Wenn Frei­heit un­ge­müt­lich wird

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN BEWERUNGE

„Dem Bür­ger fliegt vom spit­zen Kopf der Hut./In al­len Lüf­ten hallt es wie Ge­schrei./Dach­de­cker stür­zen ab und ge­hen ent­zwei./Und an den Küs­ten – liest man – steigt die Flut.“

Mit die­sen Ver­sen be­ginnt das Ge­dicht „Wel­ten­de“. Ge­schrie­ben hat es Ja­kob van Hod­dis 1911. Es sind ver­stö­ren­de Zei­len, in de­nen sich die Ver­stö­rung ei­ner Ge­sell­schaft wi­der­spie­gelt. Wie so oft ist es die Kunst, wel­che die Zei­chen der Zeit deu­tet: Van Hod­dis’ Zei­len läu­ten den Ex­pres­sio­nis­mus ein, je­ne Strö­mung, de­ren The­ma der Zer­fall der al­ten Ord­nun­gen ist und die neue, un­er­hör­te, ra­di­ka­le Sicht­wei­sen her­vor­bringt.

1911 ist Deutsch­land in­ner­halb von we­ni­ger als ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert von ei­nem zer­klüf­te­ten Ge­bil­de bie­der­mei­er­li­cher Kle­in­staa­ten zu ei­nem der mo­derns­ten Län­der der Er­de ge­wor­den. Tech­nik und Wis­sen­schaft ha­ben die Welt zu die­sem Zeit­punkt neu er­fun­den. Rie­si­ge Städ­te sind ent­stan­den und mit ih­nen ei­ne neue, pul­sie­ren­de Form des Zu­sam­men­le­bens: die of­fe­ne Ge­sell­schaft. Sie be­deu­tet ei­ne Zä­sur ge­gen­über der Ab­ge­schlos­sen­heit und Über­schau­bar­keit des Alt­her­ge­brach­ten. An die Stel­le ei­nes sta­bi­len Rol­len­ge­fü­ges tritt vor über 100 Jah­ren ein macht­vol­les Stre­ben nach Chan­cen­gleich­heit. In­di­vi­dua­li­tät und Frei­heit ma­chen Wer­ten wie Ru­he, Si­cher­heit und Ord­nung den Rang strei­tig.

Plu­ra­li­tät löst An­fang des 20. Jahr­hun­derts Ein­deu­tig­keit ab, Auf­be­geh­ren Har­mo­nie. Statt auf das Kol­lek­tiv fällt der Blick nun auf den Ein­zel­nen – auch auf die Ver­ein­ze­lung des Men­schen, sei­ne Ein­sam­keit, sei­ne Ent­wur­ze­lung, die dar­aus re­sul­tiert, dass die Welt jetzt nicht mehr irr­tums­frei ist, nicht mehr ho­mo­gen und schon gar nicht mehr vor­her­seh­bar.

Der Über­gang von der ge­schlos­se­nen zur of­fe­nen Ge­sell­schaft war ein Schock, der bis heu­te nach­wirkt. Der ös­ter­rei­chisch-bri­ti­sche Phi­lo­soph Karl Pop­per (1902-1994) hat die­sen tief­grei­fen­den Wan­del, die schmerz­haf­te Ge­burt der Frei­heit, die das ge­sam­te 20. Jahr­hun­dert prägt, nicht nur größ­ten­teils selbst mit­er­lebt. Sei­ne Er­grün­dung war zu­gleich Pop­pers Le­bens­werk.

In dem Buch „Die of­fe­ne Ge­sell­schaft und ih­re Fein­de“von 1945, be­schreibt Pop­per, wie schwie­rig sich die Trans­for­ma­ti­on gestal­tet von der Stam­mes- oder ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaft, die ih­ren Zu­sam­men­halt aus dem Glau­ben an ma­gi­sche Kräf­te be­zieht, zur of­fe­nen mo­der­nen Ge­sell­schafts­ord­nung, die die kri­ti­schen Fä­hig­kei­ten des Men­schen frei­setzt und end­lich dem Raum gibt, was Im­ma­nu­el Kant schon 1784 als Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst ver­schul­de­ten Un­mün­dig­keit be­schrie­ben hat­te: der Auf­klä­rung.

Noch im­mer scheint der Pro­zess nicht ab­ge­schlos­sen. In die­sen Ta­gen sieht man es auf­kei­men, nicht nur in Deutsch­land, son­dern in ganz Eu­ro­pa: ein Ver­lan­gen nach Rück­kehr in die Ab­ge­schlos­sen­heit. Das Ir­ri­tie­ren­de ist, dass man die Sehn­sucht selbst in west­li- chen Län­dern aus­macht, de­ren Ge­sell­schaf­ten nach 1968 so of­fen, so auf­ge­klärt, so frei wie nie­mals zu­vor ge­wor­den wa­ren und die so sehr wie kaum an­de­re Na­tio­nen von die­ser Frei­heit pro­fi­tier­ten – durch den de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat und durch freie Märk­te.

Aus­ge­rech­net in je­nen of­fe­nen Ge­sell­schaf­ten, de­ren Über­le­gen­heit ge- gen­über den ge­schlos­se­nen Sys­te­men von Dik­ta­tu­ren oder den von re­li­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­ten be­herrsch­ten Ge­sell­schaf­ten nicht be­strit­ten wer­den kann, keimt ei­ne Sehn­sucht nach dem Ges­tern auf, und die­se Sehn­sucht ent­springt ei­nem Ge­fühl der Über­for­de­rung, der Angst vor dem Ter­ror, der Ve­r­un­si­che­rung durch die un­ge­lös­te Flücht­lings­fra­ge, ei­nem tie­fen Un­be­ha­gen an­ge­sichts der Rat­lo­sig­keit der Mäch­ti­gen. 105 Jah­re nach Er­schei­nen von „Wel­ten­de“ist die dif­fu­se Angst zu­rück, dass die Flut steigt. Frei­heit kann an­stren­gend sein, sie ist kein Ga­rant da­für, dass es nicht un­ge­müt­lich wer­den kann.

Zum We­sen ge­schlos­se­ner Ge­sell­schaf­ten ge­hört, dass sie ver­su­chen, sich durch die Ver­gan­gen­heit zu le­gi­ti­mie­ren. Und so len­ken Po­pu­lis­ten den Blick zu­rück an­statt nach vorn – zu­rück zu den ver­meint­li­chen Seg­nun­gen von ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaf­ten, de­nen ein für al­le ver­bind­li­cher Heils­plan in­ne­woh­ne, wel­cher durch ei­nen all­ge­mei­nen Volks­wil­len zum Aus­druck kom­me. Will­kom­men zu­rück in der irr­tums­frei­en Zo­ne.

„Der Ver­such, den Him­mel auf Er­den zu ver­wirk­li­chen, pro­du­ziert stets die Höl­le“, wuss­te Phi­lo­soph Karl Pop­per, der stets vor fal­schen Ver­spre­chun­gen warn­te. Wenn Emo­ti­on statt Ver­nunft die Über­hand ge­winnt, Angst vor Ra­tio ran­giert, Wut statt küh­ler Kopf vor­herrscht, kann dies auch nicht ge­lin­gen.

Was bleibt, ist die Er­kennt­nis: Frei­heit hat kei­nen Heils­plan. „Es gibt kei­nen, der für uns das Le­ben ord­net und or­ga­ni­siert“, sagt Her­fried Münk­ler, der Po­li­tik an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät in Ber­lin lehrt. „Und das hat­te wohl Karl Pop­per im Au­ge, als er ge­sagt hat, die of­fe­ne Ge­sell­schaft ist kei­ne Ge­sell­schaft, die ei­ne ver­bind­li­che Wahr­heit für al­le hat. Aber je­der Ein­zel­ne ist auf­ge­ru­fen, sich auf die Su­che nach sei­ner Wahr­heit oder auch nach der Wahr­heit zu ma­chen.“

FO­TO: AKG-IMAGES/LUD­WIG MEIDNER-AR­CHIV/JÜDISCHES MU­SE­UM FRANK­FURT

„Apo­ka­lyp­ti­sche Land­schaft“von Lud­wig Meidner (1913). Das frü­h­ex­pres­sio­nis­ti­sche Werk the­ma­ti­siert die Ver­ein­ze­lung des Men­schen in der sich auf­lö­sen­den Welt.

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