Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Nun wür­de sie sich of­fi­zi­ell über ihn be­schwe­ren, und man wür­de ihn von dem Pro­jekt ab­zie­hen. Oder noch schlim­mer: Par­lez wür­de den Auf­trag ganz ver­lie­ren. Es wür­de sich an al­len Uni­ver­si­tä­ten her­um­spre­chen. Die Fir­ma wür­de auf der schwar­zen Lis­te lan­den. Und er konn­te sei­nen Job ver­ges­sen. Sie mach­te zwar ein er­staun­tes Ge­sicht, sag­te aber nichts. Ja­mes über­leg­te, ob er sich ent­schul­di­gen sol­le, kam aber zu dem Schluss, dass es jetzt nichts mehr brach­te, zu Kreu­ze zu krie­chen.

Im nächs­ten Mo­ment er­griff Anna mit ru­hi­ger Stim­me das Wort. „Ha­ben Sie ge­nug von mir ge­hört?“

„Mehr als ge­nug, dan­ke“, ent­geg­ne­te Ja­mes und knall­te sei­nen Lap­top zu.

Nach An­nas Se­mi­nar am Nach­mit­tag steck­te Patrick den Kopf zur Tür her­ein.

„Wie war es mit dei­ner Ne­me­sis?“, frag­te er. „Hat er sich als schlüpf­ri­ge Mung­boh­ne ent­puppt?“Patrick hat­te sein ei­ge­nes Vo­ka­bu­lar, das nur der ent­schlüs­seln konn­te, der sich oft ge­nug Red Dwarf im Fernsehen an­sah. „Ich ha­be mich ver­drückt, als die Tech­nik lief. Doch nach dem zu ur­tei­len, was ich mit­ge­kriegt ha­be, warst du spit­zen­mä­ßig.“

„Hmmm. Es ist echt ko­misch. Aber ent­we­der tarnt er es sehr gut, oder er er­in­nert sich wirk­lich nicht mehr an mich. Selt­sam, fin­dest du nicht? Und da­bei war er für mich im­mer über­le­bens­groß. Die gro­ßen Leu­te ver­ges­sen eben die klei­nen, auch wenn die klei­nen ei­nen ziem­li­chen Lei­bes­um­fang hat­ten.“

„Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass je­mand dich ver­gisst“, er­wi­der­te Patrick. „Au­ßer­dem gehst du wahr­schein­lich zu hart mit dir ins Ge­richt. Du warst be­stimmt nur . . . kur­ven­reich.“Anna konn­te sich ein Schmun­zeln nicht ver­knei­fen. „O nein, glau­be mir, ich ko­ket­tie­re nicht. Ich war ein rich­ti­ges Fass. Mit ei­ner ge­wal­ti­gen Wu­schel­m­äh­ne wie Slash von Guns N’ Ro­ses und ei­nem Hän­ge­kleid im Zir­kus­zelt­for­mat.“

„Nun, ich bin froh, dass du kei­nen Är­ger mit ihm hat­test.“

„Ein biss­chen Är­ger hat es ge­ge­ben . . . Ich ha­be ei­nen Witz über sei­ne Fir­ma ge­macht, wor­auf er mir ei­nen Rie­sen­vor­trag dar­über ge­hal­ten hat, dass ich sei­nen Job be­scheu­ert fin­de, was bei ihm üb­ri­gens ge­nau­so sei. Das hat mich to­tal über­rascht. Vor al­lem des­halb, weil er im­mer so cool und ab­so­lut un­an­greif­bar tut.“

„Echt?“Patricks Au­gen wei­te­ten sich. Er lehn­te sich an den Tür­rah­men und kratz­te sich am Kinn.

„Ich glau­be, wenn er sich tat­säch­lich nicht an mich er­in­nert, hal­te ich es schon aus, mit ihm zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.“

„Soll ich die Da­tei an dich und an die­sen Par­lez-La­den schi­cken?“

„Ach, schick das Ding nur an die“, er­wi­der­te Anna, plötz­lich ver­le­gen. „Ich brau­che mir selbst nicht beim Rum­la­bern zu­zu­schau­en.“

Ja­mes Fra­ser und sei­ne su­per­tol­len Kol­le­gen wür­den sich be­stimmt dar­über ka­put­tla­chen. Wenn schon!

Patrick nick­te und ver­zog sich. Doch schon we­ni­ge Se­kun­den spä­ter war ein ge­mur­mel­tes Ach, herr­je, wie ge­schmack­los! zu hö­ren. Er klopf­te noch ein­mal an und kam wie­der her­ein.

„Ich fürch­te, da hat sich je­mand ei­nen Scherz er­laubt.“

Anna folg­te Patricks Blick zu dem mit ei­ni­gen durch­ge­stri­che­nen und hin­zu­ge­füg­ten Buch­sta­ben ver­än­der­ten Na­mens­schild.

„Dr. Kna­ckarsch?“, las Anna laut vor.

„Die­se Re­spekt­lo­sig­keit schreit zum Him­mel. Du wirst zum Ob­jekt ge­macht“, em­pör­te sich Patrick. Sei­ne Haut nahm den leich­ten Ro­sa­ton von Su­r­i­mi-Stäb­chen an. „Man­che Leu­te kom­men eben nicht klar mit in­tel­li­gen­ten Frau­en. Wie kön­nen sie es wa­gen . . . ein Ur­teil zu fäl­len . . .“, Patricks Zorn war noch ko­mi­scher als die Straf­tat an sich, „über dei­nen . . . dei­nen . . .“„Die Op­tik mei­nes Hin­terns.“„Ich wer­de mich so­fort um Er­satz küm­mern“, ver­kün­de­te Patrick und ent­fern­te das Schild aus der Hal­te­rung.

„Dan­ke“, sag­te Anna. Sie hat­te in­zwi­schen ge­lernt, dass man Patrick nicht da­rin hin­dern durf­te, den Gent­leman her­aus­zu­keh­ren.

„Ich fürch­te, ich ha­be ei­nen Ver­dacht, wer das ge­we­sen sein könn­te“, fuhr Patrick fort. „Zwei Bea­vi­sund-But­thead-Ty­pen im zwei­ten Jahr, die sich lo­bend über dei­ne Fi­gur ge­äu­ßert und mich ge­fragt ha­ben, ob ich . . .“, Patrick mal­te mit vier zu Ha­sen­oh­ren ge­form­ten Fin­gern An­füh­rungs­zei­chen in die Luft, „da auch drauf ab­fah­ren wür­de. Ich muss doch bit­ten! Was für ei­ne Aus­drucks­wei­se.“

Als Patrick noch stär­ker er­rö­te­te, lief Anna eben­falls rot an.

„Könn­te schlim­mer sein“, sag­te sie. „Die hät­ten auch Dr. Anal­mes­sie draus ma­chen kön­nen.“Ei­ne Pause ent­stand. Patrick zuck­te zu­sam­men. „Ich las­se das aus­wech­seln.“

„Ja, dan­ke“, ant­wor­te­te Anna und kehr­te in ihr Bü­ro zu­rück. Dort setz­te sie sich wie­der an den Schreib­tisch und öff­ne­te ih­re Mails. Hal­lo Anna, dan­ke für Ih­re Hil­fe vor­hin. Freue mich schon dar­auf, mir das Vi­deo an­zu­se­hen. In Sa­chen Ex­po­na­te: Die De­si­gner sind mit dem Gür­tel ein­ver­stan­den. Wä­re es hilf­reich, zu­sam­men mit Ih­nen ei­nen Teil der rest­li­chen Sa­chen im Bri­tish Mu­se­um an­zu­schau­en? Dann kön­nen Sie die aus­su­chen, die Sie am ge­eig­nets­ten fin­den. Vie­le Grü­ße Ja­mes

Ein Frie­dens­an­ge­bot. Anna über­leg­te, ob sie es an­neh­men soll­te. Ih­re Atta­cke war ei­gent­lich als Form der Selbst­ver­tei­di­gung ge­dacht ge­we­sen, in der An­nah­me, dass er zu­erst zu­schla­gen wür­de. Wenn nicht . . .? Hmmmm.

Sie be­schloss, die Waf­fen nie­der­zu­le­gen, so­lan­ge Ja­mes Fra­ser das Mock-Rock-Fi­as­ko nicht er­wähn­te. Sie konn­te kaum glau­ben, dass er sie noch im­mer nicht er­kann­te. Tat er es wo­mög­lich doch und spiel­te nur den Ah­nungs­lo­sen? Denk­bar, aber höchst un­wahr­schein­lich. Ihr war kei­ne Ve­rän­de­rung an sei­nem Ver­hal­ten auf­ge­fal­len, seit sie ihm und Lau­rence zu­fäl­lig auf dem Klas­sen­tref­fen be­geg­net war.

Ver­ges­sen und Ver­ge­ben kam nicht in Fra­ge. Doch da sie sich mo­men­tan nun ein­mal mit sei­ner An­we­sen­heit ab­fin­den muss­te, blieb ihr wohl nichts an­de­res übrig, als die Zäh­ne zu­sam­men­zu­bei­ßen und gu­te Mie­ne zum bö­sen Spiel zu ma­chen. Sie wür­de ihn mit der Gleich­gül­tig­keit be­han­deln, die er ver­dien­te.

Wie­der lan­de­te ei­ne Mail mit ei­nem Pling in ih­rem Postein­gang. BDSM-Neil ließ nicht lo­cker. Wow!

(Fort­set­zung folgt)

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