Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Stel­len Sie sich vor, wir hät­ten ge­ra­de ein Mo­sa­ik be­trach­tet, das Jus­ti­ni­an und Theo­do­ra zeigt. Was wis­sen wir dar­über, wo und wie sie sich ken­nen­ge­lernt ha­ben? Wie­der­ho­len Sie die Fra­ge vor der Ant­wort, um den Kon­text klar­zu­stel­len. ,Wir wis­sen, dass sie sich ken­nen­lern­ten, als . . .’ und so wei­ter.“An­fangs war An­na ein we­nig steif, doch mit den Fra­gen ge­wann ih­re Lei­den­schaft für das The­ma die Ober­hand, und sie er­zähl­te so le­ben­dig, dass es fast an­ste­ckend wirk­te.

Wie Ja­mes ein­räu­men muss­te, war es ziem­lich in­ter­es­sant.

Ga­mes of Thro­nes, wie es leib­te und leb­te, ganz oh­ne öde Ton­scher­ben und Ab­ga­ben an den Lehns­her­ren. Nach dem In­ter­view war Ja­mes si­cher, dass sie gu­tes Ma­te­ri­al im Kas­ten hat­ten. Auch wenn es für sie bei­de nicht un­be­dingt ein Spaß ge­we­sen war.

„Wenn Sie möch­ten, kann ich Ih­nen auf un­se­rer Web­site Bei­spie­le frü­he­rer Apps zei­gen. Dann be­kom­men Sie vi­el­leicht ei­ne bes­se­re Vor­stel­lung da­von, wie wir das hier ver­wen­den wer­den“, schlug er vor, um sie ver­söhn­li­cher zu stim­men.

Als An­na nick­te, wand­te Ja­mes sich zum Lap­top um und dreh­te den Bild­schirm so, dass sie die Home­page von Par­lez be­trach­ten konn­te. Beim Na­vi­gie­ren durch die Web­site rief er ver­se­hent­lich die About-UsSei­te auf.

„Was sind denn das für Fo­tos ne­ben Ih­ren Na­men?“An­na mus­ter­te mit zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Au­gen die win­zi­gen Bil­der.

Ja­mes un­ter­drück­te ein pein­lich be­rühr­tes Zu­sam­men­zu­cken. „Äh. Es­sen.“„Es­sen?“

„Ja, eben die Lieb­lings­spei­se von je­dem.“

Sie starr­te ihn an, als hät­te er ge­ra­de ge­sagt, dass sie di­ens­tags im­mer wie die Pi­ra­ten re­de­ten.

„Und was ist das?“Sie zeig­te auf Har­ris’ Fo­to.

„Äh. Ein Nach­tisch . . . flam­bier­te Ba­na­nen auf Va­nil­leis.“Ja­mes woll­te im Erd­bo­den ver­sin­ken. An­na den nicht po­li­tisch kor­rek­ten Witz zu er­zäh­len, der im Bü­ro im Zu­sam­men­hang mit dem tun­ti­gen Har­ris und sei­ner Vor­lie­be für in kleb­ri­ger Sau­ce er­tränk­te Ba­na­nen um­ging, hät­te die La­ge si­cher nicht ent­spannt.

„Und was ist Ih­res?“, frag­te sie und scroll­te die Sei­te hin­un­ter.

Ja­mes klick­te sie weg. „Ei­ne Lah­ma­cun, das ist so was wie ei­ne tür­ki­sche Piz­za“, nu­schel­te er.

„Ich weiß, was das ist“, fauch­te An­na.

„Sie müs­sen re­den, Sie es­sen Ome­letts im Bröt­chen.“

„We­nigs­tens steht das nicht in mei­nem Pro­fil auf der UCL-Si­te: Das ist An­na, ihr Fach­ge­biet ist by­zan­ti­ni­sche Ge­schich­te, und au­ßer­dem mag sie Ome­letts im Bröt­chen.“

„Das war doch nur ein Scherz“, zisch­te er. O nein, er hat­te den Satz „Nur ein Scherz“be­nutzt. Voll ver­sagt.

„Of­fen­bar zwei ver­schie­de­ne Wel­ten.“

„Wirk­lich?“, frag­te Ja­mes und be­müh­te sich nicht, sei­ne Ge­reizt­heit zu ver­ber­gen. „Es muss nicht im­mer al­les tod­ernst sein, oder?“

„Ich weiß. Aber die Lieb­lings­spei­se? Das er­in­nert mich an die In­ter­views frü­her in den Te­enager­zeit­schrif­ten. ,Was ist dei­ne Lieb­lings­far­be, Ky­lie?’“

Sie grins­te fies, und Ja­mes ge­nier­te sich, gleich­zei­tig aber är­ger­te er sich auch, weil sie ihn als Idio­ten hin­stell­te.

„Hof­fent­lich fühlt sich Ihr Kol­le­ge Par­ker, der Mak­ka­ro­ni-mit-Kä­se­sau­ce-Fan, nicht län­ger ver­pflich­tet, sich un­ser Fach­ge­biet mit Hil­fe von Goog­le zu er­ar­bei­ten“, füg­te sie hin­zu. Ja­mes wuss­te, was ein Pro­fi auf ei­ne sol­che Be­mer­kung zu ant­wor­ten hät­te. Ein Schuld­ein­ge­ständ­nis, ein klei­ner Witz auf ei­ge­ne Kos­ten, ei­ne an­ge­deu­te­te Ent­schul­di­gung. Aber zum Teu­fel da­mit. Ih­re Sti­che­lei­en wa­ren ab­so­lut un­an­ge­bracht.

„Par­ker hat das nur so da­hin­ge­sagt. Wir schaf­fen die In­hal­te nicht, son­dern stel­len sie nur dar“, ent­geg­ne­te Ja­mes müh­sam be­herrscht.

„So­lan­ge von mir er­war­tet wird, dass ich mich mit De­si­gnern her­um­strei­te, ha­be ich ganz und gar nicht die­sen Ein­druck.“„Sie sind ziem­lich emp­find­lich.“„Vi­el­leicht ist das ja ei­ne mei­ner bier­erns­ten An­ge­wohn­hei­ten. Soll ich Ih­nen er­zäh­len, was mein Lieb­lings­nach­tisch ist, um die Stim­mung auf­zu­lo­ckern?“

In die­sem Mo­ment hass­te Ja­mes die gan­ze Welt. Er hass­te sei­nen Job, er hass­te die­se her­ab­las­sen­de Frau, und er hass­te sich selbst. Au­ßer­dem hass­te er Ome­letts im Bröt­chen, ob­wohl er noch nie ei­nes pro­biert hat­te. Er hass­te sei­ne Frau, weil sie ihn ver­las­sen hat­te und mit ei­nem Ty­pen na­mens Finn schlief. Und er hass­te Men­schen, die ihn we­gen ei­ner Sa­che ver­spot­te­ten, die an­de­re ver­bockt hat­ten. Er plus­ter­te die Wan­gen auf. „Okay, hö­ren Sie. Ob es Ih­nen ge­fällt oder nicht, wir wer­den ei­ni­ge Wo­chen zu­sam­men an die­sem The­ma ar­bei­ten müs­sen. Ich ver­ste­he nicht, war­um das so ei­ne Quä­le­rei sein muss. Mein Job geht Ih­nen am Arsch vor­bei, okay, schon vers­tan- den. Es ist ja auch nichts als ein Hau­fen di­gi­ta­ler Schwach­sinn, den es vor fünf Mi­nu­ten noch gar nicht gab und den wir Ih­nen jetzt als le­bens­wich­tig ver­kau­fen, weil er es, so leid es mir für Sie tut, in­zwi­schen nun mal ist. Je­der hat ein Smart­pho­ne und die Auf­merk­sam­keits­span­ne von Gra­ham Nor­ton nach ei­nem Cock­tail aus Speed­ball und Red Bull, und das gilt auch für die Leu­te, die ins Mu­se­um ge­hen. Mit dem Job hier be­zah­le ich die Ra­ten für mein Haus. Ich stel­le mich nicht ge­ra­de däm­lich an, und des­halb blei­be ich da­bei. Nicht je­der kann sei­nen Be­ruf so lei­den­schaft­lich lie­ben wie Sie. Da sind Sie ein aus­ge­spro­che­ner Glücks­pilz. Und dass Sie mei­ne Kol­le­gen für Schwach­köp­fe hal­ten – nun, wis­sen Sie was? Mir geht es, mit ei­ner oder zwei Aus­nah­men, ge­nau­so. Au­ßer­dem ge­hö­ren sie al­le zu ei­ner Al­ters­grup­pe, in der El­tern es of­fen­bar cool fan­den, ih­ren Kin­dern Nach­na­men als Vor­na­men zu ge­ben. Doch an­statt mir stän­dig ei­ne rein­zu­wür­gen und mir un­ter die Na­se zu rei­ben, wie schwach­sin­nig Sie al­les fin­den, was ich hier trei­be, könn­ten Sie mit mir an ei­nem Strang zie­hen. Dann wür­den wir die Sa­che näm­lich so kurz und schmerz­los wie mög­lich hin­ter uns brin­gen und bräuch­ten ein­an­der da­nach nie­mals wie­der­zu­se­hen. Beim blo­ßen Ge­dan­ken dar­an fällt mir ein St­ein vom Her­zen.“

Schwei­gen. Schock. Auf bei­den Sei­ten. Noch nie war Ja­mes ei­nem Kun­den so über den Mund ge­fah­ren. Und zwar nicht nur ir­gend­ei­nem Kun­den – er hat­te al­len Erns­tes ei­ner Frau Pro­fes­sor an den Kopf ge­wor­fen, dass sie ihn mal kreuz­wei­se konn­te.

(Fort­set­zung folgt)

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