Ce­ta-Ab­kom­men ist an­ders als TTIP

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MAR­KUS GRABITZ

Vie­le TTIP-Streit­punk­te tau­chen im Frei­han­dels­ab­kom­men zwi­schen der EU und Ka­na­da nicht mehr auf. Bei Le­bens­mit­teln gilt das Ab­kom­men als un­pro­ble­ma­tisch, da­zu gibt es Schutz für vie­le Pro­duk­te auf dem ka­na­di­schen Markt.

BRÜS­SEL Die EU-Kom­mis­si­on ist ganz be­son­ders stolz auf Ce­ta. Die Ab­kür­zung steht für Com­pre­hen­si­ve Eco­no­mic and Tra­de Agree­ment (deutsch: um­fas­sen­des Wirt­schafts­und Han­dels­ab­kom­men). Ein hoch­ran­gi­ger Un­ter­händ­ler lobt es in den höchs­ten Tö­nen: Es sei das um­fas­sends­te, ehr­gei­zigs­te und weit­rei­chends­te Frei­han­dels­ab­kom­men, das es je ge­ge­ben ha­be. Ihm sei bis­lang von den Mit­glieds­staa­ten kei­ne Kri­tik zu Oh­ren ge­kom­men. Aber ver­mut­lich ha­ben es auch noch nicht al­le ge­le­sen.

Si­cher ist, dass Ce­ta das ers­te Ab­kom­men über den Frei­han­del ist, das die EU-Kom­mis­si­on mit ei­ner wirt­schaft­li­chen Groß­macht aus­ver­han­delt hat. Ka­na­da ist der zwölft­wich­tigs­te Han­dels­part­ner der EU, die der zweit­wich­tigs­te für Ka­na­da nach den USA. 2014 be­trug das Han­dels­vo­lu­men 60 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die EU ex­por­tiert vor al­lem Ma­schi­nen, Fahr­zeu­ge und Che­mie in das Nach­bar­land der USA und ver­spricht sich von Ce­ta ei­ne 25Pro­zent-Stei­ge­rung bei den Aus­fuh­ren von Gü­tern und Di­enst­leis­tun­gen. Auch In­ves­ti­tio­nen spie­len ei­ne gro­ße Rol­le. 2013 in­ves­tier­ten Fir­men aus der EU in Ka­na­da 225 Mil­li­ar­den Eu­ro, im Ge­gen­zug wan­der­ten 117 Mil­li­ar­den Eu­ro Ka­pi­tal nach Eu­ro­pa.

Wenn Ce­ta in Kraft tritt, fal­len fast al­le Im­port­zöl­le in Ka­na­da weg. Da­mit wer­den EU-Ex­por­teu­re um rund 500 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr ent­las­tet. Fir­men aus der EU kön­nen sich dann an je­der öf­fent­li­chen Aus­schrei­bung in Ka­na­da be­tei­li­gen und auch Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons-, Post- und Fähr­diens­te an­bie­ten. Et­li­che Markt­zu­las­sungs­ver­fah­ren für Pro­duk­te wur­den an­ge­gli­chen, so dass vie­le eu­ro­päi­sche Ex­por­teu­re au­to­ma­tisch ih­re Pro­duk­te in Ka­na­da ver­kau­fen kön­nen.

Im Fall von TTIP wur­de häu­fig die Sor­ge ge­äu­ßert, ein Frei­han­dels­ab- kom­men kön­ne da­zu füh­ren, dass in Eu­ro­pa die Was­ser­ver­sor­gung pri­va­ti­siert wer­den müs­se. Im Fall von Ce­ta gibt die Kom­mis­si­on hier Ent­war­nung: Wie bei al­len an­de­ren Frei­han­dels­ab­kom­men der EU sei der Be­reich der öf­fent­li­chen Da­seins­vor­sor­ge aus­ge­nom­men. Ce­ta zwin­ge kei­ne Re­gie­rung zur De­re­gu- lie­rung oder Pri­va­ti­sie­rung in den Be­rei­chen Trink­was­ser, Ge­sund­heit oder Bil­dung. Auch bei Le­bens­mit­teln gilt Ce­ta als un­pro­ble­ma­tisch: „Das Ab­kom­men wird kei­ner­lei Aus­wir­kun­gen ha­ben auf die Ge­set­ze der EU zu Le­bens­mit­tel­si­cher­heit und Um­welt­schutz.“Der Land­wirt­schaft wer­den da­ge­gen neue Ab- satz­märk­te ver­spro­chen. EU-Agrar­pro­duk­te zeich­ne­ten sich durch ho­he Qua­li­täts­stan­dards aus und wür­den in Ka­na­da auf zah­lungs­kräf­ti­ge Käu­fer tref­fen.

Wäh­rend bei den Ver­hand­lun­gen mit den USA die re­gio­na­len Mar­ken­rech­te von Le­bens­mit­teln ein Streit­the­ma sind, mel­det die EUKom­mis­si­on bei Ce­ta Er­fol­ge. Künf­tig ge­be es Schutz für 143 Le­bens­mit­tel aus eu­ro­päi­scher Her­kunft auf dem ka­na­di­schen Markt. Par­ma- und Schwarz­wald-Schin­ken, Ro­que­fort- und Gou­da-Kä­se dür­fen nicht mehr von ka­na­di­schen Her­stel­lern ko­piert wer­den. Auch der Bal­sa­mi­co-Es­sig aus Mo­de­na un­ter­liegt be­son­de­rem Schutz. Der Im­port von hor­mon­be­las­te­tem Rind­fleisch aus Ka­na­da ist ta­bu.

Schieds­ge­rich­te sind Teil des Ce­ta-Ver­tra­ges. Sie sol­len ein­grei­fen, wenn es Streit zwi­schen aus­län­di­schen In­ves­to­ren und der ka­na­di­schen Re­gie­rung gibt. Die EU-Kom­mis­si­on ver­weist aber dar­auf, dass es da­bei stren­ge Re­geln ge­be. Die na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung kön­ne nicht ein­fach aus­ge­he­belt wer­den. Fäl­le wür­den nur dann zu­ge­las­sen, wenn klar sei, dass ein aus­län­di­scher In­ves­tor durch na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung dis­kri­mi­niert wer­de.

Das Ab­kom­men soll im März vor­läu­fig in Kraft tre­ten. Da­mit das end­gül­tig pas­sie­ren kann, müs­sen das EU-Par­la­ment und sämt­li­che Mit­glieds­staa­ten den Ver­trag ra­ti­fi­zie­ren. Da­für ist in der Re­gel die Zu­stim­mung der na­tio­na­len Par­la­men­te nö­tig, bei fö­de­ra­len Sys­te­men wie dem deut­schen wo­mög­lich auch die Zu­stim­mung der Lan­des­par­la­men­te. Das kann Jah­re dau­ern.

FO­TO: IM­A­GO

In Ber­lin pro­tes­tier­ten zu­letzt Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Gre­en­peace, BUND und an­de­re ge­gen die ge­plan­ten Frei­han­dels­ab­kom­men Ce­ta und TTIP.

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