Russ­land: Mer­kel setzt auf Dia­log und Ab­schre­ckung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON EVA QUADBECK

Vor dem Nato-Gip­fel, der heu­te in War­schau be­ginnt, ist das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ver­tei­di­gungs­bünd­nis und Russ­land auf ei­nem Tief­punkt.

BER­LIN Der Nato-Gip­fel in War­schau droht zu ei­ner wei­te­ren Ver­tie­fung der Grä­ben zwi­schen dem Ver­tei­di­gungs­bünd­nis und Russ­land zu füh­ren. Die­se Sor­ge sprach Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in ih­rer Re­gie­rungs­er­klä­rung ges­tern im Bun­des­tag gleich an drei Stel­len an. Dau­er­haf­te Si­cher­heit in Eu­ro­pa sei „nur mit, nicht ge­gen Russ­land“mög­lich. Sie ver­wies auch auf ei­ne Ein­la­dung der Nato an die Rus­sen, sich vor dem Gip­fel im Nato-Russ­land-Rat zu ver­stän­di­gen. „Es wä­re gut ge­we­sen, wenn Russ­land ei­ne wei­te­re Sit­zung an­ge­nom­men hät­te, um Miss­ver­ständ­nis­se durch Ent­schei­dun­gen der Al­li­anz zu ver­mei­den“, sag­te die Kanz­le­rin.

Ei­nes die­ser mög­li­chen Miss­ver­ständ­nis­se sprach sie kurz da­nach an: Die Nato ar­bei­tet wei­ter an ei­nem Ra­ke­ten­ab­wehr­schirm ge­gen den Iran. In bes­se­ren Zei­ten ha­ben die Rus­sen dar­an mit­ge­wirkt. Aber nun ste­hen die Zei­chen auf Kon­fron­ta­ti­on. Die Rus­sen se­hen die Sta­tio­nie­rung als Be­dro­hung. Mer­kel ver­si­cher­te, die Ra­ke­ten­ab­wehr sei „rein de­fen­siv“und nicht ge­gen Russ­land aus­ge­rich­tet.

In ih­rer Re­gie­rungs­er­klä­rung ver­such­te sie – wie so oft – zwei Scha­len ei­ner Waa­ge zu be­fül­len. Auf der ei­nen Sei­te liegt das Dia­log-An­ge­bot an Russ­land, auf der an­de­ren die Ab­schre­ckung vor wei­te­ren ter­ri­to­ria­len Über­grif­fen. Der Be­griff der Ab­schre­ckung war vie­le Jah­re in der Mot­ten­kis­te des Kal­ten Kriegs ver­schwun­den. Nun be­müht ihn die Nato wie­der be­wusst.

Zur Ab­schre­ckung will die Al­li­anz in War­schau den Ein­satz wei­te­rer 4000 Sol­da­ten an ih­rer Ost­gren­ze auf den Weg brin­gen. In den drei bal­ti­schen Län­dern und Po­len sol­len je- weils 1000 Sol­da­ten aus ver­schie­de­nen Na­tio­nen ein­ge­setzt wer­den. Der Ein­satz ver­schie­de­ner Na­tio­na­li­tä­ten in ei­nem Ba­tail­lon ist dem Prin­zip ge­schul­det, dass die Nato ei­nen An­griff auf ei­nes ih­rer Mit­glie­der als ei­nen An­griff auf al­le wer­tet.

In Li­tau­en wird die Bun­des­wehr das Kom­man­do über­neh­men, in Est­land Groß­bri­tan­ni­en, in Lett­land Ka­na­da und in Po­len die USA. Die fle­xi­ble Sta­tio­nie­rung der Sol­da­ten ist aus Sicht der Nato ei­ne Re­ak­ti­on auf die Be­set­zung der Krim durch den Be­fehl des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin. Das rus­si­sche Vor­ge­hen ha­be die Nato-Mit­glie­der im Os­ten „zu­tiefst ver­stört“, be-

An­ge­la Mer­kel grün­de­te Mer­kel in ih­rer Re­gie­rungs­er­klä­rung. Sie be­dürf­ten da­her der ein­deu­ti­gen Rück­ver­si­che­rung durch die Al­li­anz.

So fährt die Nato ei­ne dop­pel­te Stra­te­gie: Sie lädt Russ­land zum Dia­log ein, öff­net aber zu­gleich die Tür, dass wei­te­re Staa­ten im Bünd­nis der 28 Mit­glied wer­den kön­nen. Als hei­ßer An­wärter­kan­di­dat wird in War­schau Mon­te­ne­gro als Be­ob­ach­ter­staat zu Gast sein. Russ­land hat­te sich ge­gen die Auf­nah­me ge­stemmt.

Auch die Ukrai­ne und Ge­or­gi­en gel­ten als Bei­tritts­kan­di­da­ten. Al­ler­dings soll ihr Bei­tritt „auf ab­seh­ba­re Zeit“nicht wei­ter ver­folgt wer­den, hieß es ges­tern aus Re­gie­rungs­krei­sen un­ter Ver­weis auf die Kon­flik­te, in de­nen die Län­der ste­cken. Der Bei­tritt ei­nes wei­te­ren Kan­di­da­ten sol­le zur Sta­bi­li­tät bei­tra­gen. Das wä­re bei der Ukrai­ne und Ge­or­gi­en nicht der Fall.

Der zwei­te gro­ße Kon­flikt­herd, der die Nato bei ih­rem Gip­fel be­schäf­ti­gen wird, liegt in Sy­ri­en und im Irak. Die Kanz­le­rin kün­dig­te an, dass die Nato sich beim Trai­ning und der Aus­bil­dung ein­hei­mi­scher Kräf­te im Irak en­ga­gie­ren wer­de. Die Nato will künf­tig auch ei­ner oft ge­stell­ten Bit­te der Ame­ri­ka­ner nach­kom­men und die Ko­ali­ti­on ge­gen die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat un­ter­stüt­zen. Be­schlos­sen wer­den soll der Ein­satz von AwacsAuf­klä­rungs-Flug­zeu­gen. Zu­dem ist ein Ein­satz der Nato im Mit­tel­meer ge­plant, der die eu­ro­päi­schen Ein­sät­ze flan­kie­ren soll.

Am Ran­de des Gip­fels wird auch Af­gha­nis­tan ei­ne Rol­le spie­len. In die­ser Wo­che hat­te US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma an­ge­kün­digt, dass die Ame­ri­ka­ner mit 8400 Sol­da­ten in Af­gha­nis­tan blei­ben wer­den. Da­mit kommt er vor al­lem den Deut­schen ent­ge­gen, die auf ei­ne Ver­län­ge­rung der Prä­senz ge­drun­gen hat­ten. Kanz­le­rin Mer­kel dank­te ges­tern im Bun­des­tag den Ame­ri­ka­nern fast über­schwäng­lich. Wenn man be­denkt, dass Dank die schärfs­te Form der Bit­te ist, dann wa­ren die Wor­te Mer­kels auch ei­ne Auf­for­de­rung an die Ame­ri­ka­ner, sich nicht aus der in­ter­na­tio­na­len Ver­ant­wor­tung zu­rück­zu­zie­hen.

Als Ge­gen­leis­tung darf man wer­ten, dass Deutsch­land sei­nen Ver­tei­di­gungs­etat er­höht, wie Mer­kel auch im Bun­des­tag be­ton­te. In­ner­halb der Nato gibt es die Vor­ga­be, dass die Mit­glieds­län­der zwei Pro­zent ih­res Brut­to­in­lands­pro­dukts in die Ver­tei­di­gung in­ves­tie­ren sol­len. Deutsch­land ist da­von mit 1,1 Pro­zent weit ent­fernt. Mer­kel er­klär­te nun, mit der Er­hö­hung sei ei­ne Trend­wen­de ge­schafft.

„Dau­er­haf­te Si­cher­heit kann es nur mit, nicht ge­gen Russ­land ge­ben“

Bun­des­kanz­le­rin

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