Der Buh­mann und der Lieb­ling

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON BERND JOLITZ

Cris­tia­no Ro­nal­do und Ga­reth Ba­le, Team­kol­le­gen bei Re­al Ma­drid, tref­fen mit Por­tu­gal und Wa­les mor­gen im Halb­fi­na­le auf­ein­an­der.

DÜS­SEL­DORF Sie ver­die­nen ihr Geld beim sel­ben Klub. Sie sind bei­de ex­trem schnel­le Au­ßen­stür­mer – die ih­ren je­wei­li­gen Na­tio­nal­mann­schaf­ten zu­lie­be je­doch oft auf an­de­re, un­ge­lieb­te Po­si­tio­nen aus­wei­chen müs­sen. Sie sind die teu­ers­ten Fuß­ball-Pro­fis der Welt. Sie stel­len sich auf die glei­che Wei­se zum Ball, be­vor sie ei­nen Frei­stoß aus­füh­ren – wie ein She­riff in ei­nem Wes­tern der 1950er-Jah­re. Doch trotz all die­ser Ge­mein­sam­kei­ten lie­ben es die in­ter­na­tio­na­len, vor al­lem aber die deut­schen Me­di­en, aus Ga­reth Ba­le und Cris­tia­no Ro­nal­do ei­nen kras­sen Ge­gen­satz zu kon­stru­ie­ren. Hier der volks­tüm­li­che, mann­schafts­dien­li­che Wa­li­ser, dort der eit­le, ego­zen­tri­sche Por­tu­gie­se.

In die­sen Ta­gen ge­rät die Dis­kus­si­on um den ver­meint­li­chen Kampf der Fuß­ball-Kul­tu­ren im­mer stär­ker in den Vor­der­grund, und An­lass da­für ist der Spiel­plan der EM. Mor­gen um 21 Uhr tra­gen Wa­les und Por­tu­gal in Lyon das ers­te Halb­fi­na­le aus, und die Team­ka­me­ra­den beim Cham­pi­ons-Le­ague-Sie­ger Re­al Ma­drid sind die wich­tigs­ten Ak­teu­re ih­rer Na­tio­nal­teams.

Aber ist der ei­ne des­halb wirk­lich der Ge­gen­ent­wurf zum an­de­ren, ist der ei­ne der gu­te und der an­de­re der bö­se She­riff? Tat­säch­lich ist es wie meis­tens im Le­ben: Es ist was dran an die­sem öf­fent­li­chen Image – aber weit we­ni­ger, als es vie­le Be­trach­ter gern hät­ten. Das be­ginnt schon da­mit, dass Ba­le und Ro­nal­do zwar Ri­va­len im Ren­nen um den in­of­fi­zi­el­len Ti­tel des teu­ers­ten Pro­fis der Welt sind, vor al­lem aber sind sie zwei Welt­stars, die ein­an­der sehr schät­zen und den Wert des an­de­ren für den ge­mein­sa­men Ar­beit­ge­ber ein­zu­schät­zen wis­sen.

„Die Me­di­en ma­chen sehr viel aus Din­gen, die für uns kei­ne Be­deu­tung ha­ben, aber wir kom­men gut da­mit klar“, sag­te Ga­reth Ba­le vor ei­ni­gen Wo­chen in ei­nem In­ter­view mit der Lon­do­ner „Ti­mes“und führ­te wei­ter aus: „Cris­tia­no und ich hat­ten nie­mals ein Pro­blem mit­ein­an­der. Ich hat­te noch nie ei­nen

Es ist der Tag nach dem Tag, an dem die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft auch in un­se­rem be­schau­li­chen Städt­chen am Gen­fer­see an­ge­kom­men ist. Hier und da er­in­nert ein fran­zö­si­sches Fähn­chen, das in den Gra­ben ge­flo­gen ist, an den klei­nen Au­to­kor­so, der in der Nacht vom See­ufer in die Ber­ge und zu­rück ge­zo­gen ist. Mit ein biss­chen Ge­hu­pe und auch mal ei­nem ver­schäm­ten Schrei in die Nacht. Sonst ist al­les wie im­mer.

Still liegt der See, vor der Bä­cke­rei parkt ein Lie­fer­wa­gen, zum Früh­stück gibt es ein Stück ge­rös­te­tes Ba­guette, ein Stück nor­ma­les Ba­guette, ein Crois­sant, But­ter, Ho­nig, Mar­me­la­de und ei­ne Ba­de­wan­ne Kaf­fee. Das ver­ur­sacht bei mir längst hei­mat­li­che Ge­füh­le. Und als drau­ßen vor dem Pres­se­zen­trum der Mann vom Be­zahl­sen­der Sky vor der Ka­me­ra steht, bin ich end­gül­tig ganz zu Hau­se. Der steht näm­lich im­mer da. Wahr­schein­lich schläft er nicht. Und wenn, dann si­cher im Ste­hen vor der Ka­me­ra. Hin­ter der Ka­me­ra steht manch­mal nie­mand, aber der Mann vor der Ka­me­ra steht trotz­dem mit ta­del­lo­ser Fri­sur da­vor und spricht wich­ti­ge Nach­rich­ten zum deut­schen Fern­seh­pu­bli­kum. Dass nun al­les schwer wird, hö­re ich im Vor­bei­ge­hen, und dass Frank­reich ge­won­nen hat.

Das weiß ich schon seit dem Vor­abend. Die­sen er­le­be ich mit­ten in ei­nem rich­ti­gen Fuß­ball­tru­bel in mei­ner Lieb­lings-Eck­knei­pe in der Fuß­gän­ger­zo­ne von Evian. Zum ers­ten Mal ist es rich­tig voll. Jun­ge und al­te Men­schen ha­ben sich Iro­ke­sen­pe­rü­cken in den Far­ben der Tri­ko­lo­re auf den Kopf ge­stülpt, vie­le tra­gen Streit oder auch nur ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit ihm.“War­um der Wa­li­ser, der am 16. Ju­li 27 Jah­re alt wird, die­ses The­ma über­haupt auf­greift, er­klärt sich schon bei ei­nem schnel­len Streif­zug durchs In­ter­net. Da schrei­ben ei­ni­ge Por­ta­le über an­geb­li­che Mob­bing-Ak­tio­nen Ro­nal­dos ge­gen Ba­le, er ha­be sei­nen Mann­schafts­kol­le­gen un­ter an­de­rem we­gen des­sen der­zeit noch et­was brü­chi­gen Spa­nisch ge­hän­selt. Und bei Twit­ter fin­den sich so­gar – in­ter­es­san­ter­wei­se oh­ne ei­nen An­satz von Be­le­gen – Zi­ta­te wie ei­nes, in dem Ro­nal­do Ba­le als „Hu­ren­sohn“be­zeich­net ha­be.

Der ge­bür­ti­ge Car­dif­fer schüt­telt über sol­che La­tri­nen­pa­ro­len nur den Kopf. Zum Bei­spiel in Sa­chen Sprach­mob­bing. „Cris­tia­no spricht Eng­lisch, das hat mir sehr ge­hol­fen, als ich zu Re­al ge­kom­men bin“, sag­te er der „Ti­mes“und er­gänz­te: „Wir ha­ben au­ßer­dem ge­mein­sam, dass wir in der Pre­mier Le­ague ge­spielt ha­ben. Wir kom­men gut mit­ein­an­der zu­recht.“

Auf dem Platz so­wie­so. Nach ei­nem völ­lig ver­korks­ten Sai­son­start war Re­al in der Pri­me­ra Di­vi­sión früh­zei­tig na­he­zu aus­sichts­los hin­ter die Kon­kur­ren­ten FC Bar­ce­lo­na und At­lé­ti­co Ma­drid zu­rück­ge­fal­len. Vor al­lem den bei­den Su­per­stars war es zu ver­dan­ken, dass die Auf­hol­jagd der Kö­nig­li­chen fast noch zum spa­ni­schen Ti­tel ge­führt hät­te. In der Cham­pi­ons Le­ague hiel­ten die Ma­dri­le­nen sich dann schad­los, hol­ten mit ei­nem 6:4 nach Elf­me­ter­schie­ßen über At­lé­ti­co zum elf­ten Mal die Kro­ne des eu­ro­päi­schen Ver­eins­fuß­balls. Nur durch das Zu

sam­men- das fran­zö­si­sche Na­tio­nal­tri­kot, un­ten am See ha­be ich schon die Her­ren Ma­tui­di und Sa­gnol ge­se­hen. Da­bei ist der ei­ne ge­ra­de in Pa­ris im Ein­satz, wäh­rend der an­de­re be­stimmt zu ir­gend­ei­nem Fern­seh-Ex­per­ten­team ge­hört, seit er nicht mehr beim FC Bay­ern Mün­chen spielt.

Ex­per­ten gibt es schließ­lich auch hier in gro­ßer Zahl. Die Fern­seh­sen­der brau­chen viel mehr als un­se­re, die zum Teil mit ei­nem ein­sa­men, schlaf­lo­sen Herrn vor der Ka­me­ra aus­kom­men müs­sen. Das fran­zö­si­sche Ri­tu­al ist: Zwei Mo­de­ra­to­ren, von de­nen min­des­tens ei­ner mal Na­tio­nal­spie­ler war, sit­zen im Stu­dio drei Ex­per­ten ge­gen­über, von de­nen ei­ner of­fen­bar im­mer aus Hol­land kom­men muss. Ich ha­be schon den frü­he­ren Of­fen­siv-Künst­lern Patrick Klui­vert und Ruud Gul­lit beim Plau­dern zu­ge­schaut. Die­se Rie­ge dis­ku­tiert vor dem Spiel, in der Halb­zeit und nach dem Spiel. Im Stu­dio klat­schen si­cher gut be­zahl­te Zu­schau­er be­geis­tert Bei­fall, in mei­ner Kn­ei­pe flie­hen Iro­ke­sen und Tri­kot­trä­ger auf die Stra­ße an die fri­sche Luft.

Sie keh­ren erst zur Na­tio­nal­hym­ne wie­der ein, und ich wun­de­re mich, dass sie die Mar­seil­lai­se nicht laut mit­schmet­tern. Vor ein paar Wo­chen saß ich in Pa­ris in ei­nem Ca­fé, in dem sich nie­mand für die Über­tra­gung des fran­zö­si­schen Spiels ge­gen Al­ba­ni­en zu in­ter­es­sie­ren schien – au­ßer mir –, aber bei der Hym­ne san­gen al­le mit, ehe sie sich wäh­rend des Spiels be­deu­ten­de­ren Din­gen wie dem Ver­zehr ih­rer Mahl­zei­ten und dem neu­es­ten Klatsch über Prä­si­dent Hol­lan­de wid­me­ten. wir­ken der bei­den Top-An­grei­fer war die­ser Coup mög­lich. Doch prä­gen­der als die­se Ge­mein­sam­keit ist die Dis­kre­panz in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung – und dar­an ist „CR7“na­tür­lich nicht ganz schuld­los. Kein an­de­rer Fuß­ball­pro­fi po­la­ri­siert

In Evian wird nicht ge­sun­gen, da­für aber im­mer­hin sehr in­ter­es­siert zu­ge­schaut. Bei­fall ge­klatscht wird wie im Sta­di­on, und ne­ben vie­len Rat­schlä­gen an die Spie­ler, mal hier­hin, mal da­hin, mal dort­hin zu spie­len, zu schie­ßen, zu pas­sen oder zu lau­fen, gibt es bald lau­ten Ju­bel. Frank­reich trifft, Is­land sieht be­dau­erns­wert aus, ers­te Sprech­chö­re fei­ern die Blau­en, und ei­ne an­de­re Frak­ti­on grunzt das is­län­di­sche „Hu, Hu!“

Am er­folg­rei­chen Aus­gang des Abends herrscht längst kein Zwei­fel mehr. Nach 20 Mi­nu­ten be­geht ei­ne Grup­pe den Halb­fi­nal­ein­zug mit ei­ner Run­de un­de­fi­nier­ba­rer Ge­trän­ke, die den Hem­mungs­fak­tor schlag­ar­tig her­ab­sen­ken. Ei­ner brüllt „Pog­ba“und schau­kelt hin­aus in die Gas­se. Er kommt den gan­zen Abend nicht mehr wie­der. Oh­ne­hin neigt die Ver­samm­lung bei die­sem be­son­de­ren Pu­b­lic Viewing zu be­son­ders schnel­len Ab­gän­gen. Zur zwei­ten Halb­zeit sind da­her die Rän­ge nur noch zur Hälf­te ge­füllt, es sieht aus wie bei ei­nem Heim­spiel vom VfL Wolfs­burg, und nicht je­der fin­det die gro­ße Pro­jek­ti­ons­wand noch so an­zie­hend wie ei­ne St­un­de zu­vor.

Nach dem Schluss­pfiff ist es wie frü­her in der Dorf­dis­co nach zwei Uhr. Das Licht geht an, ein paar ver­schreck­te Per­so­nen blin­zeln ir­ri­tiert in ei­nem fast lee­ren Saal um­her. Der Wirt räumt ab und spült Glä­ser. Über die Stra­ße zieht ein klei­ner Kar­ne­vals­um­zug mit Iro­ke­sen, ein paar Fah­nen, Na­tio­nal­tri­kots und ganz hin­ten ei­nem Kin­der­wa­gen. In der Fer­ne hupt ei­ner lei­se am Berg. Dann ist Ru­he. wie er, kei­ner bringt ei­nen so gro­ßen Teil des Pu­bli­kums so schnell und so stark ge­gen sich auf wie er. Das liegt vor al­lem an sei­nem Ver­hal­ten auf dem Platz: wie er sich auf­regt, wenn ein Schieds­rich­ter nicht nach sei­nen Wün­schen ent­schei­det, wie er la­men­tiert, wenn ein Mit­spie­ler ihm den Ball nicht genau ge­nug zu­spielt, wie er sich vor je­dem Frei­stoß in stets glei­cher Hal­tung in­sze­niert, wie ex­tro­ver­tiert er ei­nen Tref­fer fei­ert und gern sei­nen mus­ku­lö­sen Kör­per zeigt.

Das al­les ba­siert dar­auf, dass Ro­nal­do ein eit­ler Mensch ist, und weil das vie­le Be­trach­ter stört, gip­felt das schon ein­mal in me­dia­lem Un­fug wie vor ein paar Ta­gen, als kol­por­tiert wur­de, CR7 freue sich nur über ei­ge­ne Tref­fer, nicht über sol­che por­tu­gie­si­scher Kol­le­gen. Dass so­gar Fern­seh­bil­der das Ge­gen­teil be­wei­sen, fällt dann eben­so un­ter den Tisch wie die aus­ge­präg­te so­zia­le Ader des Re­alS­tars. Die Ei­tel­keit tritt bei Ba­le nicht so stark zu Ta­ge. Er zeigt das na­he­zu iden­ti­sche Ri­tu­al vor ei­nem Frei­stoß wie sein por­tu­gie­si­sches Pen­dant, weil die bei­den nach den Trai­nings­ein­hei­ten in Ma­drid un­ge­zähl­te Ex­tra­schich­ten mit dem Üben von Stan­dard­si­tua­tio­nen ge­mein­sam ver­bracht ha­ben. Bei ihm regt sich je­doch nie­mand dar­über auf.

„Ga­reth ist ein ru­hi­ger Typ. Ich den­ke, er kann so­gar von Ro­nal­do ler­nen, vi­el­leicht ein we­nig mehr aus sich her­aus­zu­kom­men“, sagt Ba­les Be­ra­ter Jo­na­than Bar­nett über sei­nen Schütz­ling. Wo­mög­lich ist das Frei­stoß-Ri­tu­al da­zu der ers­te Schritt. Doch un­ab­hän­gig da­von, ob der stil­le Wa­li­ser ir­gend­wann auch ein­mal so un­ter Be­ob­ach­tung ge­rät wie Ro­nal­do, ist die Rol­le der bei­den in­ner­halb ih­rer Mann­schaf­ten gar nicht so un­ter­schied­lich.

„Cris­tia­no ist der größ­te und pro­fes­sio­nells­te Spie­ler, den ich je­mals er­lebt ha­be“, sag­te sein frü­he­rer Re­al-Team­kol­le­ge Chris­toph Met­zel­der dem Ma­ga­zin „11 Freun­de“. „In der Ka­bi­ne ist er ein Spaß­vo­gel. Ob Zeug­wart, Bus­fah­rer oder Mit­spie­ler – al­le wer­den von ihm gleich be­han­delt.“Ähn­li­ches hört und liest man von fast al­len, die je mit Ro­nal­do zu­sam­men­spiel­ten – nur passt für die meis­ten das Eti­kett „Te­am­play­er“eben viel bes­ser zu Ba­le und sei­nen Über­ra­schungs-Wa­li­sern.

Pu­b­lic Viewing wie beim VfL Wolfs­burg

FO­TO: IMAGO FO­TO: DPA

Cris­tia­no Ro­nal­do

Ga­reth Ba­le

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.