Der Irak-Krieg holt To­ny Blair ein

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON JOCHEN WITTMANN

Ei­ne Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on hat die bri­ti­sche Rol­le im Feld­zug ge­gen Sad­dam Hus­sein 2003 auf­ge­ar­bei­tet. Das Er­geb­nis ist ver­hee­rend für den da­ma­li­gen Pre­mier.

LON­DON Die Vor­stel­lung des „Chil­cot Re­port“, des Un­ter­su­chungs­be­richts über die bri­ti­sche Be­tei­li­gung am Irak-Krieg, hat im Kö­nig­reich hef­ti­ge Re­ak­tio­nen aus­ge­löst. Vor den Tü­ren des nach Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. be­nann­ten Kon­gress­zen­trums in Lon­don mach­ten De­mons­tran­ten Lärm und hiel­ten Pla­ka­te mit der Auf­schrift „Lüg­ner Blair“in die Hö­he. Ge­la­den hat­te die „Stop the War“-Ko­ali­ti­on, je­ner Ver­bund von Pro­test­grup­pen, der im Fe­bru­ar 2003 die größ­te De­mons­tra­ti­on der bri­ti­schen Ge­schich­te auf die Bei­ne ge­stellt hat­te. Da­mals ging es dar­um, den Krieg ge­gen den Irak zu ver­hin­dern. Das ist nicht ge­lun­gen – jetzt wol­len die Pro­test­ler we­nigs­tens die Po­li­ti­ker zur Ver­ant­wor­tung zie­hen. Ges­tern ver­lang­ten die De­mons­tran­ten auf Spruch­bän­dern, dass der da­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­ter To­ny Blair sich ei­nem Kriegs­ver­bre­cher­pro­zess stel­len sol­le.

Drin­nen im Kon­gress­zen­trum stell­te wäh­rend­des­sen Sir John Chil­cot sei­nen Re­port vor. Die Un­ter­su­chung ist die längs­te und um­fang­reichs­te, die es im Kö­nig­reich je ge­ge­ben hat. Vor sie­ben Jah­ren wur­de Chil­cot vom da­ma­li­gen Pre­mier­mi­nis­ter Gor­don Brown be­auf­tragt. Sei­ne Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on hat mehr als 150 Zeu­gen an­ge­hört, Un­men­gen an of­fi­zi­el­len Do­ku­men­ten ge­sich­tet und ei­nen Be­richt ver­fasst, der 2,6 Mil­lio­nen Wör­ter lang ist und 13 Bän­de füllt. Und der die bri­ti­sche Rol­le im Irak-Krieg in fast je­der Hin­sicht kri­ti­siert.

Im Ein­zel­nen: Die recht­li­che Ba­sis für den Krieg sei „al­les an­de­re als zu­frie­den­stel­lend“ge­we­sen. Die di­plo­ma­ti­schen Op­tio­nen sei­en zu­vor nicht aus­ge­schöpft wor­den. Die In­va­si­on sei da­her nicht „das letz­te Mit­tel“ge­we­sen, wie es die da­ma­li­ge Re­gie­rung ge­gen­über Par­la­ment und Öf­fent­lich­keit be­haup­te­te, zu­dem ha­be im März 2003 der ira­ki­sche Di­ka­tor Sad­dam Hus­sein kei­ne un­mit­tel­ba­re Ge­fahr dar­ge­stellt. Die ge­heim­dienst­li­chen Er­kennt­nis­se über Sad­dams Waf­fen­la­ger sei­en man­gel­haft ge­we­sen. Die Ge­fahr, die von an­geb­li­chen ira­ki­schen Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen aus­ge­he, sei „mit ei­ner Selbst­si­cher­heit be­haup­tet wor­den, die nicht ge­recht­fer­tigt war“. Die Vor­be­rei­tung auf die In­va­si­on sei zu­dem al­les an­de­re als zu­frie­den­stel­lend ge­we­sen, die Pla­nung für den Irak nach Sad­dam Hus­sein „völ­lig in­ad­äquat“.

Es ist ei­ne Li­ta­nei der Feh­ler und der Ver­säum­nis­se. Und im Zen­trum steht ein Mann: der da­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­ter To­ny Blair. Blair re­agier­te auf den Chil­cot-Re­port mit ei­nem State­ment: „Ich ak­zep­tie­re die Ver­ant­wor­tung für je­den Feh­ler oh­ne Aus­nah­me oder Ent­schul­di­gung. Zugleich sa­ge ich, dass ich den­noch glau­be, dass es bes­ser war, Sad­dam Hus­sein zu ent­fer­nen, und dass ich nicht glau­be, dass dies der Grund für den Ter­ro­ris­mus ist, den wir heute im Na­hen Os­ten oder sonst­wo se­hen.“Er füg­te noch hin­zu: „Die­ser Be­richt soll­te Vor­wür­fe der Bös­wil­lig­keit, Lü­gen oder Täu­schung end­gül­tig aus­räu­men.“

Da könn­te er sich ir­ren. Chil­cot ver­öf­fent­lich­te 29 Brie­fe und Me-

FO­TO: AFP

To­ny Blair, da­mals bri­ti­scher Re­gie­rungs­chef, kurz vor Weih­nach­ten 2005 auf Trup­pen­be­such in der süd­ira­ki­schen Stadt Bas­ra.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.