Nur ein­mal durf­te Frank­reich fei­ern

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON BERND JOLITZ

Das Halb­fi­na­le von Mar­seil­le ist das ers­te deutsch-fran­zö­si­sche Du­ell bei ei­ner EM-End­run­de. Bei Welt­meis­ter­schaf­ten tra­fen bei­de je­doch schon vier­mal auf­ein­an­der – die letz­ten drei Ma­le mit dem bes­se­ren En­de für Deutsch­land.

DÜS­SEL­DORF Deutsch­land ge­gen Frank­reich – ge­fühlt ist das ein Du­ell, das man schon Dut­zen­de Ma­le ge­se­hen hat, bei gro­ßen Tur­nie­ren wie in Freund­schaft. Ge­ne­rell ist die­ser Ein­druck auch nicht falsch, denn bei­de Na­tio­nen stan­den sich be­reits 27 Mal ge­gen­über, vier­mal da­von in den Fi­nal­run­den von Welt­meis­ter­schaf­ten. Das Ku­rio­se an der Bi­lanz der al­ten Ri­va­len: Sie ha­ben sich noch nie bei ei­ner Eu­ro­pa­meis­ter­schafts-End­run­de ge­gen­über ge­stan­den, so dass das Halb­fi­na­le am Don­ners­tag in Mar­seil­le (21 Uhr) ei­ne Pre­mie­re bil­det. Le­gen­där sind je­doch die WM-Du­el­le. 28. Ju­ni 1958 Es ist das Spiel der Ent­täusch­ten bei der End­run­de in Schwe­den, denn Deutsch­land (ge­gen Schwe­den) wie Frank­reich (ge­gen Bra­si­li­en) ha­ben ih­re Halb­fi­nal­spie­le ver­lo­ren und die Ti­tel­träu­me auf­ge­ben müs­sen. Im Ul­le­vi-Sta­di­on von Gö­te­borg kämp­fen sie um den drit­ten Platz, und sie tun dies aus­ge­spro­chen tor­reich. Nach Tref­fern von Just Fon­tai­ne (4), Ray­mond Ko­pa und Yves Dou­is ge­winnt die Équi­pe Tri­co­lo­re 6:3. Für Deutsch­land sind Hans Cies­larc­zyk so­wie zwei Hel­den von Bern 1954, Hel­mut Rahn und Hans Schä­fer, er­folg­reich. Fon­tai­ne schreibt Ge­schich­te, denn nie­mand au­ßer ihm schafft es bis heu­te, 13 Tref­fer bei ei­nem ein­zi­gen WM-Tur­nier zu er­zie­len. 8. Ju­li 1982 Dies­mal tref­fen bei­de Na­tio­nen im Halb­fi­na­le in Se­vil­la auf­ein­an­der. Die Par­tie wird zu ei­nem Klas­si­ker, al­ler­dings trotz ih­res pa­cken­den Ver­laufs nicht nur in po­si­ti­ver Hin­sicht. Für den dun­kels­ten Punkt sorgt der deut­sche Tor­hü­ter To­ni Schu­ma­cher, der kurz nach der Pause Frank­reichs ge­ra­de ein­ge­wech­sel­tem Mit­tel­feld­spie­ler Patrick Bat­tis­ton aus sei­nem Kas­ten her­aus ent­ge­gen­stürmt und ihn so hef­tig rammt, dass Bat­tis­ton kurz­zei­tig be­wusst­los ist, ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung so­wie Wir­bel­ver­let­zun­gen er­lei­det und zwei Zäh­ne ver­liert. Für noch mehr Auf­ruhr als die Ak­ti­on sorgt Schu­ma­chers Zitat: „Wenn es nur die Ja­cket­kro­nen sind, die be­zah­le ich ihm ger­ne.“Sport­lich scheint das Spiel nach der fran­zö­si­schen 3:1-Füh­rung in der Ver­län­ge-

Der Gen­fer­see ist ein­fach schön. Vom Ufer in Evian be­trach­tet, aus der Luft beim Lan­de­an­flug auf Genf und ganz be­son­ders aus den Hö­hen der Golf­aka­de­mie in Pu­blier, ei­nem win­zi­gen Ört­chen gleich ne­ben mei­nem ganz per­sön­li­chen Trai­nings­la­ger. Ich ver­dan­ke die spek­ta­ku­lä­re Aus­sicht von ei­ner Ter­ras­se gleich ne­ben Übungs­grüns und klei­nen Sand­käs­ten, die Gol­fer Bun­ker nen­nen, ei­ner Ein­la­dung ei­nes füh­ren­den Tou­ris­mus-Un­ter­neh­mens von Evian. Das ist sehr freund­lich.

Die Son­ne fängt lang­sam an, in den Gen­fer­see zu ver­sin­ken, ich ma­che rund 200 Son­nen­un­ter­gangs­fo­tos. Die an­de­re Hälf­te mei­ner Kern­fa­mi­lie wird sich freu­en, das ver­grö­ßert die Sammlung mit Son­nen aus dem At­lan­tik, dem Mit­tel­meer, der Ost­see, der Nord­see und am Niers­ufer. Zum Glück spei­chert ei­ne mir un­be­kann­te Macht das Ma­te­ri­al in ei­ner Wol­ke, so steht das je­den­falls in mei­nem klei­nen Wun­der­te­le­fon, dem ich in­zwi­schen wirk­lich al­les glau­be.

Die in­ni­gen Be­trach­tun­gen der Na­tur wer­den von ei­nem lan­des­ty­pi­schen Es­sen be­glei­tet. Es ist über­all an die­sem See zu Hau­se, gilt aber ei­gent­lich als ei­ne Art Schwei­zer Na­tio­nal­ge­richt. Es gibt ein Kä­se­fon­due. Brot­stück­chen wer­den auf klei­ne Ga­beln ge­spießt und in flüs­si­gen Kä­se ge­taucht. Mir schmeckt es wun­der­bar. Und weil ich gro­ße Tei­le mei­ner Bil­dung be­kannt­lich den Ar­bei­ten der vor­züg­li­chen Al­ter­tums­for­scher Re­né Go­scin­ny und Al­bert Uder­zo ver­dan­ke, muss ich na­tür­lich an „As­te­rix bei den Schwei­zern“den­ken.

Die­ses wich­ti­ge Werk der Welt­li­te­ra­tur spielt in be­deu­ten­den Tei­len nicht weit von hier in Genf. Wo heu­te al­lem An­schein nach vor al­lem mit rung ent­schie­den (To­re: Mi­chel Pla­ti­ni, Ma­ri­us Tresor und Alain Gires­se nach Pier­re Litt­barskis 0:1), doch dann kommt Jupp Der­walls Team zu­rück. Karl-Heinz Rum­me­nig­ge (102.) und Klaus Fi­scher (108.) per Fall­rück­zie­her glei­chen zum 3:3 aus, im Elf­me­ter­schie­ßen be­hält die DFB-Aus­wahl mit 5:4 die Ober­hand. Am En­de reicht es nach der Fi­nal­nie­der­la­ge ge­gen Ita­li­en aber nur zur Vi­ze-Welt­meis­ter­schaft. 25. Ju­ni 1986 Die me­xi­ka­ni­sche Stadt Gua­da­la­ja­ra ist der Schau­platz des er­neu­ten Halb­fi­nals, das Deutsch­land ver­dient 2:0 ge­winnt. Rich­tung­wei­send für den Er­folg ist der frühe Füh­rungs­tref­fer durch Andre­as Breh­me, der be­reits in der neun­ten Mi­nu­te ei­nen Frei­stoß di­rekt ver­wan­delt. Ru­di Völ­ler be­en­det mit sei­nem 2:0 in der Schluss­mi­nu­te das Zit­tern. Für die Fran­zo­sen, die im Vier­tel­fi­na­le den Fa­vo­ri­ten Bra­si­li­en im Elf­me­ter­schie­ßen aus­ge­schal­tet hat­ten, ist der spä­te­re drit­te Platz ei­ne Ent­täu­schung, doch auch Deutsch­land bleibt der gro­ße Wurf ver­sagt: Die Mann­schaft von Te­am­chef Franz Be­cken­bau­er ver­liert das Fi­na­le ge­gen Ar­gen­ti­ni­en 2:3 und darf sich erst vier Jah­re spä­ter mit dem Ti­tel krö­nen. 4. Ju­li 2014 Es dau­ert mehr als 28 Jah­re, bis sich Frank­reich und Deutsch­land bei ei­nem gro­ßen Tur­nier wie­der­se­hen. Es ist das Vier­tel­fi­na­le der WM-End­run­de in Bra­si­li­en, und der Ge­win­ner heißt wie bei den bei­den Ver­glei­chen zu­vor Deutsch­land, das spä­ter auch Welt­meis­ter wird. Der Schüt­ze des ein­zi­gen Tref­fers im Ma­ra­ca­na-Sta­di­on von Rio de Janeiro steht zwar auch im ak­tu­el­len deut­schen EM-Ka­der, ist aber im Halb­fi­na­le we­gen zwei­er Gel­ber Kar­ten ge­sperrt: Mats Hum­mels. Schon in der zwölf­ten Mi­nu­te köpft er nach ei­ner Frei­stoß-Her­ein­ga­be von To­ni Kroos an Hu­go Llo­ris vor­bei ins Netz – und Kroos ist wie der fran­zö­si­sche Kee­per al­ler Vor­aus­sicht nach in Mar­seil­le da­bei.

In­ter­es­san­te Rand­no­tiz: Im Fe­bru­ar 2013 hat­ten die Deut­schen ein Test­spiel in Frank­reich 2:1 ge­won­nen und da­mit ei­ne Durst­stre­cke von mehr als ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert oh­ne Sieg ge­gen den Nach­barn (ein Re­mis und fünf Nie­der­la­gen seit 1987) be­en­det.

Auf den Spu­ren von Feis­tus Ra­clettus

vor­neh­men Uh­ren, ex­klu­si­ven Ta­schen­mes­sern und Geld ge­han­delt wird, stand nach den Er­kennt­nis­sen von Uder­zo und Go­scin­ny einst der Palast des rö­mi­schen Statt­hal­ters Feis­tus Ra­clettus, und Genf hieß da­mals Ge­ne­va.

Feu­dal war es schon und ein klei­nes biss­chen de­ka­dent eben­falls. Des­halb wer­te­te Feis­tus Ra­clettus das Fon­due-Es­sen mit span­nen­den Ein­fäl­len auf. Wem das Brot­stück­chen beim Ein­tau­chen in den Kä­se­topf von der Ga­bel rutsch­te, der be­kam beim ers­ten Mal fünf Stock­hie­be, beim zwei­ten Mal 20 Peit­schen­hie­be, und der muss­te beim drit­ten Mal mit ei­nem Ge­wicht an den Fü­ßen in den Gen­fer­see.

Ich bin froh, dass die­se gars­ti­gen de­ka­den­ten Rö­mer­zei­ten vor­bei sind. Und mir fällt auch kein Brot in den Topf. Mein klei­nes Wun­der­te­le­fon ver­rät mir, dass es tat­säch­lich zum gu­ten Brauch ge­hört, un­ge­schick­ten Zeit­ge­nos­sen, de­nen das Brot von den Zin­ken der Ga­bel rutscht, ein Pfand ab­zu­ver­lan­gen. So tra­di­ti­ons­be­wusst sind un­se­re Gast­ge­ber nicht, viel­leicht zählt es auch nur in Genf und bei den Schwei­zern.

Mög­li­cher­wei­se hat es aber auch die Ue­fa un­ter­sagt, die es in ih­rer Re­gle­men­tie­rungs­lust si­cher mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on auf­neh­men kann. Sie schreibt die Län­ge der Gras­hal­me auf den Fuß­ball­fel­dern vor, sie be­stimmt se­kun­den­ge­nau den Takt der so­ge­nann­ten Er­öff­nungs­ze­re­mo­ni­en in den Sta­di­en, sie misst die Buch­sta­ben­grö­ße auf den Tri­kots nach, sie ver­bie­tet den Mann­schaf­ten, für die Zeit des Tur­niers das Land zu ver­las­sen, sie un­ter­sagt Trink­was­ser aus an­de­ren Qu­el­len als de­nen des Spon­sors in den Are­nen. Bald wird sie si­cher die Ver­kehrs­re­geln neu schrei­ben. Vor­fahrt ha­ben dann nur noch Fahr­zeu­ge der Ge­schäfts­part­ner.

Ver­stö­ße ge­gen die stren­gen An­ord­nun­gen wer­den eben­so streng be­straft. So man­cher Funk­tio­när träumt ge­le­gent­lich be­stimmt von As­te­rix-Zei­ten, Stock­hie­ben und Ver­sen­kung im Gen­fer­see.

Hier oben ist das al­les kein The­ma. Der See brennt im ver­lö­schen­den Abend­licht, er ent­zün­det ei­ne klei­ne Wol­ke am Ho­ri­zont. Ich füh­le mich ent­spannt wie der Bun­des­Jo­gi, wenn er mit sei­nen treu­en As­sis­ten­ten und ein paar Spie­lern bei Ker­zen­licht und Jas­min­tee zu­sam­men­sitzt. Aus un­sicht­ba­ren Laut­spre­chern er­klingt chi­ne­si­sche Kling-Klong-Mu­sik wie in den Ru­he­räu­men der Asia­ther­me von Klei­nen­broich. Die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ist ganz weit weg. Ich dö­se ein we­nig.

Un­ten im Ort klap­pen sie jetzt die Bür­ger­stei­ge nach oben. Nur im Ca­si­no brennt noch Licht. Ei­ner er­zählt, er ha­be deut­sche Spie­ler am Ein­gang ge­se­hen. Viel­leicht war Max Kru­se zu Be­such.

FO­TO: DPA

Der Mo­ment, als Tor­hü­ter Ma­nu­el Neu­er in der Nach­spiel­zeit des WM-Vier­tel­fi­na­les den Schuss von Frank­reichs Stür­mer Ka­rim Ben­ze­ma pa­riert und so den 1:0-Zit­ter­sieg si­chert. Bas­ti­ans Schwein­stei­gers Ret­tungs­ver­such kommt zu spät.

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