Ab nach Hau­se

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

Deutsch­land un­ter­liegt Gast­ge­ber Frank­reich im Halb­fi­na­le 0:2. Ka­pi­tän Bas­ti­an Schwein­stei­ger ver­ur­sacht ei­nen Hand­elf­me­ter.

MAR­SEIL­LE 67.000 Men­schen kön­nen ei­nen ganz schö­nen Lärm ma­chen. Das wur­de ges­tern im Halb­fi­na­le der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land in Mar­seil­le mal wie­der be­wie­sen. Auf den Rän­gen wur­de ei­ne stim­mungs­vol­le Par­ty ge­fei­ert. Die Gast­ge­ber hat­ten da­bei mehr An­lass zu fröh­li­cher Aus­ge­las­sen­heit. Sie schal­te­ten den Welt­meis­ter aus und spie­len am Sonn­tag ge­gen Por­tu­gal im Fi­na­le. Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw fand am En­de für sein Team ver­söhn­li­che Wor­te: „Wir sind al­le wahn­sin­nig ent­täuscht, aber letzt­end­lich ha­ben wir ein gu­tes Tur­nier ge­spielt.“

Löw hat­te nicht nur er­war­tungs­ge­mäß Ka­pi­tän Bas­ti­an Schwein­stei­ger in die Start­elf ge­stellt, er setz­te auch erst­mals im Tur­nier Em­re

To­ni Kroos Can vom FC Li­ver­pool ein. Er soll­te mit Schwein­stei­ger und dem im Ver­gleich zu den zu­rück­lie­gen­den Be­geg­nun­gen of­fen­si­ver ori­en­tier­ten To­ni Kroos dem fran­zö­si­schen Mit­tel­feld die Wucht neh­men.

Das ge­lang trotz klei­ne­rer An­lauf­schwie­rig­kei­ten über wei­te Stre­cken ziem­lich gut. Zu­nächst muss­ten sich die Deut­schen erst mal fin­den, und das wä­re nach ei­nem sehr flüs­si­gen Zu­sam­men­spiel der Fran­zo­sen über die rech­te Ab­wehr­sei­te des Welt­meis­ters bei­na­he ins Au­ge ge­gan­gen. Doch Ma­nu­el Neu­er pa­rier­te den Schuss von An­toi­ne Griez­mann. Der An­grei­fer von At­lé­ti­co Ma­drid blieb in der Fol­ge der ein­zi­ge Spie­ler der Gast­ge­ber, von dem so et­was wie Ge­fahr aus­ging – Griez­mann mach­te spä­ter den Un­ter­schied aus.

Die DFB-Aus­wahl mach­te ih­rem Geg­ner im Mit­tel­feld die Räu­me eng, sie kom­bi­nier­te ge­schickt nach vorn und stell­te die Ab­wehr des EMAus­rich­ters vor gro­ße Pro­ble­me. Schwein­stei­ger hat­te vor al­lem im De­fen­siv­spiel sehr gu­te Sze­nen, er spiel­te als ei­ne Art Li­be­ro in der Ab­wehr mit und half da­bei, Oli­vier Gi­roud als Sta­ti­on für die schnel­len An­grif­fe der Fran­zo­sen aus dem Spiel zu neh­men.

Vor der Pau­se ver­buch­ten die Deut­schen ei­ne gan­ze Rei­he von brauch­ba­ren Tor­ge­le­gen­hei­ten, aber Tor­wart Hu­go Llo­ris stand dem Schuss von Can eben­so im Weg wie ei­nem Ver­such von Schwein­stei­ger aus si­cher 25 Me­tern.

Das Tor fiel auf der an­de­ren Sei­te. Wie­der war der deut­sche Ka­pi­tän be­tei­ligt. Es war ein Aus­set­zer Schwein­stei­gers. Im Kopf­ball­du­ell mit Patri­ce Ev­ra nach ei­ner Ecke spiel­te er den Ball klar mit der Hand. Schieds­rich­ter Ni­co­la Riz­zo­li pfiff Elf­me­ter, Griez­mann ver­wan­del­te nach hef­ti­gen Pro­tes­ten der Deut­schen, die den Ein­satz von Ev­ra als Foul ge­wer­tet se­hen woll­ten. Es war die letz­te Ak­ti­on vor der Pau­se und ei­ne per­fek­te Vor­la­ge für Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die auf die An­set­zung ei­nes ita­lie­ni­schen Schieds­rich­ters nach dem Vier­tel­fi­nal­sieg der Deut­schen mit be­red­ter Skep­sis re­agiert hat­ten. Ma­nu­el Neu­er fand nach dem Spiel wohl­wol­lend un­auf­ge­reg­te Wor­te: „Wir ha­ben uns in die­ser Sze­ne nicht cle­ver ge­nug an­ge­stellt.“

Der nahm sei­ne Ent­schei­dung na­tür­lich nicht zu­rück. Aber die viel­zi­tier­te Sta­tik des Spiels än­der­te sich auch durch die fran­zö­si­sche Füh­rung nicht. Löws Mann­schaft hat­te die hö­he­re Ball­be­sitz-Quo­te, die Fran­zo­sen hoff­ten auf schnel­le Kon­ter nach Ball­ver­lus­ten. Sie zo­gen sich sehr weit in die ei­ge­ne Hälf­te zu­rück, manch­mal stand Gi­roud als vor­ders­ter An­griffs­spie­ler nur noch 40 Me­ter vor dem ei­ge­nen Tor.

Das zeug­te vom Re­spekt vor dem deut­schen Spiel­ver­mö­gen, ist aber auch ein Teil der Spiel­an­la­ge im Team von Di­dier De­schamps. Die Deut­schen spiel­ten sehr ge­fäl­lig, sie fan­den auch häu­fig ge­nug den Weg in die Tie­fe, weil Ju­li­an Drax­ler und Tho­mas Mül­ler gut in Be­we­gung wa­ren. Die hun­dert­pro­zen­ti­ge Tor­ge­le­gen­heit spiel­ten sie aber nicht mehr her­aus.

Zu al­lem Über­fluss ver­letz­te sich In­nen­ver­tei­di­ger Je­ro­me Boateng bei ei­nem lan­gen Pass oh­ne geg­ne­ri­sche Ein­wir­kung so schwer, dass er aus­ge­tauscht wer­den muss­te. Für ihn kam Sh­ko­dran Musta­fi auf den Platz, die Deut­schen spiel­ten nach ei­ner St­un­de mit der zwei­ten Ver­tei­di­gung, Mats Hum­mels war schließ­lich ge­sperrt. Da­durch fehl­te Löws Mann­schaft in der ers­ten Pha­se des Spiel­auf­baus die Krea­ti­vi­tät von Boateng und Hum­mels. Kroos ließ sich nun noch häu­fi­ger als An­spiel­sta­ti­on nach hin­ten zu­rück­fal­len, Schwein­stei­ger fühlt sich dort oh­ne­hin wohl.

Mit ge­müt­li­chem Auf­bau und an­sehn­li­chem Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball war es nicht mehr ge­tan. Löw muss­te lang­sam den An­griff be­le­ben. Ma­rio Göt­ze, der WM-Held von 2014, war da­für aus­er­ko­ren. Da­durch wur­de die Ge­fahr grö­ßer, dass die Fran­zo­sen über Paul Pog­ba aus der Mit­tel­feld­zen­tra­le mehr Ent­fal­tungs­raum be­kom­men wür­den. Die Ent­schei­dung war, wie in der Po­li­tik ge­sagt wür­de, al­ter­na­tiv­los.

Der zwei­te Tref­fer der Fran­zo­sen hat­te nichts mit der Um­stel­lung zu tun. In der Ab­wehr gab es nach Ball­ver­lust im Auf­bau ein kol­lek­ti­ves Durch­ein­an­der. Erst ver­tän­del­te Jos­hua Kim­mich den Ball im ei­ge­nen Straf­raum, dann ließ sich Musta­fi von Paul Pog­ba aus­tan­zen und Griez­mann staub­te nach zu kurz ge­ra­te­ner Neu­er-Ab­wehr kühl zum 2:0 ab. Die deut­sche Mann­schaft war ge­schla­gen.

Sie fährt nach ei­ner or­dent­li­chen Vor­stel­lung nach Hau­se.

„Das war un­ser bes­tes Spiel. Ich kann der Mann­schaft kei­nen Vor­wurf ma­chen.“

Mit­tel­feld­spie­ler

FO­TO: IMA­GO

Ein­satz mit Fol­gen: Bas­ti­an Schwein­stei­ger geht im Straf­raum ge­gen Patri­ce Ev­ra mit der Hand zum Ball.

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