Frank­reich af­fä­ren­frei

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON PATRICK SCHERER

Die fran­zö­si­sche Mann­schaft ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von Skan­dal zu Skan­dal ge­stol­pert. Wäh­rend der Heim-EM ist es ru­hig ge­wor­den um die Équi­pe Tri­co­lo­re. Das Team bün­delt sei­ne Kräf­te für den Er­folg.

PA­RIS/DÜS­SEL­DORF Ray­mond Do­men­ech steigt aus dem Bus, die Spie­ler blei­ben sit­zen. Der Na­tio­nal­trai­ner tritt vor die Jour­na­lis­ten, liest ei­ne von den Spie­lern ver­fass­te Mit­tei­lung vor. In der er­klä­ren sie, dass sie das Trai­ning boy­kot­tie­ren wer­den. Die Su­s­pen­die­rung ih­res Sturm­kol­le­gen Ni­co­las Anel­ka sei der Grund. Wäh­rend der WM in Süd­afri­ka hat sich das an­ge­spann­te Ver­hält­nis zwi­schen Ver­band und Trai­ner­stab auf der ei­nen und Spie­lern auf der an­de­ren Sei­te bis zum Eklat zu­ge­spitzt. Frank­reich schei­det sang- und klang­los nach der Vor­run­de aus.

Sechs Jah­re ist die­ser ein­schnei­den­de Mo­ment in der fran­zö­si­schen Fuß­ball­ge­schich­te nun her. Der Ruf der Skan­dal­trup­pe ver­folgt die Équi­pe Tri­co­lo­re seit­her. Nun, bei der Heim-EM, wirkt es aber so, als hät­te sie sich zu­sam­men­ge­rauft. Bis auf ei­nen klei­ne­ren Faux­pas von Paul Pog­ba bie­tet die Mann­schaft von Trai­ner Di­dier De­schamps ab­seits des Ra­sens kei­ne An­griffs­flä­che, ver­mit­telt das Bild ei­ner Ein­heit. Auch des­halb steht sie am Don­ners­tag im Halb­fi­na­le ge­gen Deutsch­land.

„Ich wer­de im­mer kri­ti­siert“, hat­te Oli­vier Gi­roud kurz vor der EM in ei­nem In­ter­view ge­sagt. Die Fans hat­ten ih­ren Stür­mer, der nun am 5:2-Vier­tel­fi­nal­sieg ge­gen Is­land mit zwei To­ren gro­ßen An­teil hat­te, zu­vor im Test­spiel aus­ge­pfif­fen. Gi­roud be­kam den Groll der Fans ab, die kri­ti­sier­ten, dass Top-An­grei­fer Ka­rim Ben­ze­ma nicht no­mi­niert wur­de. Die Ak­te Ben­ze­ma war das bis­her letz­te und sehr um­strit­te­ne Ka­pi­tel der fran­zö­si­schen Skan­dal­se­rie. Ben­ze­ma soll an der Er­pres­sung sei­nes Na­tio­nal­mann­schafts­kol­le­gen Ma­thieu Val­bue­na mit ei­nem Sexvi­deo be­tei­ligt ge­we­sen sein. Der Ver­band schloss Ben­ze­ma von der EM aus. Die Ver­ban­nung des Fran­zo­sen mit al­ge­ri­schen Wur­zeln wur­de in der Dis­kus­si­on auch als Ver­grö­ße­rung der Kluft zwi­schen den Eth­ni­en im Land ver­stan­den.

Im­mer wie­der kam es in der Ver­gan­gen­heit zum Du­ell Ver­band ge­gen Spie­ler. Franck Ri­be­ry ver­zich­te­te 2014 we­gen Rü­cken­schmer­zen auf die WM, ließ sich von Bay­ernArzt Hans-Wil­helm Mül­ler-Wohl­fahrt in Mün­chen be­han­deln. Dif­fe­ren­zen mit dem Ver­band wa­ren die Fol­ge, dar­auf­hin be­en­de­te Ri­be­ry sei­ne Na­tio­nal­mann­schafts­kar­rie­re. Sa­mir Nas­ri han­del­te eben­so, weil er be­lei­digt war über die Nicht­be­rück­sich­ti­gung für die WM in Bra­si­li­en. Sei­ne Freun­din sorg­te per vul­gä­rem In­ter­net­post ge­gen Trai­ner De­schamps und das ge­sam­te Land für den nächs­ten Eklat.

Im Ju­li 2016 at­met Frank­reich end­lich durch. Die Équi­pe steht im Halb­fi­na­le. Fast noch wich­ti­ger: Der Gast­ge­ber strahlt Ru­he aus. Zwar gibt es Dis­kus­sio­nen, die­se be­zie­hen sich aber rein auf den – nach Meinung des Vol­kes – noch ver­bes­se­rungs­wür­di­gen Fuß­ball. Die klei­ne Aus­nah­me bil­det Paul Pog­ba. Das Aus­hän­ge­schild der Trup­pe er­schien ver­bo­te­ner­wei­se mit Ba­de­lat­schen zum ge­mein­sa­men Es­sen und wur­de von De­schamps im Grup­pen­spiel ge­gen Al­ba­ni­en auf die Er­satz­bank straf­ver­setzt. Doch spä­tes­tens seit Pog­bas Tor ge­gen Is­land scheint die­ser Fehl­tritt, der oh­ne­hin ei­ne Lap­pa­lie war, ver­ges­sen.

Ei­ner, der Pog­ba öf­fent­lich ver­tei­digt, ist Patri­ce Ev­ra. Der 35-Jäh­ri­ge spiel­te ei­ne Haupt­rol­le beim Skan­dal in Süd­afri­ka. Nach ei­nem Streit mit dem Fit­ness­trai­ner wur­de er 2010 zum Rä­dels­füh­rer der Re­vol­te. Jetzt sagt der Au­ßen­ver­tei­di­ger Sät­ze wie: „Wenn je­mand der Star sein will, dann re­den wir mit ihm und zei­gen ihm, wo sein Platz ist. Das Team ist der Star, nicht ein Ein­zel­ner.“Es wirkt, als ha­be das fran­zö­si­sche Team ka­piert, dass es in ei­nem Tur­nier wich­tig ist, sei­ne Kräf­te auf dem Platz zu bün­deln.

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