Mit der Couch durch die Hei­mat

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON JES­SI­CA BALLEER FO­TO: HORST WA­CKER­B­ARTH

Ein Wel­ten­bumm­ler wird hei­misch: Der Düs­sel­dor­fer Künst­ler Horst Wa­cker­b­arth hat ei­ne NRW-Bil­der­se­rie er­stellt.

DÜS­SEL­DORF Klei­ne Fle­cken Nord­rhein-West­fa­lens sind auf den Fo­to­gra­fi­en des Künst­lers zu se­hen. In ih­nen aber spie­gelt sich die gan­ze Welt. Da­von je­den­falls ist Horst Wa­cker­b­arth über­zeugt. „Wahn­sinn“, nennt er die­se Er­fah­rung der ver­gan­ge­nen Mo­na­te, in de­nen der Düs­sel­dor­fer Fo­to­graf im gan­zen Bun­des­land un­ter­wegs war. Die Ka­me­ra und die ro­te Couch im­mer im Ge­päck, die seit mehr als 30 Jah­ren das Kenn­zei­chen sei­ner Kunst ist. Was für sei­ne Fo­tos gilt, das trifft auch auf den Fo­to­gra­fen selbst zu. In 53 Län­der ist er ge­reist, doch ge­ra­de Wa­cker­b­arth, die­ser rast­lo­se Rei­sen­de, hat nun die Hei­mat ent­deckt. Ab Sep­tem­ber stellt er im Land­tag und im NRW Fo­rum aus. „Wa­cker­b­arth: 100 Jah­re Hei­mat“heißt es dann.

Da­bei hat­te al­les weit weg von Zu­hau­se an­ge­fan­gen, En­de der Sieb­zi­ger­jah­re näm­lich in den USA. Mit ei­nem Künst­ler­kol­le­gen star­te­te Horst Wa­cker­b­arth, der im hes­si­schen Fritzlar ge­bo­ren wur­de und in in Kas­sel Kunst stu­dier­te, die­ses Pro­jekt mit der ro­ten Couch. „The Red Couch – A Por­trait of Ame­ri­ca“ent­stand. Dann das „Por­trät Eu­ro­pas und sei­ner Be­woh­ner“. Vie­le Jah­re ver­brach­te er im Aus­land. Dass aus­ge­rech­net die­ser weit­ge­reis­te Künst­ler da ges­tern von sei­ner Fo­to­rei­se durch das be­schau­li­che NRW schwärmt, ist zu­nächst merk­wür­dig.

Läs­sig gibt sich der 66-Jäh­ri­ge in sei­nem Ate­lier in Ober­kas­sel. Er lässt sich fo­to­gra­fie­ren, die Son­nen­bril­le aber nimmt er nicht ab. „Wahn­sinn“und „so cool“fin­det er, was die­ses Bun­des­land zu bie­ten hat. Und als er das sagt, muss man un­will­kür­lich an Udo Lin­den­berg den­ken. Noch so ein Sinn­bild für Hei­mat­lo­sig­keit. Noch so ein Pa­ra- do­xon. Weit ge­fehlt ist die­ser Ver­gleich nicht. Im­mer­hin ge­hört auch Wa­cker­b­arth die­ser Ge­ne­ra­ti­on an, die den Hei­mat­be­griff lan­ge Zeit ab­lehn­te. Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on, de­ren El­tern und Leh­rer Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wa­ren, so sagt es Wa­cker­b­arth selbst und fin­det das genau so „ekel­haft“und „schei­ße“wie die Tat­sa­che, dass er ges­tern 66 ge­wor­den ist. An­ders spricht er über sei­ne Fo­to­rei­se. „Rich­tig cool“fin­det er das Pro­jekt, das sei­ne Chan­ce war, die Hei­mat neu zu ver­ste­hen und sie mit Be­grif­fen wie Viel­falt, Be­geg­nung und Ge­bor­gen­heit in Ein­klang zu brin­gen.

Und das sieht man auf sei­nen Bil­dern. Die „Wur­zel des Bun­des­lan­des NRW“hat er in Duis­burg ge­fun­den und im Bil­der­büd­chen in Bonn. Vor das Ge­burts­haus von An­net­te von Dros­te-Hüls­hoff bei Müns­ter hat er Ob­dach­lo­se plat­ziert, Flücht­lings­kin­der neh­men vor dem Lem­go­er Jun­kers­haus Platz. Wie ein Ge­mäl­de wirkt die­ses Fo­to, auf dem die Schäfer Re­na­te Re­gier und Mar­kus Laabs von ih­ren Hei­dschnu­cken um­ge­ben sind. Und auf der Düs­sel­dor­fer Kö be­kommt der Kar­ne­val ein neu­es Ge­sicht. Im­mer zu se­hen: die ro­te Couch, als Zei­chen ei­ner Hei­mat, die zur Mo­bi­li­tät ani­miert.

Wa­cker­b­arth hat­te ei­ne Be­fürch­tung: Das Um­stel­len auf Di­gi­tal­fo­to­gra­fie könn­te all­zu fla­che Bil­der zur Fol­ge ha­ben. Doch je­des Werk von „hei­mat.nrw“ist dar­über er­ha­ben, ver­lei­hen die Land­schaf­ten und Ge­schich­ten der Men­schen, die auf der ro­ten Couch Platz ge­nom­men ha­ben, doch un­end­lich viel Tie­fe.

Horst Wa­cker­b­arth hat­te auf sei­ner Rei­se die vier­te ro­te Couch sei- ner Kar­rie­re da­bei. Eis­bä­ren in Alas­ka oder Lö­wen in Afri­ka hat­ten Spu­ren an den Vor­gän­ger­mo­del­len hin­ter­las­sen. Den An­stoß für die­ses NRW-Pro­jekt gab der 70. Ge­burts­tag des Lan­des und das 30-jäh­ri­ge Be­ste­hen der NRW Stif­tung – aber ei­gent­lich ist das auch egal.

Denn die Fo­to­gra­fi­en sind wah­re Do­ku­men­te der Zeit­ge­schich­te. Und sie hät­ten zu je­dem Zeit­punkt des Ent­ste­hens et­was Ein­zig­ar­ti­ges ge­habt. Wirt­schaft, Sport oder Po­li­tik. Ver­trei­bung, Ar­mut und Wan­del sind die ak­tu­el­len The­men. Aber das Be­son­de­re sind die Ge­schich­ten der Men­schen. Der Künst­ler hat es sich zu ei­gen ge­macht, die Prot­ago­nis­ten zu ih­ren Ge­schich­ten zu be­fra­gen. Es geht um Lie­be, Re­li­gi­on, Glück, Träu­me oder eben um Hei­mat. „Da, wo die Fa­mi­lie ist“, hat­te ein Kum­pel aus der Ze­che in Bochum ge­ant­wor­tet. „Wo ich die Fü­ße auf die Couch le­gen kann“, sag­te ein Hand­wer­ker.

Und für den Künst­ler? Den Wel­ten­bumm­ler, der stets nach De­ren­dorf zu­rück­kam? „Mit dem kul­tu­rel­len An­ge­bot zwi­schen Köln und Dort­mund kann nicht mal New York mit­hal­ten“, sagt Wa­cker­b­arth.

Um­ge­ben von Hei­dschnu­cken sind die Schäfer in Hö­vel­hof. 100 sol­cher Fo­tos aus NRW zeigt die Aus­stel­lung „Wa­cker­b­arth: 100 Jah­re Hei­mat“.

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