Erst CHIO, dann Rio

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON SE­BAS­TI­AN BERG­MANN UND NI­CO­LE SCHARFETTER

Der 21 Jah­re al­te Dres­sur­rei­ter Sön­ke Ro­then­ber­ger hat es in den A-Ka­der der Na­tio­nal­mann­schaft ge­schafft. Sein gro­ßer Traum ist Olym­pia.

AA­CHEN Vor je­dem gro­ßen Wett­kampf macht Sön­ke Ro­then­ber­ger mit sei­nem Hengst Cos­mo noch mal ei­nen Spa­zier­gang über das Prü­fungs­vier­eck. „Da­mit sich Cos­mo dar­an ge­wöhnt“, sagt der 21-Jäh­ri­ge. Dann lau­fen die bei­den ne­ben­ein­an­der her, ha­ben noch mal ein biss­chen Zeit mit- und für­ein­an­der. Der Sat­tel bleibt bei der letz­ten Run­de im Stall. „Das braucht er“, sagt der Dres­sur-Rei­ter. Der neun­jäh­ri­ge Hengst ste­he näm­lich ger­ne im Mit­tel­punkt, „er ist ein Clown und hält al­le auf Tr­ab“, sagt Ro­then­ber­ger. Beim CHIO, dem größ­ten Reit­sport­event Deutsch­lands, das ab heu­te bis zum 17. Ju­li in Aa­chen statt­fin­det, will er sich mit sei­nem Dres­surf­pferd für die Olym­pi­schen Spie­le in Rio qua­li­fi­zie­ren.

Sön­ke Ro­then­ber­ger und Cos­mo sind die Dres­sur-Shoo­ting­stars des Reit­sports. Bei der Deut­schen Meis­ter­schaft im sau­er­län­di­schen Bal­ve An­fang Ju­ni si­cher­ten sie sich Rang vier in der Kür. Mit die­sem Er­geb­nis schaff­ten die bei­den den Sprung in den A-Ka­der der Na­tio­nal­mann­schaft. Und wenn jetzt in Aa­chen al­les gut läuft, dann fah­ren sie mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit auch nach Rio. „In die Top 10 soll­ten wir kom­men. Ei­gent­lich sind die Top 5 drin“, sagt der Dres­sur­rei­ter. „Und die Top 3 wä­ren su­per“, fügt er bei der Pres­se­kon­fe­renz im Aa­che­ner Rat­haus kurz vor Be­ginn des Tur­niers hin­zu.

Ver­lo­ren wirkt der 21-Jäh­ri­ge kei­nes­wegs ne­ben Pro­fis wie Spring­reit­kol­le­ge Chris­ti­an Ahl­mann, der mit ihm auf dem Po­di­um sitzt. Der Rum­mel um sei­ne Per­son ist groß, ein In­ter­view folgt auf das nächs­te. Aber Ro­then­ber­ger be­ant­wor­tet die Fra­gen mit ei­ner Leich­tig­keit und Ge­las­sen­heit, so als wür­de er seit Jah­ren nichts an­de­res ma­chen. Und er liebt das, was er tut. Er muss es lie­ben. Frei­zeit hat er ei­gent­lich kei­ne, und manch­mal ist er selbst über­rascht, dass er al­les ir­gend­wie un­ter ei­nen Hut be­kommt. „Wich­tig ist das Team, das hin­ter mir steht, und sich um die Tie­re küm­mert“, sagt Ro­then­ber­ger. So kann er ne­ben dem Spit­zen­sport noch stu­die­ren, In­ter­na­tio­nal Bu­si­ness Ad­mi­nis­tra­ti­on an der Frank­furt School of Fi­nan­ce and Ma­nage­ment. Ein Se­mes­ter fehlt dem 21-Jäh­ri­gen noch zum Ba­che­lor. „Ich ha­be fle­xi­ble El­tern, die spon­ta­ne Trai­nings­ein­hei­ten ein­schie­ben und sehr ver­ständ­nis­vol­le Freun­de“, sagt er. So­gar sol­che, die über­haupt nichts mit Pfer­den an­fan­gen kön­nen.

In der Fa­mi­lie sieht das al­ler­dings ganz an­ders aus. „Pfer­de ste­hen bei uns im Mit­tel­punkt“, sagt er. Sein Va­ter Sven, ge­bür­ti­ger Deut­scher, und sei­ne Mut­ter Gon­ne­li­en star­te­ten 1996 ge­mein­sam bei den Olym­pi­schen Spie­len in At­lan­ta und hol­ten mit der nie­der­län­di­schen Mann­schaft die Sil­ber­me­dail­le in der Dres­sur. „Für mich war aber im­mer klar, dass ich für Deutsch­land star­ten wer­de“, sagt Ro­then­ber­ger, der so­wohl deutsch als auch nie­der­län­disch spricht.

Die äl­te­re Schwes­ter San­ne­ke (23 Jah­re) ist drei­fa­che U25-Eu­ro­pa­meis­te­rin. „Gut, dass al­le mit­zie­hen. Für ei­nen Au­ßen­sei­ter wä­re es echt lang­wei­lig bei uns“, sagt Ro­then­ber­ger. Selbst sei­ne Schwes­ter Sem­mie­ke (16) ist schon voll ein­ge­spannt und ge­fühlt je­des zwei­te Wo­che­n­en­de auf ei­nem an­de­ren Tur­nier, an ei­nem an­de­ren Ort.

Da fühlt sich Aa­chen schon fast wie nach Hau­se kom­men an für Sön­ke Ro­then­ber­ger. Das ers­te Mal war er dort, als er noch nicht ein­mal ge­bo­ren war. „Mei­ne Mut­ter war schwan­ger und über­gab an mei­nen Va­ter ei­nen Eh­ren­preis“, er­zählt er. Vie­le Jah­re saß er im Pu­bli­kum beim CHIO oder war­te­te im Rei­ter­be­reich auf sei­ne El­tern. 2015 ritt er schließ­lich selbst in die Are­na ein. „Das war ein­ma­lig, wie es von den Zu­schau­er­rän­gen ge­schallt hat.“

Da hat­te Ro­then­ber­ger aber nicht auf Cos­mo ge­ses­sen, son­dern auf Fa­vou­rit. „Er ist ein al­ter Ha­se im Ge­schäft“, sagt Ro­then­ber­ger. Ein Rou­ti­nier, der dem jun­gen Dres­sur­rei­ter Si­cher­heit gibt. Sie ha­ben ei­ne gu­te Be­zie­hung, aber die zwi­schen Cos­mo und ihm sei et­was ganz Be­son­de­res. Ein­zig­ar­tig. Ei­gent­lich war Cos­mo für Sem­mie­ke ge­dacht, als die Fa­mi­lie ihn vor fünf Jah­ren in den Stall hol­te. „Zwi­schen uns hat­te es aber gleich Klick ge­macht, und ich wuss­te vom ers­ten Tag an, dass Cos­mo ein au­ßer­ge­wöhn­lich gu­tes Pferd ist“, sagt Ro­then­ber­ger. „Sein Tem­pe­ra­ment, sei­ne Elas­ti­zi­tät, er ist viel le­ben­di­ger als Fa­vou­rit, und er lernt so schnell.“Auch wenn ihm noch Feh­ler un­ter­lau­fen – „die ma­che ich auch“, sagt der 21-Jäh­ri­ge.

Selbst wenn ihm bis zur Olym­pia­Teil­nah­me nicht mehr viel fehlt, dar­über nach­den­ken will Sön­ke Ro­then­ber­ger noch nicht. „Ich pei­le je­des Tur­nier ein­zeln an, jetzt sind wir erst­mal in Aa­chen. Wir müs­sen ei­ne gu­te Kür zei­gen und ge­sund blei­ben“, sagt er.

Ei­ne Run­de wer­den Ro­then­ber­ger und Cos­mo dann noch mal dre­hen, be­vor sie in die Are­na ein­rei­ten und zu ei­nem Song aus dem Film „Edge of To­mor­row“hof­fent­lich das Ti­cket für Rio lö­sen. Das gro­ße ABC des Reit­sports gibt es im In­ter­net un­ter www.rp-on­line.de/sport

FO­TO: IMA­GO

Sön­ke Ro­then­ber­ger auf Cos­mo

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