Wa­les über­rascht sich selbst

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016/SPORT - VON ECK­HARD CZEKALLA

Mit dem EM-Halb­fi­na­le ge­gen Por­tu­gal hat kei­ner ge­rech­net. Straf­zet­tel sta­peln sich und Hoch­zeits­ter­mi­ne kol­li­die­ren.

DÜS­SEL­DORF Fuß­ball, so sagt man, sei die wich­tigs­te Ne­ben­sa­che der Welt. Ne­ben­sa­che? Ei­gent­lich woll­te Joe Led­ley am Sams­tag in Ibi­za sein. Dort woll­te er sei­ne Ver­lob­te Ru­by May Rid­ge­way hei­ra­ten. Dar­aus wird nichts. Der Mit­tel­feld­spie­ler der wa­li­si­schen Na­tio­nal­mann­schaft trifft heu­te Abend (21 Uhr/ ARD) in Lyon mit sei­nen Team­kol­le­gen im EM-Halb­fi­na­le auf Por­tu­gal. Un­wahr­schein­lich ist es nach den bis­he­ri­gen star­ken Auf­trit­ten der Mann­schaft von Chris Co­le­man nicht, dass die Wa­li­ser auch noch am kom­men­den Sonn­tag ak­tiv sein müs­sen – wenn das Fi­na­le in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt Paris statt­fin­det.

Doch nicht nur Led­ley hat Ter­min­pro­ble­me. Chris Gun­ter wird wohl die Trau­ung sei­nes Bru­ders Marc, die mor­gen in Can­cun (Me­xi­ko) statt­fin­det, ver­pas­sen. Dort war der Ver­tei­di­ger ei­gent­lich als Trau­zeu­ge ein­ge­plant.

Über­rascht vom sport­li­chen Er­folg ist auch De­an Saun­ders. Der 52Jäh­ri­ge, der als An­grei­fer auf 75 Län­der­spie­le für Wa­les kam, war nicht wirk­lich von der Qua­li­tät sei­ner Nach­fol­ger über­zeugt. Saun­ders, als Ex­per­te für den bri­ti­schen TV-Sen­der BBC ak­tiv, stell­te des­halb sein Au­to auf ei­nem Kurz­zeit­park­platz am Flug­ha­fen in Bir­ming­ham ab. In­zwi­schen sum­mie­ren sich die Straf­zet­tel auf um­ge­rech­net rund 1550 Eu­ro. Je­den Tag kom­men wei­te­re 140 Eu­ro da­zu.

Aber was soll‘s? Die Mann­schaft von Chef­trai­ner Chris Co­le­man ent­fach­te auf der In­sel ei­ne Eu­pho­rie, mit der kei­ner ge­rech­net hat. Und die Spie­ler se­hen sich noch nicht am En­de ih­rer Rei­se. „Lio­nel Mes­si und Cris­tia­no Ro­nal­do sind nicht von die­ser Welt. Aber wir ha­ben Ga­reth, und er ist bes­ser als al­le bei­de“, sag­te Stür­mer Hal Rob­son-Ka­nu, der seit dem 1. Ju­li oh­ne Ver­ein da­steht, da der FC Rea­ding sei­nen Ver­trag nicht ver­län­ger­te. Doch Wa­les ist mehr als nur Ga­reth Ba­le. Auch wenn in Spiel­ge­stal­ter Aa­ron Ram­sey ein wich­ti­ger Mann fehlt, der wie Ver­tei­di­ger Ben Da­vies gelb­ge­sperrt ist, ist der Op­ti­mis­mus groß. „Es ist schreck­lich für die Por­tu­gie­sen. Es gibt uns so­gar noch mehr Mo­ti­va­ti­on. Die Jungs, die rein­kom­men wer­den – da ma­che ich mir kei­ne Sor­gen“, sag­te Ba­le.

Weg­be­rei­ter des Er­fol­ges ist Chris Co­le­man, der das Lob für sei­ne Ar­beit aber wei­ter­gibt: „Die Kom­pli­men­te sind schön, aber man kann der bes­te Trai­ner der Welt sein, wenn die Spie­ler es nicht um­set­zen, hilft das nichts. Ich ha­be ein groß­ar­ti­ges Team.“Dar­an war am 11. Sep­tem­ber 2012 nicht zu den­ken. Co­le­man hat­te auch sein fünf­tes Spiel als Na­tio­nal­trai­ner ver­lo­ren. Das 1:6 ge­gen Ser­bi­en tat rich­tig weh. Er woll­te auf­ge­ben, doch sein As­sis­tent Osi­an Ro­berts über­re­de­te ihn zum Wei­ter­ma­chen.

Co­le­man hat­te den Job von Ga­ry Speed über­nom­men. Seit ih­rem zehn­ten Le­bens­jahr wa­ren sie be­freun­det. Speed führ­te die Dra­gons (Dra­chen)in­ner­halb ei­nes Jah­res von Platz 117 auf Po­si­ti­on 45 der Welt­rang­lis­te. Am 27. No­vem­ber 2011 fand Speeds Frau ih­ren Mann in der Ga­ra­ge. Er hat­te sich er­hängt – 15 Ta­ge nach ei­nem 4:1-Er­folg ge­gen Nor­we­gen. Co­le­man ver­such­te zu­nächst, die Ar­beit sei­nes in­ner­halb der Mann­schaft sehr be­lieb­ten Freun­des ge­nau­so fort­zu­set­zen. Ein Irr­weg.

Die Schlap­pe ge­gen Ser­bi­en ver­än­der­te Co­le­man. Er stell­te al­les auf den Kopf, an­ge­fan­gen von Trai­nings­in­hal­ten über das Es­sen bis zum Ablauf der Rei­sen. „Er hat je­den St­ein um­ge­dreht. Jetzt zahlt es sich aus“, lob­te Ba­le sei­nen Trai­ner, der 270.000 Eu­ro im Jahr ver­dient – 110.000 Eu­ro we­ni­ger als Ba­le in ei­ner Wo­che. „Ich ha­be den bes­ten Job der Welt“, sagt Co­le­man.

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