Ein­fach den Ball lau­fen las­sen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON TO­BI­AS ESCHER

Drei­er­ket­te, Vie­rer­ket­te, drei oder zwei Sech­ser – die­se Sys­tem­fra­gen sind im Halb­fi­na­le mor­gen nur Ne­ben­sa­che. Für den DFB geht es dar­um, Über­zahl­si­tua­tio­nen zu schaf­fen. Das glaubt un­ser Ko­lum­nist To­bi­as Escher.

DÜS­SEL­DORF Sepp Her­ber­ger hat­te ein Fai­b­le für kur­ze, prä­gnan­te Merk­sät­ze. Noch heu­te sind sei­ne Weis­hei­ten wie „Der Ball ist rund“oder „Ein Spiel dau­ert 90 Mi­nu­ten“je­dem Fuß­ball­freund be­kannt. Auch ge­gen­über sei­nen Spie­lern prä­fe­rier­te er Merk­sät­ze, al­ler­dings hat­ten die­se mehr In­halt. „Der Ball hat die bes­te Kon­di­ti­on!“pre­dig­te er Drib­bel­künst­lern, die den Ball nicht recht­zei­tig ab­ga­ben. Sei­ne viel­leicht liebs­te Fuß­ball­weis­heit lau­te­te je­doch: „Man muss im­mer ei­nen Mann Über­zahl na­he dem Ball ha­ben.“Die Idee ist sim­pel: Nur mit ei­ner Über­zahl in Ball­nä­he kann man Päs­se auf den frei­en Mann spie­len

„Der Ball hat die bes­te Kon­di­ti­on“

Sepp Her­ber­ger

Deut­scher Bun­des­trai­ner 1936 bis 1942 und 1950 bis 1964

oder den ball­füh­ren­den Geg­ner rich­tig un­ter Druck set­zen.

Seit Her­ber­ger die Na­tio­nal­mann­schaft trai­nier­te, sind über 50 Jah­re ver­gan­gen. Den­noch hat sei­ne Weis­heit nichts an Ak­tua­li­tät ein­ge­büßt. Joa­chim Löw, so scheint es, ist auch heu­te noch ein An­hän­ger die­ser The­se. Letzt­lich wa­ren sei­ne Um­stel­lun­gen ge­gen Ita­li­en nichts an­de­res als der Ver­such, Über­zahl­si­tua­tio­nen in den Zo­nen her­zu­stel­len, die Ita­li­en be­son­ders schätzt. Die drei deut­schen In­nen­ver­tei­di­ger hat­ten ei­ne Über­zahl ge­gen die zwei ita­lie­ni­schen Stür­mer. Die Fra­ge vor dem Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich lau­tet für Löw da­her nicht, ob er sein Sys­tem um­stel­len wird – das ist mitt­ler­wei­le fes­ter Teil sei­ner Phi­lo­so­phie. Die Fra­ge lau­tet viel­mehr: In wel­chen Zo­nen muss man ei­ne Über­zahl her­stel­len?

Die Fran­zo­sen nut­zen vor al­lem das zen­tra­le Mit­tel­feld, um vor das geg­ne­ri­sche Tor zu ge­lan­gen. Di­dier De­schamps stell­te sei­ne Mann­schaft zu­letzt in ei­nem 4-2-3-1-Sys­tem auf. Die bei­den Au­ßen­stür­mer agier­ten nur auf dem Pa­pier auf den Au­ßen. Bei Ball­be­sitz rück­ten sie in die Mit­te. Vor al­lem Di­mi­tri Pay­et be­weg­te sich per­ma­nent vom lin­ken Flü­gel in den Halb­raum. Von dort aus ver­such­te er, zu­sam­men mit Mit­tel­feld­mo­tor Paul Pog­ba das Spiel an­zu­kur­beln. Den rech­ten Halb­raum be­setz­te wie­der­um Zeh­ner An­toi­ne Griez­mann. Selbst wenn Frank­reich ge­gen die of­fen­siv­star­ken Deut­schen zu­rück­keh­ren soll­te zum 4-1-4-1-Sys­tem der ers- ten Spie­le, än­dert das am Fo­kus nichts; die Fran­zo­sen wer­den in bei­den Va­ri­an­ten die Hal­bräu­me und das Zen­trum nut­zen, um vor das Tor zu ge­lan­gen.

Joa­chim Löw wird al­so sei­ne Tak­tik da­nach aus­rich­ten, kei­ne fran­zö­si­sche Über­zahl im of­fen­si­ven Mit­tel­feld zu­zu­las­sen. Auf dem Pa­pier scheint die lo­gi­sche Va­ri­an­te zu sein, das Mit­tel­feld mit ei­nem drit­ten Sech­ser zu si­chern. Ein 4-3-3 hat die deut­sche Mann­schaft be­reits in der Qua­li­fi­ka­ti­on ein­ge­setzt. Das Pro­blem: Sa­mi Khe­di­ra fällt ge­gen Frank­reich si­cher aus, Bas­ti­an Schwein­stei­ger fehlt mit ho­her Wahr­schein­lich­keit. Löw müss­te sich al­so trau­en, Em­re Can und/ oder Ju­li­an Weigl als Sech­ser zu brin­gen. Can wä­re mit sei­ner kör­per­li­chen Wucht ei­ne gu­te Wahl ge­gen die ro­bus­ten Pog­ba und Blai­se Ma­tui­di. Weigl könn­te wie­der­um mit sei­nem Raum­ge­fühl das de­fen­si­ve Mit­tel­feld si­chern. Ei­ne al­ter­na­ti­ve, aber viel­leicht zu of­fen­si­ve Va­ri­an­te wä­re ein Drei­er­mit­tel­feld aus Schwein­stei­ger, To­ni Kroos und Me­sut Özil.

An­ge­sichts der Aus­fäl­le im Mit­tel­feld ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass Löw an der Drei­er­ket­te in der Ab­wehr fest­hält. Mats Hum­mels fehlt zwar ge­sperrt, des­sen Part könn­te je­doch Skho­dran Musta­fi über­neh­men. Aus der Drei­er­ket­te könn­ten si­tua­tiv In­nen­ver­tei­di­ger her­aus­rü- cken, um die Mit­tel­feld-Über­zah­len der Fran­zo­sen zu kon­tern. Wenn die Fran­zo­sen doch durch­kä­men, hät­te Deutsch­land in der letz­ten Li­nie ei­ne ho­he Kom­pakt­heit, um die tödlichen Päs­se hin­ter die Ab­wehr zu ver­hin­dern.

Ei­ne Drei­er­ket­te wür­de auch den Au­ßen­ver­tei­di­gern er­lau­ben, of­fen­si­ver zu agie­ren. Ge­gen die Fran­zo­sen wä­re dies ein gu­tes tak­ti­sches Mit­tel. Die Flü­gel­ver­tei­di­gung ist die Schwach­stel­le der Fran­zo­sen. Die Au­ßen­stür­mer rü­cken häu­fig zu weit ein, auch die Sech­ser un­ter­stüt­zen die Au­ßen­ver­tei­di­ger nicht ge­nug. Die Au­ßen­ver­tei­di­ger Patri­ce Ev­ra (35) und Ba­ca­ry Sa­gna (33) sind oft auf sich ge­stellt, ma­chen da­bei aber nicht im­mer ei­nen si­che­ren Ein­druck auf ih­re al­ten Fuß­bal­ler­ta­ge. Deutsch­land könn­te al­so ver­su­chen, durch die auf­rü­cken­den Au­ßen­ver­tei­di­ger Über­zahl auf dem Flü­gel her­zu­stel­len. Das Pro­blem: Durch die Ver­let­zung von Ma­rio Go­mez fehlt ein Ver­wer­ter für ho­he Flan­ken. Deutsch­land müss­te sich flach vom Flü­gel ins Zen­trum kom­bi­nie­ren.

Egal, ob Löw sich für die Drei­er­ket­te, ein 4-3-3 oder das klas­si­sche 4-2-3-1 ent­schei­det, es dürf­te Her­ber­gers zweit­liebs­te Weis­heit gel­ten: „Der Ball hat die bes­te Kon­di­ti­on.“Frank­reich wird das Heil in Kon­tern durch das Zen­trum su­chen, Deutsch­land muss den Ball lau­fen las­sen. Wenn die Elf an den rich­ti­gen Stel­len Über­zahl her­stellt, steht dem Ein­zug ins Fi­na­le nichts ent­ge­gen. To­bi­as Escher (28) ist Tak­tik-Ex­per­te. Er be­treibt die In­ter­net­sei­te spiel­ver­la­ge­rung.de, auf der er re­gel­mä­ßig wich­ti­ge Spiel­zü­ge im Pro­fi­fuß­ball er­klärt.

FO­TO: IMA­GO

Tüf­te­lei: Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw und sein As­sis­tent Tho­mas Schnei­der, der sei­ne Tak­tik­ta­fel vor dem Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en ord­net.

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