Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Lie­be An­na, in­ter­es­san­ter­wei­se stufst du mei­ne Fest­stel­lun­gen als über­heb­lich oder ego­is­tisch ein – und da­bei han­del­te es sich um nichts wei­ter als um ein auf­rich­ti­ges Feed­back. Was al­so sagt das über dei­ne Fä­hig­keit aus, auf­rich­tig zu sein und die Auf­rich­tig­keit an­de­rer zu er­tra­gen? Wenn ich mir die Be­mer­kung er­lau­ben darf, hast du dich bei un­se­rer ers­ten Be­geg­nung ziem­lich ein­deu­tig von mir an­ge­zo­gen ge­fühlt. Der Blick­kon­takt und das Her­um­spie­len an dei­nem Haar wa­ren klas­si­sche Zei­chen. Des­halb ha­be ich den Ver­dacht, dass die­se De­bat­te nur dem Zweck dient, mei­ne Lust auf ein zwei­tes Tref­fen zu stei­gern . . . Und ich muss zu­ge­ben, es wirkt :-) Lie­be Grü­ße Neil

An­na drosch auf die Ant­wort-Tas­te wie beim Whac-A-Mo­le. Lie­ber Neil, bin sprach­los. Of­fen­bar ist es heut­zu­ta­ge ge­fähr­lich, in Ge­gen­wart von Män­nern Au­gen und Haa­re zu ha­ben. Ich hät­te bes­ser als kahl­köp­fi­ge Blin­de kom­men sol­len. Was ein zwei­tes Date an­geht, ist mei­ne Ant­wort ein kla­res NEIN, dan­ke. Soll­test du wei­ter dar­auf be­har­ren, dass ich dich nur zap­peln las­sen will, wür­de ich an dei­ner Stel­le schon mal Plä­ne für das Le­ben im Jen­seits ma­chen. Ach, war­um nicht gleich ei­ne Or­gie? La­de mei­net­we­gen Ma­ri­lyn Mon­roe, Ca­li­gu­la und Rod Hull da­zu ein. Viel Glück für die Zu­kunft!

An­na

An­na kam zwei Mi­nu­ten zu früh und warf gera­de zwei Pfund in die Müt­ze ei­nes zahn- und ta­lent­lo­sen Stra­ßen­mu­si­kers, der vor dem UBahn­hof Rus­sell Squa­re saß, als sie be­merk­te, dass Ja­mes eben­falls über­pünkt­lich war.

„Ste­hen Sie auf Xy­lo­phon?“, frag­te er, als sie vor ihm stand.

„Das nennt sich Mit­mensch­lich­keit“, ent­geg­ne­te An­na spitz.

„Ach, ich dach­te, das Stück heißt ,Love Me Do’.“

Erst als sie ihm ei­nen mie­sen Blick zu­warf, wur­de ihr klar, dass er lä­chel­te.

Auf dem kur­zen Weg zum Bri­tish Mu­se­um plau­der­ten sie über das In­ter­view. Wie­der hielt An­na Aus­schau nach An­zei­chen da­für, dass er sie er­kannt hat­te, aber Fehl­an­zei­ge. An­dern­falls war der Mann ein be­gna­de­ter Po­ker­spie­ler.

„Wir müs­sen die­se Hand­schu­he an­zie­hen.“Nach­dem sie sich an­ge­mel­det hat­ten, reich­te An­na Ja­mes ein Paar Baum­woll­hand­schu­he aus ei­ner blau­wei­ßen Schach­tel. „Oder wuss­ten Sie das be­reits, weil Sie schon mal hier wa­ren?“

„Nein, war ich nicht“, er­wi­der­te er und nahm sie.

Selbst in die­ser un­an­ge­neh­men Ge­sell­schaft lös­te es wie im­mer ein auf­ge­reg­tes Krib­beln in ihr aus, im Ma­ga­zin des Bri­tish Mu­se­um zu sein. Es war ihr Lieb­lings­platz auf der gan­zen Welt.

Die Fra­ge mit den Hand­schu­hen hat­te sie nur ge­stellt, um zu er­mit­teln, wel­chen Grad von Be­geis­te­rungs­sturm sie sich er­lau­ben konn­te, wäh­rend sie so tat, als wür­de sie Ja­mes her­um­füh­ren.

„Es ist wie am Schluss von In­dia­na Jo­nes, oder?“, frag­te sie, als sie vor den mo­der­nen Re­gal­sys­te­men stan­den, wo sich iden­ti­sche brau­ne Kar­tons türm­ten. In un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den stan­den halb­ho­he Tritt­lei­tern mit vier Rä­dern.

Es roch nach Pa­pier – der zar­te, leicht muf­fi­ge, ver­hei­ßungs­vol­le Duft sehr al­ter, dem Ein­fluss von Sau­er­stoff aus­ge­setz­ter Din­ge. Kaum zu fas­sen, dass sich die­se stil­le, mit Schät­zen von un­vor­stell­ba­rem Wert ge­füll­te Höh­le mit­ten im pul­sie­ren­den Lon­don be­fand.

„Dann muss man wohl auf­pas­sen, dass der De­ckel der Bun­des­la­de nicht run­ter­kracht. Die Ge­sich­ter der Na­zis sind so­fort zer­fal­len“, er­wi­der­te Ja­mes.

„Wenn man die Au­gen ge­schlos­sen hält, pas­siert ei­nem nichts.“

„Ja, wie das na­tur­wis­sen­schaft­lich funk­tio­niert, ha­be ich nie ver­stan­den.“Er lä­chel­te ver­knif­fen.

Nein, da war wirk­lich nicht der Hauch ei­ner Er­in­ne­rung an ih­re ge­mein­sa­me Schul­zeit. An­na spür­te ei­ne Er­leich­te­rung aus tiefs­ter See­le, wie wenn man um Haa­res­brei­te ei­ner un­an­ge­neh­men Si­tua­ti­on ent­ron­nen war. Vor lau­ter Freu­de wur­de ih­re Hal­tung ihm ge­gen­über ein we­nig ver­söhn­li­cher.

„So, da drü­ben hät­ten wir Theo­do­ra“, ver­kün­de­te An­na und ging durch die Re­gal­rei­hen vor­an.

„Ich füh­le mich, als woll­te ich bei IKEA die Satz­ti­sche im Son­der­an­ge­bot fin­den, die ich mir aus­ge­sucht ha­be“, mein­te Ja­mes.

„Es macht aber mehr Spaß als bei IKEA.“– „Ha, ich ge­hö­re so­wie­so zu der Sor­te Men­schen, de­nen al­les mehr Spaß macht, als die von geld­gei­len Mi­ni­woh­nungs­ver­mie­tern in­spi­rier­ten Mö­bel­land­schaf­ten von IKEA zu durch­wan­dern, aber ja.“– An­na hielt es für bes­ser, ihm zu ver­schwei­gen, wie vie­le IKEA-Mö­bel sie be­saß.

Als sie den Gang rechts er­reich­ten, streif­te An­na die Hand­schu­he über und zog die ers­te von ei­ner Rei­he fla­cher Schub­la­den her­aus. Der In­halt war auf ein Pols­ter aus dunk- lem Stoff ge­bet­tet. – „Das da ist al­les für die Aus­stel­lung vor­ge­se­hen. Ich ha­be freie Wahl. Tun Sie sich kei­nen Zwang an und schau­en Sie nach, ob Ih­nen ein Stück be­son­ders ge­fällt. Dann kann ich Ih­nen et­was dar­über er­zäh­len. Die Band­brei­te ist ein­fach ein Traum.“Ja­mes mus­ter­te die Ex­po­na­te. Es wa­ren zar­te, fi­li­gra­ne Arm­bän­der, mit Edel­stei­nen be­setz­te Rei­fen, Rin­ge und Ka­me­en. An­na ver­such­te, sich zu be­herr­schen, um nicht los­zu­plap­pern wie ein al­ber­nes Grou­pie. Ver­geb­lich.

„Die Schwie­rig­keit bei Theo­do­ra ist die Ent­schei­dung, auf wel­chen Be­reich ih­res Le­bens man den Schwer­punkt le­gen will“, raun­te sie. „Sie hat so vie­le Fa­cet­ten. Na­tür­lich kann man die üb­li­che Ge­schich­te vom Auf­stieg aus der Gos­se er­zäh­len. Doch viel span­nen­der als Geld und Macht ist, wie sie ih­re Po­si­ti­on ge­nützt hat. Sie hat Schutz­häu­ser für Pro­sti­tu­ier­te ein­ge­rich­tet und die Zu­häl­te­rei ver­bo­ten. Au­ßer­dem hat sie sich für Frau­en­rech­te in der Ehe und Ge­set­ze ge­gen Ver­ge­wal­ti­gung en­ga­giert. Dank ih­rer Vor­schrif­ten wur­den die Bor­dell­be­sit­zer aus Kon­stan­ti­no­pel ver­trie­ben. Man könn­te sa­gen, dass sie ei­ne der ers­ten Fe­mi­nis­tin­nen war, über die es Auf­zeich­nun­gen gibt.“

„Und op­tisch hat sie auch was her­ge­macht“, mein­te Ja­mes und blick­te grin­send von ei­ner Bro­sche auf. Wenn er sol­che An­spie­lun­gen ris­kier­te, trau­te er An­na of­fen­bar zu­min­dest den Hauch ei­nes Sinns für Hu­mor zu. Al­ler­dings war er so gna­den­los flap­sig, dach­te sie. Of­fen­bar in­ter­es­sier­ten ihn nur Din­ge, die sich in ei­ne schlag­fer­ti­ge Be­mer­kung um­mün­zen lie­ßen.

(Fort­set­zung folgt)

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