513 Häft­lin­ge müs­sen um­zie­hen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

Weil Ge­bäu­de­tei­le der JVA Müns­ter ein­zu­stür­zen dro­hen, müs­sen bis heu­te Nach­mit­tag 513 Häft­lin­ge ver­legt wer­den. Vie­le kom­men nach Kre­feld und Mön­chen­glad­bach. Doch dort fehlt es an Per­so­nal. Der Jus­tiz­mi­nis­ter steht in der Kri­tik.

MÜNS­TER Es ist 10.32 Uhr, als sich ges­tern Mor­gen die Pfor­te der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Müns­ter öff­net und der ers­te Bus mit Häft­lin­gen an Bord vom Ge­län­de rollt. Bis heu­te Nach­mit­tag 14 Uhr wer­den min­des­ten 20 sol­cher Bus­fahr­ten ge­folgt sein. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men müs­sen bis da­hin al­le 513 Ge­fan­ge­nen das ein­sturz­ge­fähr­de­te Ge­bäu­de ver­las­sen ha­ben. Die In­sas­sen wer­den in an­de­re Ge­fäng­nis­se im Land ver­legt – ein lo­gis­ti­scher Kraft­akt. „Das muss ge­hen – und das wird ge­hen“, be­tont Müns­ters JVA-Lei­ter Cars­ten Heim. Nur 34 Häft­lin­ge kön­nen wohl vor­erst in der JVA blei­ben, weil ih­re Zel­len in ei­nem si­che­ren Ge­bäu­de­teil lie­gen.

So­wohl Ge­fäng­nis­lei­tung als auch Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um wa­ren am frü­hen Mitt­woch­nach­mit­tag von der Nach­richt über­rascht wor­den, dass die JVA Müns­ter bin­nen 48 St­un­den aus Si­cher­heits­grün­den ge­räumt wer­den müs­se. Der Bau- und Lie­gen­schafts­be­trieb (BLB), dem das Ge­bäu­de ge­hört, hat­te das Miet­ver­hält­nis mit dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um frist­los ge­kün­digt. Ein ak­tu­el­les Gut­ach­ten ha­be ei­ne ho­he Wahr­schein­lich­keit für ein spon­ta­nes Ver­sa­gen der Sta­tik er­ge­ben, er­klär­te ein BLB-Spre­cher.

Der Ex­per­ti­se zu­fol­ge wur­den bei Un­ter­su­chun­gen mas­si­ve Ris­se in den al­ten Ge­wölb­e­de­cken fest­ge­stellt, die bei ei­nem schwe­ren Un­wet­ter oder durch Vi­bra­tio­nen von vor­bei­fah­ren­den Schwer­trans­por­tern zu ei­nem Ein­sturz des Ge­bäu­des füh­ren könn­ten. Die­se Ein­schät­zung soll bei Be­tei­lig­ten im Mi­nis­te­ri­um für Ir­ri­ta­tio­nen ge­sorgt ha­ben. „Dass der BLB ein ei­ge­nes Gut­ach­ten ein­ge­holt hat, wuss­ten vie­le nicht. Auch Jus­tiz­mi­nis­ter Tho­mas Kut­scha­ty wur­de of­fen­bar kalt er­wischt“, hieß es aus gut in­for­mier­ten Krei­sen. Denn Kut­scha­tys Mi­nis­te­ri­um lässt sei­ner­seits das Ge­bäu­de we­gen Bau­fäl­lig­keit seit Mo­na­ten mit De­cken-De­tek­to­ren über­wa­chen, die je­de Be­we­gung im Mau­er­werk mes­sen und auf­zeich­nen. Im Not­fall schla­gen die­se Mes­ge­rä­te so­fort Alarm. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen und Wo­chen ha­be dies­be­züg­lich aber kein Hand­lungs- be­darf be­stan­den. Und auch aku­te Ein­sturz­ge­fahr ha­be den Mes­s­er­geb­nis­sen zu­fol­ge nicht be­stan­den. „War­um der BLB jetzt so plötz­lich zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis kommt, ist zu­min­dest frag­wür­dig“, hieß es.

Da­bei hat­te un­se­re Zei­tung be­reits im April ex­klu­siv be­rich­tet, dass die JVA Müns­ter mas­siv ein­sturz­ge­fähr­det sei. Die CDU im Düs­sel­dor­fer Land­tag hat­te das The­ma dar­auf­hin auf die Ta­ges­ord­nung des Rechts­aus­schus­ses ge­setzt – doch Kut­scha­ty spiel­te den Sach­ver­halt da­mals her­un­ter. „Den Mi- nis­ter holt nun sei­ne Ta­ten­lo­sig­keit ein“, kri­ti­sier­te der rechts­po­li­ti­sche Spre­cher der CDU-Land­tags­frak­ti­on, Jens Ka­mieth. Die kurz­fris­ti­ge Räu­mung ei­ner Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt we­gen aku­ter bau­li­cher Män­gel dürf­te ein in der Jus­tiz­ge­schich­te des Lan­des ein­ma­li­ger Vor­gang sein, be­ton­te Ka­mieth.

Ein Groß­teil der Ge­fan­ge­nen aus Müns­ter wird in die Haft­an­stal­ten in Mön­chen­glad­bach (123), Coes­feld (44) und Kre­feld (52) ver­legt. Da­bei hat­te das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um die­se erst im ver­gan­ge­nen Jahr ge­schlos­sen. Aus Man­gel an Haft­plät­zen wur­den die Ge­fäng­nis­se im Früh­jahr aber wie­der in Be­trieb ge­nom­men – aber nur im Stand-by­Mo­dus und mit deut­lich we­ni­ger Per­so­nal. „Die­se müs­sen jetzt hoch­ge­fah­ren wer­den. Es feh­len dort Kräf­te, um die neu­en Ge­fan­ge­nen zu be­auf­sich­ti­gen“, sagt Pe­ter Brock, Lan­des­vor­sit­zen­der des Bun­des der Straf­voll­zugs­be­diens­te­ten (BSBD). „Das führt da­zu, dass Be­diens­te­te aus Müns­ter nun wohl täg­lich den lan­gen Weg ins Rhein­land fah­ren müs­sen, was ein un­halt­ba­rer Zu­stand ist“, so Brock wei­ter.

Plä­ne für ei­nen Neu­bau der JVA Müns­ter gibt es seit Jah­ren. Nur konn­te das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um bis­lang noch kei­nen pas­sen­den Stand­ort fin­den, ge­gen den es kei­ne Ein­wän­de gab. Ent­we­der wa­ren es An­woh­ner, die pro­tes­tier­ten, oder Na­tur­schüt­zer, die dem Vor­ha­ben ein En­de setz­ten. Kut­scha­ty woll­te ei­gent­lich im Früh­jahr ei­ne Lö­sung prä­sen­tie­ren – tat es aber nicht. Doch selbst wenn bald ein Stand­ort ge­fun­den wer­den soll­te, wer­den noch vie­le Jah­re ver­ge­hen, bis ei­ne neue JVA steht.

FO­TO: DPA

In Bus­sen wer­den die Häft­lin­ge aus der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Müns­ter in an­de­re Ge­fäng­nis­se ge­bracht.

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