Spiegel, Ro­sen und die Ewig­keit

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON AR­MIN KAUMANNS

„Die Schnee­kö­ni­gin“ist ei­ne Fa­mi­li­en­oper und ein Aben­teu­er mit Ak­tua­li­tät.

DÜS­SEL­DORF Neh­men wir mal den ers­ten Ak­kord. Das ist ein gru­se­lig dröh­nen­des Ge­schep­per, wie es in (al­ten) Kri­mis an der span­nends­ten Stel­le auf­braust. Wenn die­ser Klang sich als­bald löst in ein fei­ne­res Ge­spinst aus me­lo­di­schen Mo­ti­ven, sit­zen ge­ra­de die ganz jun­gen un­ter den Rhein­oper-Be­su­chern senk­recht auf den Sitz­kis­sen, die Na­cken­här­chen auf­ge­rich­tet. Oder sie sind ver­däch­tig nah an Ma­mas wei­che Sei­te ge­rückt. Ja: Für schwa­che Ner­ven ist „Die Schnee­kö­ni­gin“nichts, auch wenn sie ihr Kom­po­nist und Text­schrei­ber Ma­ri­us Fe­lix Lan­ge „Fa­mi­li­en­oper für Men­schen ab sechs“nennt. Es geht zwar al­les gut aus, aber bis da­hin...

Die Pre­mie­re en­det in Ju­bel. 90 Mi­nu­ten Hoch­span­nung im Wech­sel mit ro­man­ti­schen Musical-Klän­gen, ei­nem Schlaf­lied zum Mit­schnar­chen, vie­len lus­ti­gen Gestal­ten und Sze­nen und ganz viel Thea­ter­zau­ber ha­ben sich in (reich­lich kit­schi­ges) Wohl­ge­fal­len auf­ge­löst. Kay und Ger­da (Dmi­tri Var­gin und Hei­di Eli­sa­beth Mei­er) lie­gen sich knut­schend in den Ar­men, der Deu­bel­troll schleift die nichts­nut­zi­gen Kin­der­trol­le an lan­gen Oh­ren fort, die Groß­mut­ter strickt wie­der Strümp­fe und die Schnee­kö­ni­gin schaut in die Röh­re. Noch ein­mal er­klingt das Ro­sen-Lied und das Lie­bes-Leit­mo­tiv fin­det sei­nen Weg durch die sen­ti­men­ta­len Re­gis­ter des Alt­stadt­herbstor­ches­ters. Wow! So schön, so emo­tio­nal, so groß­ar­tig vol­ler Fan­ta­sie kann Oper sein.

Mar­kus Fe­lix Lan­ge, der „Die Schnee­kö­ni­gin“als Auf­trag des Kin­der­oper-Kon­sor­ti­ums Jun­ge Oper Rhein-Ruhr aus Mo­ti­ven der Mär­chen von Hans Chris­ti­an An­der­sen zu­sam­men­ge­setzt hat, spielt über­le­gen mit den Mit­teln zeit­ge­nös­si­scher Mu­sik. Das ist zwar Stilmix, aber ir­gend­wie ge­konnt. Lan­ge tunkt das jun­ge Lie­bes­paar in wat­te- wei­che Klän­ge, malt die klir­rend­kal­te Welt der Schnee­kö­ni­gin mit Glo­cken­spie­len, höchs­ten Gei­gen und Flö­ten, lässt die vor­züg­li­che Ade­la Za­ha­ria im ewi­gen Eis sin­gen. Die lus­ti­gen, hin­ter­häl­ti­gen Trol­le krie­gen eben­so ih­re ei­gen Klän­ge wie die Blu­men­frau. Ein­mal, als dem Kai der un­glück­se­li­ge Spiegel-Splitter ins Au­ge (und ins Herz) fährt, singt ein klei­ner Chor ganz wun­der­schön vom Er­frie­ren des Glücks.

Hin­rei­ßend sind die Ein­fäl­le der Thea­ter­ma­cher, die ei­ne Räu­ber­höh­le aus dem Bo­den em­por­wach­sen las­sen, mit der Ne­bel­ka­no­ne ge­spens­tisch her­um­wa­bern kön­nen. Un­ter­was­ser­welt, Blu­men­wie­se, Eis­pa­last – al­les kein Pro­blem. Die Ko­s­tü­me sind so ver­schwen­de­risch schön wie cha­rak­te­ri­sie­rend, das Licht ein Zau­ber. Da ha­ben Jo­han­nes Schmid (Re­gie), Tat­ja­na Iv­schi­na (Büh­ne und Ko­s­tüm) und Vol­ker Wein­hardt (Licht) Gro­ßes ge­leis­tet. Die Mu­sik (mit bril­lan­tem Orches­ter und eben­sol­chem Pro­jekt­chor von der Hoch­schu­le) ver­ant­wor­tet Vil­le En­kel­mann, die Sän­ger wer­den von ihm auf Hän­den ge­tra­gen. Un­ter sämt­lich ex­zel­len­ten Sän­gern ste­chen Wolf­gang Schmidt als Krä­he, Lu­kas Ko­niecz­ny als Ren­tier und Da­vid Je­ru­sa­lem als Deu­bel­troll her­vor. Sechs Vor­stel­lun­gen gibt es wie­der – ab No­vem­ber.

FO­TO: HANS JÖRG MI­CHEL

Ade­la Za­ha­ria als „Schnee­kö­ni­gin“.

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