Die Meis­ter der Or­ga­ni­sa­ti­on

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WEITSICHT - VON LESLIE BROOK UND MAR­TI­NA STÖ­CKER

Auf­ge­rie­ben zwi­schen Job und Be­treu­ung, an­ge­wie­sen auf Hartz IV: Wir ha­ben vier Al­lein­er­zie­hen­de nach ih­ren Er­fah­run­gen ge­fragt.

EM­ME­RICH Ewa God­lew­s­ka wür­de ger­ne mehr ar­bei­ten. Doch mehr als die drei St­un­den, in de­nen sie täg­lich in der Kü­che der ka­tho­li­schen in­te­gra­ti­ven Kin­der­ta­ges­stät­te Pol­der­busch in Em­me­rich hilft, sind nicht drin. Für mehr braucht die Ki­ta sie nicht. 530 Eu­ro be­kommt die 32-Jäh­ri­ge je­den Mo­nat – das ge­he aber schon drauf für die Mie­te, Ne­ben­kos­ten und Strom, sagt sie.

„Ich ar­bei­te, aber ich ver­die­ne zu we­nig“, stellt die Al­lein­er­zie­hen­de fest, die seit zwei Jah­ren von ih­rem Mann ge­trennt lebt und kei­nen Un­ter­halt be­kommt. Sie er­hält 190 Eu­ro Kin­der­geld so­wie je 300 Eu­ro Wohn­geld und Hartz IV. „Ich freue mich über die­se Hil­fe“, be­tont die 32-Jäh­ri­ge, die an­fangs al­ler­dings zu stolz war, sie an­zu­neh­men. „Aber trotz­dem ist es manch­mal schwer.“

In Po­len hat­te sie ein Tou­ris­ti­kStu­di­um be­gon­nen, dann ging sie mit ih­rem Mann in die Nie­der­lan­de, ar­bei­te­te dort in der Lo­gis­tik­bran­che. Vor sechs­ein­halb Jah­ren kam das Paar nach Deutsch­land. Ju­lia, heute 5, wur­de in Em­me­rich ge­bo- ren. Nach der El­tern­zeit hat Ewa God­lew­s­ka die Stel­le im Kin­der­gar­ten be­kom­men. Die St­un­den­zahl war für die jun­ge Mut­ter auch in Ord­nung, doch dann zer­brach die Ehe. „Mit dem Fahr­rad, ei­ner Ta­sche und mei­ner Toch­ter bin ich erst ein­mal bei mei­ner Schwes­ter in Em­me­rich un­ter­ge­kom­men“, er­zählt sie. Mit Hil­fe des Job­cen­ters fand sie ei­ne 60-Qua­drat­me­ter-Woh­nung.

Ewa God­lew­s­ka muss gut or­ga­ni­sie­ren und haus­hal­ten, be­son­ders wenn Ju­lia mal wie­der ge­wach­sen ist und neue Schu­he braucht. Ihr ist auch wich­tig, dass das Mäd­chen ei­nen Mu­sik­kur­sus be­sucht – die Ur­kun­de da­für hat das Mäd­chen schon be­kom­men. Im Herbst darf Ju­lia tan­zen ler­nen. All das kos­tet Geld, aber die Mut­ter ver­zich­tet und spart. „So klappt das schon.“

Noch ein Jahr gibt sich Ewa God­lew­s­ka Zeit. Im Sep­tem­ber be­ginnt sie den Zer­ti­fi­kats­kur­sus B2, um ihr Deutsch wei­ter zu ver­bes­sern. Sie ist ehr­gei­zig und lernt je­den Tag. „Ich mag mei­ne Ar­beit sehr, aber ich möch­te doch ger­ne et­was an­de­res ma­chen.“Wenn Ju­lia in die Schu­le kommt, will sie sich ei­nen Aus­bil­dungs­platz oder ei­nen Voll­zeit­job su­chen.

Ni­na Ago­s­ti­nel­li ist auf Woh­nungs­su­che. Nicht erst seit ein paar Wo­chen, son­dern schon seit fast acht Jah­ren. Die 48-Jäh­ri­ge wünscht sich ein Zu­hau­se, in dem ih­re zwei Kin­der und sie ei­ge­ne Schlaf­zim­mer ha­ben. Um dem Sohn (14) und der Toch­ter (7) je ein Kin­der­zim­mer zu er­mög­li­chen, schläft sie auf dem Bo­den im Wohn­zim­mer. „Ich fin­de ein­fach kei­ne Vier­zim­mer­woh­nung. So­bald die Ei­gen­tü­mer oder Mak­ler hö­ren, dass ich al­lein­er­zie­hend bin, wer­de ich nicht mal mehr zu ei­ner Be­sich­ti­gung ein­ge­la­den“, sagt sie. Da­bei könn­te die Vier­sene­rin 900 Eu­ro im Mo­nat er­üb­ri­gen. Die kauf­män­ni­sche An­ge­stell­te hat ei­ne Teil­zeit­stel­le und ei­nen 450-Eu­ro-Job. Ein­mal hat ei­ne Mak­le­rin zu ihr ge­sagt, sie müs­se erst mit den Ei­gen­tü­mern ab­klä­ren, „ob so­was wie sie über­haupt geht“– ei­nen Rück­ruf hat sie nie er­hal­ten.

Auf­grund ih­rer Le­bens­si­tua­ti­on dis­kri­mi­niert zu wer­den, fin­det die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter trau­rig, „denn gera­de wir wis­sen doch, wie man das Le­ben stemmt“, sagt sie. „Ich ha­be im­mer ge­ar­bei­tet, weil ich nicht von Hartz IV ab­hän­gig sein will“– zu Spit­zen­zei­ten hat­te sie vier Jobs gleich­zei­tig. Sie kön­ne spa­ren, den Gür­tel en­ger schnal­len, „wenn ich durch den Su­per­markt ge­he, rech­ne ich im Kopf mit“. Der Ver­zicht für sie selbst fal­le ihr nicht schwer, „aber mei­nen Kin­dern will ich et­was er­mög­li­chen“.

Doch dann gibt es die Er­eig­nis­se, wo sie „ex­trem spürt“, dass nicht so viel Geld da ist, wie in an­de­ren Fa­mi­li­en. Die Kom­mu­ni­on der Toch­ter im nächs­ten Jahr oder ein Strand­ur­laub in Hol­land – für die Sie­ben­jäh­ri­ge wä­re es der ers­te.

FO­TO: MAR­KUS VAN OFFERN

Ewa God­lew­s­ka ar­bei­tet als Kü­chen­hil­fe in ei­ner Kin­der­ta­ges­stät­te in Em­me­rich. Das Be­treu­ungs­pro­blem ist zu­min­dest ge­löst, denn die fünf­jäh­ri­ge Ju­lia be­sucht die­sel­be Ki­ta.

FO­TO: PRI­VAT

Ni­na Ago­s­ti­nel­li sucht ei­ne grö­ße­re Woh­nung

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