Vor dem gro­ßen Wurf

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMANN

Tho­mas Röh­ler soll in Rio der ers­te deut­sche Olym­pia­sie­ger im Speer­wurf seit 44 Jah­ren wer­den. Die am Mitt­woch be­gin­nen­de EM in Ams­ter­dam taugt da­bei zur Ge­ne­ral­pro­be für den Thü­rin­ger.

DÜS­SEL­DORF Wenn Tho­mas Röh­ler lacht, wirkt es im­mer et­was spitz­bü­bisch. Das Zu­sam­men­spiel von Mund­win­keln und Au­gen ver­rät ne­ben ent­spann­ter Zuf­rie­den­heit je­den­falls ge­hö­ri­gen Schalk im Na­cken des 24-Jäh­ri­gen. Und die­ser lo­cke­re Schalk scheint Röh­ler ge­ra­de­zu durch die­se Wo­chen zu tra­gen, in de­nen er An­lauf nimmt auf das gro-

Tho­mas Röh­ler ße Ziel, der ers­te deut­sche Olym­pia­sie­ger im Speer­wer­fen seit Klaus Wol­fer­mann 1972 in Mün­chen zu wer­den.

Dass er un­be­strit­ten An­fang Au­gust als gro­ßer Fa­vo­rit zu den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len nach Rio de Janei­ro rei­sen wird, hat er sich ein­drucks­voll er­ar­bei­tet. „Wenn ich mich selbst nicht im Fa­vo­ri­ten­kreis nen­nen wür­de, wä­re ich ein biss­chen doof, glau­be ich“, sagt Röh­ler. Und er lä­chelt. Ver­schmitzt.

Erst in der Vor­wo­che im fin­ni­schen Tur­ku, dem Mut­ter­land des Speer­wurfs, hat­te Röh­ler über die 91-Me­ter-Mar­ke ge­wor­fen – und das gleich zwei­mal in ei­nem Wett­kampf. Das war vor ihm nur dem Welt­re­kord­ler Jan Ze­les­ny ge­lun­gen. 15.000 Fin­nen be­dach­ten den Jena­er Sport- und Wirt­schafts­stu­den­ten mit Stan­ding Ova­tions an ei­nem Abend, an dem er mit 91,24 Me­tern sei­ne Füh­rung in der Welt­jah­res­bes­ten­lis­te auf knapp drei Me­ter aus­bau­te. „Das kam dem per­fek­ten Wurf schon ziem­lich na­he“, sag­te Tho­mas Röh­ler spä­ter. Und er füg­te hin­zu: „Die Welt­jah­res­füh­rung ist ei­ne Si­tua­ti­on, auf die wir hin­ge­ar­bei­tet ha­ben. Sie gibt mir Schwung.“

Wei­ter als Röh­ler warf mit dem neu­en Speer, der nun seit 1986 von den Ath­le­ten ge­nutzt wird, erst ein Deut­scher, und Ray­mond Hechts Wurf auf 92,60 Me­ter stammt aus dem Jahr 1995. Dass die­ser Lan­des­re­kord nicht mehr lan­ge Be­stand ha­ben dürf­te, taugt in­zwi­schen nicht mehr als ge­wag­te The­se. Da­für ist Röh­ler ein­fach schon zu lan­ge zu kon­stant in ho­hen 80er-Wei­ten. Und das ist es letzt­lich auch, was die Leis­tun­gen des Man­nes mit dem schnel­len Arm­zug kenn­zeich­net: ei­ne Kon­stanz in der Qua­li­tät.

„Es ist im­mer noch das Ziel, ein ge­wis­ses Le­vel nicht mehr zu un­ter­bie­ten. Aber wenn es gut läuft, denkt man na­tür­lich eher an die obe­ren Mög­lich­kei­ten als über die un­te­re Schran­ke“, sagt der 1,91-Me­terMann, der sich erst 2009 voll auf den Speer­wurf kon­zen­trier­te und seit 2012 fünf Deut­sche Meis­ter­ti­tel in Fol­ge ge­wann. „Ich bin ein jun­ger Ath­let. Als ich mei­nen ers­ten Deut­schen Meis­ter­ti­tel ge­won­nen ha­be, gab es mich ja ei­gent­lich noch gar nicht. Aber in die­sem Schat­ten konn­te ich mich gut ent­wi­ckeln“, sagt er.

Akri­bisch, de­tail­ge­nau, of­fen für neue Trai­nings­ide­en – so ent­wi­ckel­te sich Röh­ler in Je­na zum Bes­ten der Welt. „Tho­mas ist ein Per­fek­tio­nist“, sagt Bun­des­trai­ner Bo­ris Obergföll (frü­her Bo­ris Hen­ry), der Mann von Speer­wer­fe­rin Chris­ti­na Obergföll.

Die am Mitt­woch im Schlag­schat­ten der Olym­pi­schen Spie­le be­gin­nen­de Leicht­ath­le­tik-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Ams­ter­dam soll für Röh­ler dann auch als ge­lun­ge­ne Ge­ne­ral­pro­be für Rio fun­gie­ren, gar­niert mit sei­ner ers­ten

in­ter­na­tio­na­len Me­dail­le. Dass die EM „ei­ne wich­ti­ge Leis­tungs­kon­trol­le auf ho­hem Ni­veau“sei, wie Sieg­fried Scho­nert, Ma­na­ger des 104 Ath­le­ten um­fas­sen­den Teams des Deut­schen Leicht­ath­le­tik­ver­ban­des (DLV), be­tont, wür­de Röh­ler je­den­falls un­ter­schrei­ben. Sei­ne ärgs­ten Kon­kur­ren­ten kom­men aus Finn­land, Tsche­chi­en und in Jo­han­nes Vet­ter und Lars Ha­mann auch aus dem ei­ge­nen Team.

Bun­des­trai­ner Bo­ris Obergföll treibt in die­sen Ta­gen vor al­lem ei­ne Sor­ge um: „Ich hof­fe, Tho­mas baut sich nun vor Olym­pia nicht zu viel Druck auf.“Wenn doch, hat Röh­ler längst ei­ne Me­tho­de ge­fun­den, da­mit um­zu­ge­hen. Druck, sagt er, sei ein Ruck­sack, der ihn eher schie­be als brem­se. Und Röh­ler will sich schie­ben las­sen. Zu Gold – zu­nächst in Ams­ter­dam und da­nach auch in Rio.

„Wenn ich mich nicht im Fa­vo­ri­ten­kreis nen­nen

wür­de, wä­re ich ein biss­chen doof“

Speer­wer­fer

Tho­mas Röh­ler be­gann 1998 mit der Leicht­ath­le­tik in Sprung und Mehr­kampf und wech­sel­te En­de 2009 zum Speer­wurf. Ers­ter Speer­wurf­trai­ner des Thü­rin­gers war Burk­hard Looks. Seit Ok­to­ber 2013 ar­bei­tet er mit Trai­ner Har­ro Sch­wuchow in Je­na. 2010 wur­de Tho­mas Röh­ler in das Na­tio­nal­team auf­ge­nom­men. Im Jahr 2014 wur­de Röh­ler Ge­samt­sie­ger der IAAF Dia­mond Le­ague.

FO­TO: IMAGO

Tho­mas Röh­ler

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