz vorn da­bei. Licht­jah­re vor den meis­ten sei­ner Ar­beits­kol­le­gen in die­sem Ge­schäft mit dem schö­nen Schein und den ei­ge­nen An­sprü­chen, den auf Hoch­glanz po­lier­ten Egos, ein­stu­dier­ten Ges­ten und rund­um ver­mark­te­ten Kunst­pro­duk­ten. So man­cher, der Hö­we­des re­den hör­te, stell­te sich vor, wie der por­tu­gie­si­sche Na­tio­nal­trai­ner zu Cris­tia­no Ro­nal­do geht und sagt: „Cris­tia­no, du spielst ge­gen Wa­les nicht, weil ich noch ei­nen Ab­wehr­mann ein­bau­en will.“Es wür­de min­des­tens zu ei­ner mitt­le­ren Staats­kri­se aus­rei­chen.

Hö­we­des ist aber nicht Ro­nal­do, auf dem Platz nicht und da­ne­ben schon gar nicht. Er ist eher das, was in frü­he­ren Zei­ten mit dem bi­bli­schen Wort vom be­schei­de­nen Ar­bei­ter im Wein­berg des Herrn be­zeich­net wur­de. Er macht sei­nen Job als Fuß­bal­ler, als ord­nungs­lie­ben­der, klar spie­len­der Ver­tei­di­ger, oh­ne Tam­tam und Über­stei­ger, oh­ne Fir­le­fanz und of­fen­si­ves Feu- er­werk, für das auf den Rän­gen im­mer noch der nach­hal­tigs­te Bei­fall ge­spen­det wird.

Trai­ner al­ler­dings mö­gen die Jungs, die zu­nächst mal an Tor­si­che­rung den­ken, in de­ren Den­ken und Wort­schatz die Be­grif­fe Mann­schaft und Te­am­geist an ers­ter Stel­le kom­men und auf die so­mit Ver­lass ist.

Des­halb ist Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw ein ech­ter Fan des Schal­ker Ver­tei­di­gers. Er lobt ihn für sei­ne Hal­tung nach dem Aus­tausch ge­gen Kim­mich („das zeigt sei­nen gro­ßen Cha­rak­ter“), und er preist ihn re­gel­recht für sei­ne Vor­stel­lung im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en, als er als Sach­be­ar­bei­ter für die rech­te Sei­te in die de­fen­si­ve Drei­er­ket­te mit Je­ro­me Boateng und Mats Hum­mels ins Team zu­rück­kehr­te. Löw kann gar nicht ge­nug Su­per­la­ti­ve fin­den. Er sagt: „Be­ne­dikt Hö­we­des hat sei­ne Sa­che über­ra­gend gut ge­macht. Er ist ein groß­ar­ti­ger Zwei­kämp­fer, er ist in bei­den Sys­te­men, der Drei­er- und der Vie­rer­ket­te, sehr gut. Das macht ihn so wert­voll. Für mich ist er Gold wert.“Der Trai­ner wird ganz kurz­at­mig.

Tat­säch­lich hat­te Hö­we­des ge­gen die hoch ein­ge­schätz­ten ita­lie­ni­schen An­grei­fer ei­ne fast per­fek­te Zwei­kampf­bi­lanz, da­mit stach er sei­ne bei­den fuß­bal­le­risch auf­fäl­li­ge­ren Kol­le­gen Boateng und Hum­mels so­gar aus. Sei­ne Bei­trä­ge zum Spiel nach vorn sind deut­lich we­ni­ger spek­ta­ku­lär, die Feh­ler­quo­te aber ist auch da ge­ring. „Er ist im­mer da, wenn man ihn braucht“, er­klärt Löw, „er spielt im­mer kon­zen­triert.“Und es macht ihm of­fen­bar nichts aus, wenn die an­de­ren im Licht ste­hen, wäh­rend er im Kel­ler schuf­tet.

Schließ­lich lo­cken ja auch für die­se Ein­stel­lung gro­ße Ti­tel im Fuß­ball. Hö­we­des ist in Bra­si­li­en Welt­meis­ter ge­wor­den, weil er auf Löws Ver­schie­be­bahn­hof auf der Po­si­ti­on des lin­ken Ver­tei­di­gers lan­de­te. Vie­le fan­den das ein we­nig selt­sam, zu­min­dest aus der Not ge­bo­ren. Aber der Schal­ker mach­te al­le sie­ben Spie­le, fehl­te kei­ne Se­kun­de und trug auf sei­ne Art zum Ge­winn der Welt­meis­ter­schaft bei. „Ich bin jetzt nicht der Typ, der pau­sen­los Flan­ken von der Grund­li­nie her­ein­schlägt“, sag­te er vor zwei Jah­ren. Das gilt im­mer noch. Die Of­fen­si­ve ist ge­gen sei­ne Na­tur, be­reits beim Über­schrei­ten der Mit­tel­li­nie schrillt in sei­nem Ohr das Warn­si­gnal: „Ach­tung, Sie be­tre­ten den An­griffs­sek­tor. Be­ach­ten Sie sämt­li­che Si­cher­heits­hin­wei­se.“Das bremst schon mal ein biss­chen.

Rich­tig wohl fühlt er sich in der Mit­te der Ab­wehr, das ist sein na­tür­li­cher Le­bens­raum. Im Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich darf er ihn wie­der ein­neh­men.

FO­TO: DPA

Auf Ab­wehr­spie­ler Be­ne­dikt Hö­we­des ist Ver­lass. Er spielt nicht spek­ta­ku­lär, aber na­he­zu feh­ler­frei.

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