Der al­te Kopf der neu­en Rech­ten

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Der Phi­lo­soph und An­thro­po­lo­ge Ar­nold Geh­len (1904-1976) dient Rechts­po­pu­lis­ten als in­tel­lek­tu­el­ler Ge­währs­mann – vor al­lem mit sei­ner Theo­rie der star­ken In­sti­tu­ti­on. Im „Drit­ten Reich“pro­fi­tier­te er von den Na­zis.

DÜS­SEL­DORF Sei­ne Wie­der­ent­de­ckung ist eher lei­se und de­zent; doch man ahnt, dass es ge­ra­de die­se Ei­gen­schaf­ten sein könn­ten, die Wir­kung und Nach­hal­tig­keit be­för­dern. Kurz­um: Ar­nold Geh­len ist im Den­ken der Men­schen und in un­se­ren ak­tu­el­len De­bat­ten wie­der vi­ta­li­siert wor­den; ein Phi­lo­soph und An­thro­po­lo­ge, der für Deutsch­land wich­tig ge­we­sen ist, auch, weil sich die Deut­schen an ihm rei­ben konn­ten. Und plötz­lich ist der 1976 in Ham­burg ge­stor­be­ne Den­ker wie­der auf­ge­taucht – dies­mal als Ge­währs­mann von AfD und neu­en Rech­ten.

Als ein „Denk­meis­ter des Kon­ser­va­ti­ven“wur­de er jüngst in der „Jun­gen Frei­heit“groß por­trä­tiert, dem pu­bli­zis­ti­schen Sprach­rohr der neu­en Rech­ten. Er wird so­mit zum in­tel­lek­tu­el­len Ge­währs­mann ei­ner auch re­ak­tio­nä­ren Grund­stim­mung de­kla­riert und sei­ne Hal­tung als ein Zei­chen der Zeit ver­stan­den. Es ist mü­ßig, da­nach zu fra­gen, ob dem Phi­lo­so­phen 40 Jah­re nach sei­nem Tod ei­ne sol­che Be­sitz­er­grei­fung nun recht ge­we­sen wä­re oder nicht. Es fin­den sich aber ge­nug An­satz­punk­te im kom­ple­xen Werk Geh­lens, in de­nen AfD-An­hän­ger ihr Ver­ständ­nis von Staat und Po­li­tik zu­min­dest be­dacht fin­den.

Das ist vor al­lem so bei sei­ner Leh­re von der In­sti­tu­ti­on. In ih­rem Mit­tel­punkt steht der Staat, ei­ne Art Gram­ma­tik un­se­rer Le­bens­welt, die Le­bens­chan­cen ver­teilt. Da­hin­ter steht Ar­nold Geh­lens Wunsch nach Ord­nung im Cha­os, nach Struk­tur und ei­ner ge­wis­sen Ei­gen­ge­setz­lich­keit des Staa­tes. Das kann nur funk­tio­nie­ren, wenn die In­sti­tu­ti­on stark und mit ei­ner Macht aus­ge­stat­tet ist – frei von Ero­sio­nen.

Geh­lens Leh­re von der In­sti­tu­ti­on speist sich aus et­li­chen Qu­el­len. Ei­ne da­von ist sei­ne an­thro­po­lo­gi­sche Er­kennt­nis vom schwa­chen Men­schen, dem er be­reits 1940 sein zen­tra­les Werk wid­met. Da­nach ist der Mensch durch und durch ein Män­gel­we­sen und ziem­lich de­fi­zi­tär in sei­ner bio­lo­gi­schen Aus­stat­tung. Ein der­art in­kom­pe­ten­tes We­sen aber muss, um über­le­ben zu kön­nen, sei­ne Be­zie­hung zur Welt er­ar­bei­ten und kon­stru­ie­ren. Der Mensch lebt dar­um nicht nur ein­fach; er muss viel­mehr sein Le­ben füh­ren und ist zur Na­tur­be­herr­schung re­gel­recht ge­zwun­gen. Der Mensch ist von Na­tur aus ein Kul­tur­we­sen, so Geh­len. Und da­zu ge­hört auch ei­ne star­ke Ord­nung. Die­se Leh­re von der In­sti­tu­ti­on ist auch Geh­lens kri­ti­sche Re­ak­ti­on auf die Na­zi-Dik­ta­tur ge­we­sen. Kein so­ge­nann­ter Füh­rer und kei­ne Par­tei soll­ten mehr die Herr­schaft in­ne­ha­ben. An ih­re Stel­le tritt der Staat als Ord­nungs­prin­zip.

Aus­ge­rech­net Geh­len! Aus­ge­rech­net je­ner Ge­lehr­te, der am Tag der Ar­beit 1933 zu­sam­men mit Mar­tin Hei­deg­ger und Carl Sch­mitt in die NSDAP ein­trat. Und der bis Kriegs­en­de Par­tei­mit­glied blei­ben soll­te – aus per­sön­lich „gu­ten“Grün­den: Er pro­fi­tier­te recht or­dent­lich von den brau­nen Macht­ha­bern und ge­lang­te 1938 auf den Kant-Lehr­stuhl in Kö­nigs­berg, zwei Jah­re spä­ter folg­te die Be­ru­fung an die Uni­ver­si­tät von Wi­en. Ei­ne glän­zen­de Kar­rie­re un­term Ha­ken­kreuz. Er­staun­li­cher- wei­se konn­te die – wenn auch ein we­nig glanz­lo­ser – schon zwei Jah­re nach der to­ta­len Nie­der­la­ge ih­re Fort­set­zung fin­den. Geh­len wur­de 1947 Pro­fes­sor zu­nächst in Spey­er und schließ­lich in Aa­chen. En­de der 1950er Jah­re streb­te er zwar nach Hei­del­berg, doch wur­de die­se Be­ru­fung von sei­nem pro­mi­nen­ten Ge­gen­spie­ler die­ser Zeit ver­ei­telt: von Theo­dor W. Ador­no.

Ar­nold Geh­len wird gern als Un­zeit­ge­mä­ßer be­schrie­ben, ei­ner, zu dem al­le ei­ne Meinung ha­ben und der doch zu kom­plex dach­te, um po­li­tisch ding­fest ge­macht zu wer­den. So nah er dem Drit­ten Reich auch ge­stan­den ha­ben mag, wird man ihn kaum ei­nen „NS-Phi­lo­so­phen“nen­nen kön­nen; ein Frei­spruch von re­ak­tio­nä­rem Den­ken aber ist gleich­sam un­pas­send.

Man­ches in sei­nem Den­ken ist der Angst ent­sprun­gen und war ei­ner Zeit ge­schul­det, die An­zei­chen der Auf­lö­sung hat­te. In­sti­tu­tio­nen wur­den zur Ant­wort auf ver­meint­li­che Zer­falls­pro­zes­se. Auch vor die­sem Hin­ter­grund war die Stu­den­ten­be­we­gung von 1968 für ihn nichts an­de­res als die fun­da­men­ta­le Be­dro­hung ei­nes ge­führ­ten Le­bens.

Sei­ne letz­te Ant­wort dar­auf lau­te­te Rück­zug. Zum Schluss wur­de Geh­len be­herrscht von ei­nem gro­ßen, un­still­bar er­schei­nen­den Pes­si­mis­mus. Sel­ten war er noch im Ra­dio zu hö­ren und kaum im Fern­se­hen zu se­hen. Die we­ni­gen Bei­trä­ge, die von ihm noch an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­ten, hat­ten nach den Wor­ten sei­nes Freun­des Hel­mut Schels­ky „den Cha­rak­ter ei­nes Aus­falls aus der Zi­ta­del­le der Ein­sam­keit“.

Auch das macht Geh­len für die neue Rech­te at­trak­tiv: als Den­ker, der den Un­ter­gang des Abend­lan­des her­auf­zie­hen sieht und ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Ant­wort dar­auf nicht weiß. Ar­nold Geh­lens Idee von der In­sti­tu­ti­on ei­nes star­ken Staats scheint Rechts­po­pu­lis­ten heu­te wie­der ei­ne Leh­re zu sein, Geh­lens Sor­ge aber ein Me­ne­te­kel für das Deutsch­land der Ge­gen­wart.

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