Mei­ne Zeit in der JVA Müns­ter

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON CHRIS­TI­NA RENTMEISTER

Das denk­mal­ge­schütz­te Ge­fäng­nis wirk­te auf un­se­re Au­to­rin bei ih­ren Be­su­chen im­mer wie ei­ne Fe­s­tung.

MÜNS­TER Beim ers­ten Be­tre­ten nimmt es ei­nem den Atem, wenn sich die schwe­re Tür schließt. Ein Ge­fühl zwi­schen Ehr­furcht und Stau­nen über­kommt mich auch nach Jah­ren noch, wenn ich mich an die St­un­den er­in­ne­re, die ich in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Müns­ter ver­bracht ha­be. Im­po­sant wirk­te sie mit Zin­nen und Türm­chen, die mit grau-blau­en, teils ver­ros­te­ten Git­tern ver­rie­gel­ten Fens­ter er­in­ner­ten an Schieß­schar­ten al­ter Bur­gen.

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums war ich öf­ter in Nord­rhein-West­fa­lens äl­tes­ter Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt, die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts er­baut wor­den war. Mit an­de­ren Mit­glie­dern der Hoch­schul­ge­mein­de ha­be ich bis 2012 eh­ren­amt­lich Häft­lin­ge be­treut. Je­de Wo­che sind ei­ni­ge von uns zum wei­ßen Tor an der Front­sei­te des Ge­fäng­nis­ses ge­gan­gen. Klin­geln, an­mel­den, Kon­trol­le der Ein­gangs­be­rech­ti­gung, dann wa­ren wir drin. Al­le Eh­ren­amt­li­chen, die sich in der Frei­zeit­grup­pe en­ga­gier­ten, muss­ten zu­vor Fra­gen zu ih­rer Per­son be­ant­wor­ten: Ich wur­de ge­fragt, ob ich Dro­gen neh­me, Kon­takt zu Ter­ro­ris­ten ha­be oder öf­ter nach Is­ra­el oder Pa­läs­ti­na rei­se. JVABe­diens­te­te un­ter­rich­te­ten uns über die Si­cher­heits­re­geln: Wir dür­fen nichts mit­brin­gen, wir sol­len kei­nen Brief­kon­takt auf­neh­men und auch un­se­re Nach­na­men nicht sa­gen – al­les, was den In­sas­sen Hin­wei­se auf un­se­re Per­son ge­ben könn­te, soll­ten wir un­ter­las­sen.

Ta­schen, Ja­cken, Han­dys wer­den in ei­nem Spind ver­schlos­sen, dann geht es bei den Be­su­chen über den Hof wei­ter in das Haupt­ge­bäu­de. Das denk­mal­ge­schütz­te Ge­fäng­nis ist stern­för­mig an­ge­legt, der Ge­fan­ge­nen­trakt liegt im Zen­trum. Die ho­he, kalk­wei­ße Kup­pel lässt den Raum rie­sig er­schei­nen. Sie ist mit blau­en Recht­ecken be­malt, wirkt da­durch fast ori­en­ta­lisch. Hier und da ist et­was Putz ab­ge­brö­ckelt. Be­wusst ha­ben die Ar­chi­tek­ten das Ge­fäng­nis mit ei­nem Pa­n­op­ti­kum ge­baut. So ha­ben die Wär­ter ei­nen Über­blick über al­le vier Trak­te und die drei Eta­gen. Wen­del­trep­pen füh­ren von Eta­ge zu Eta­ge. Die Gän­ge wir­ken auf uns Kurz­zeit­gäs­te ver­wor­ren. Aber das Ge­bäu­de ist auch be­ein­dru­ckend, wenn man als Be­su­cher kommt. Die In­sas­sen ent­wi­ckeln wohl we­ni­ger Sinn für die Ar­chi­tek­tur.

Ei­ne Durch­sa­ge: Die Häft­lin­ge sol­len sich ver­sam­meln. Nach und nach kom­men die Teil­neh­mer, die meis­ten sind nicht äl­ter als 35 Jah­re, in un­se­ren Raum. Dann las­sen uns die JVA-Be­am­ten mit den zehn Män­nern al­lei­ne. Die Tür geht zu, und nur der Blick durch das ver­git­ter­te Fens­ter auf den Bas­ket­ball­platz er­in­nert in dem Raum dar­an, dass wir in ei­nem Knast sind. Nur aus­ge­such­te Häft­lin­ge, von de­nen nach Ein­schät­zung der Psy­cho­lo­gen kei­ne Ge­fahr aus­geht, dür­fen in die von uns an­ge­bo­te­ne Frei­zeit­grup­pe kom­men. Wir quat­schen, spie­len Kar­ten, trin­ken Kaf­fee. Wer zu uns kommt, wis­sen wir nicht. Wir wis­sen nicht, wes­halb die Män­ner hier sind – viel­leicht ist das auch ganz gut so. Für den Not­fall gibt es ei­ne Klin­gel.

90 Mi­nu­ten spä­ter geht die Tür wie­der auf, die preu­ßi­sche JVA liegt wie­der vor uns. Al­les er­scheint ein we­nig ver­gilbt. Wie ein al­tes Fo­to, das in der Son­ne lag. Häft­lin­ge kom­men vom Sport zu­rück, kreu­zen un­se­ren Weg. Jetzt fühlt es sich vor der Tür am Trakt-En­de doch be­engt an. Denn auch von in­nen wirkt die JVA wie ei­ne Fe­s­tung. Ei­ne Fe­s­tung, die brö­ckelt – vier Jah­re nach mei­nem letz­ten Be­such – und ge­räumt wird.

FO­TO: PRI­VAT

Chris­ti­na Rentmeister ist Mit­ar­bei­te­rin bei RP On­line.

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