GESELLSCHAFTSKUNDE

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

War­um Po­pu­lis­ten gern Dreis­tig­keit un­ter­stel­len

Kaum ein Ver­hal­ten macht Men­schen so wü­tend wie Dreis­tig­keit. Das hat wohl da­mit zu tun, dass dreis­te Men­schen un­ein­sich­tig sind. Sie fü­gen an­de­ren Un­recht zu, miss­ach­ten Re­geln oder be­ge­hen Feh­ler, zei­gen aber kein Be­dau­ern. Meist über­spie­len sie ihr Ver­hal­ten durch be­ton­te Läs­sig­keit. Als sei der wü­ten­de Be­trof­fe­ne das ei­gent­li­che Pro­blem. Man kennt das et­wa von Leu­ten, die bei Rot über die Am­pel ge­hen. Wird ge­hupt, schlen­dern sie be­tont lang­sam, lä­cheln – und po­ten­zie­ren den Zorn.

Be­mer­kens­wert ist, dass der Be­griff Dreis­tig­keit ur­sprüng­lich ver­wen­det wur­de, wenn Men­schen nie­de­ren Stan­des „sich er­dreis­te­ten“, ein Ver­hal­ten zu zei­gen, das ih­rer Stel­lung nicht ent­sprach. Da trug das Zim­mer­mäd­chen plötz­lich herr­schaft­li­chen Sonn­tags­putz, oder ein Bur­sche hielt beim Hand­werks­meis­ter um die Hand der Toch­ter an. Das wa­ren Dreis­tig­kei­ten, de­nen et­was Re­bel­li­sches in­ne­wohn­te, Auf­leh­nung ge­gen ein Stan- des­den­ken, das von der Zeit schon bald über­holt wer­den soll­te.

Mit wach­sen­der for­ma­ler Gleich­heit der Bür­ger be­kam die Dreis­tig­keit zu­min­dest an der Ober­flä­che ei­ne ge­mei­ne No­te, et­was vul­gär Trot­zi­ges, Un­ver­bes­ser­li­ches, das an­de­re Leu­te auf­bringt.

Vi­el­leicht macht Dreis­tig­keit aber nur des­we­gen so wü­tend, weil sich im Recht zu wäh­nen auch nur ei­ne Form von Dün­kel ist. Weil der Dreis­te sich ins­ge­samt für über­le­gen und ei­gent­lich für un­an­greif­bar hält.

Es ist da­her be­son­ders bös­ar­tig, wenn an­de­ren Dreis­tig­keit un­ter­stellt wird. Dreis­te Ar­beits­lo­se, dreis­te Flücht­lin­ge, dreis­te Hart­zIV-Emp­fän­ger: Meist sind es Men­schen­grup­pen aus un­te­ren so­zia­len Schich­ten, de­nen un­an­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten vor­ge­wor­fen wird – aus ei­ner Po­si­ti­on der Über­le­gen­heit her­aus. Dann ist auch egal, ob es wirk­lich stimmt, dass „Hart­z­ler“mit dem Ta­xi ein­kau­fen fah­ren. Die selbst­ge­fäl­li­ge Wut der Bes­s­er­ge­stell­ten ist schon al­lein durch die Ver­mu­tung ge­schürt. In Zei­ten, da Po­pu­lis­ten wie­der mehr den Ton be­stim­men, gilt es, bei sol­chen Be­haup­tun­gen wach­sam zu blei­ben. Manch­mal ist auch nur der Vor­wurf dreist. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: kolumne@rhei­ni­sche-post.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.