Das Ki­no­wun­der aus Deutsch­land

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

„To­ni Erd­mann“war im Früh­jahr die Sen­sa­ti­on beim Fes­ti­val in Can­nes. Nun läuft der Film von Ma­ren Ade end­lich an. Ei­ne Be­geg­nung.

ES­SEN Man wür­de Ma­ren Ade gern mal eben um­ar­men, aus Dank­bar­keit, aber man traut sich nicht, au­ßer­dem ist sie stark er­käl­tet. Die 39-Jäh­ri­ge hat „To­ni Erd­mann“ge­dreht, den hei­ters­ten, zu­gleich trau­rigs­ten und über­haupt tolls­ten deut­schen Film seit lan­ger Zeit. Er wur­de im Wett­be­werb des Fes­ti­vals in Can­nes ge­zeigt, was ja fast nie ei-

Ma­ren Ade wur­de na­he­ge­legt, sich ei­nen Agen­ten in Hol­ly­wood

zu su­chen

ner deut­schen Pro­duk­ti­on ge­lingt, und wer ihn dort ge­se­hen hat, war über­zeugt, dass er ge­win­nen wür­de: „das Ki­no­wun­der aus Deutsch­land“. Es kam an­ders, aber Ade ist des­we­gen nicht gram. Sie sei eh im­mer sehr miss­trau­isch, sagt sie ab­ge­klärt und mit be­schla­ge­ner Stim­me, des­we­gen hat­te sie sich kei­ne gro­ßen Hoff­nun­gen ge­macht.

Ade sitzt im Foy­er des Ho­tel She­ra­ton in Es­sen, sie stellt den Film nun deutsch­land­weit vor, am Don­ners­tag kommt er end­lich ins Ki­no. Sie hat ihn in 55 Län­der ver­kauft, er­zählt sie, was bei ei­nem Au­to­ren­film von 162 Mi­nu­ten Län­ge sen­sa­tio­nell ist. Man ha­be ihr na­he­ge­legt, sich in Hol­ly­wood ei­nen Agen­ten zu su­chen. Aber sie will nicht, „ich ha­be zwei Kin­der“, sagt sie, vier Jah­re und vier Mo­na­te alt. Au­ßer­dem: „Ich brau­che mein Land und mei­ne Spra­che und die Frei­heit, die man hier durch die Film­för­de­rung hat.“

Ade ist 39 Jah­re alt, sie wur­de in Karls­ru­he ge­bo­ren. Die El­tern sind Leh­rer, was die Ar­beit am Ab­schluss­film für die Hoch­schu­le für Fern­se­hen und Film in Mün­chen er­leich­tert ha­ben dürf­te: „Der Wald vor lau­ter Bäu­men“er­zähl­te 2003 von ei­ner jun­gen Leh­re­rin, die al­les rich­tig ma­chen will und der doch nur ei­nes ge­lingt, so rich­tig in je­des Fett­näpf­chen zu tre­ten, näm­lich. Man muss das ge­se­hen ha­ben, man kann manch­mal gar nicht hin­schau­en, so pein­lich ist das, so tra­gisch und wahr­haf­tig.

Das Wahr­haf­ti­ge ist viel­leicht das größ­te Ta­lent von Ma­ren Ade. „Al­le an­de­ren“ist auch von ihr, der Film über ein Ber­li­ner Paar um die 30, das im Ur­laub merkt, dass es gar nicht so cool ist, wie es ge­dacht hat. Da sit­zen Bir­git Mi­nich­mayr und Lars Ei­din­ger dann im Fe­ri­en­haus der El­tern auf Si­zi­li­en und ne­cken und bei­ßen ein­an­der, al­les funk­tio­niert über fei­ne Ges­ten und die Spra­che, al­les ist iro­nisch und tut zu­nächst nur ein biss­chen weh, und nach­her wun­dern sie sich, dass sie blu­ten.

Aus „Al­le an­de­ren“, der die Ber­li­na­le 2009 eu­pho­ri­sier­te, sei „To­ni Erd­mann“her­vor­ge­gan­gen, er­zählt Ade und ver­zieht das Ge­sicht, wie man das macht, wenn die Na­se juckt. Die El­tern sei­en in je­nem Film ja ab­we­send ge­we­sen, aber schon wäh­rend des Drehs ha­be sie be­schlos­sen, sie dem­nächst sicht­bar zu ma­chen, sich mit der Be­zie­hung von er­wach­se­nen Kin­dern zu ih­ren El­tern zu be­schäf­ti­gen. „To­ni Erd­mann“ist al­so ein Be­zie­hungs­film ge­wor­den, es geht um Ines Con­ra­di, die er­folg­rei­che Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin, die gera­de in Bu­ka­rest et­was ab­wi­ckelt, und um Win­fried, ih­ren schus­se­li­gen Va­ter, der mit Hund in der Pro­vinz lebt, Kla­vier­un­ter­richt gibt und Kla­mauk mag.

Ein­mal be­sucht er die Toch­ter, über­ra­schend, und dann steht er ne­ben ei­nem Ge­schäfts­mann, der für Ines gera­de to­tal wich­tig ist, und als sie nicht hin­sieht, sagt er dem Bu­si­ness-Men­schen, dass er Ines’ Va­ter sei. „Sie ist kaum noch zu­hau­se, des­halb ha­be ich mir ei­ne Er­satz- toch­ter be­sorgt. Und nun ist die Fra­ge, wer die be­zahlt.“Dann dreht sich Iris um, und der Ge­schäfts­part­ner sagt, sie müs­se sich mal mehr um den Va­ter küm­mern.

San­dra Hül­ler und Pe­ter Si­mo­ni­schek spie­len die bei­den, und sie ma­chen das groß­ar­tig, sie de­fi­nie­ren ih­re Fi­gu­ren über kleins­te Be­we­gun­gen und über das Spre­chen: „Ich bin ja nur dein Va­ter.“– „Sag mal, wie lan­ge willst du ei­gent­lich blei­ben?“Auf leich­tes­te Art ver­han­delt der Film gro­ße Ge­gen­warts­the­men, die Be­zie­hung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen, die glo­ba­li­sier­te Be­ra­t­er­öko­no­mie, Work-Life-Ba­lan­ce. Die­se Tie­fen­boh­rung ge­rät der­art hei­ter, dass man Ma­ren Ade ei­nes un­be­dingt fra­gen muss: Wie be­kommt man Hu­mor in ei­nen Film? Sie lä­chelt, nickt, hebt die Brau­en, hm, schwie­ri­ge Fra­ge, ja­ja. Al­so: „Je erns­ter ei­ne Sze­ne grun­diert ge­we­sen ist, des­to leich­ter war es, sie lus­tig zu ge­stal­ten.“Was ist ihr Hu­morI­de­al? „Mich amü­sie­ren ab­sur­de all­täg­li­che Si­tua­tio­nen, in de­nen et­was in der Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­rutscht. Hu­mor hat mit Über­ra­schung zu tun. Mit Rhyth­mus und Ti­ming. Wenn je­mand ei­nen Witz ma­chen will, muss er schnell und prä­zi­se sein.“Wen fin­det sie lus­tig? „Ger­hard Polt.“

In „To­ni Erd­mann“denkt sich der Va­ter ei­ne Kunst­fi­gur aus, je­nen ti­tel­ge­ben­den To­ni Erd­mann, der sich bei Ines’ Kol­le­gen als Be­ra­ter vor­stellt und ein fal­sches Ge­biss trägt, das von Lo­ri­ot aus dem Sketch mit dem be­rühm­ten Satz „Mas­ke? Wel­che Mas­ke?“ge­borgt zu sein scheint. Er ist ein Haus­geist, er taucht über­all auf, er ist auch ein Schutz­en­gel, und als die Toch­ter vor Schreck auf­schreit, weil sie ih­ren Klei­der­schrank öff­net, und der Va­ter dar­in steht, sagt er: „Tut mir leid, ich woll­te nur nach dir se­hen.“

„To­ni Erd­mann“ist ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te, ei­ne Lie­bes­ge­schich­te auch, die ver­rück­tes­te und rüh­rends­te, die man sich vor­stel­len kann. Schaut Ma­ren Ade sich bei Kol­le­gen et­was ab, hat sie Haus­hei­li­ge? „John Cas­s­a­ve­tes“, sag­te sie, „manch­mal spü­re ich auch ei­ne Sehn­sucht nach Fass­bin­der.“Sie mö­ge halt Fil­me, bei de­nen ei­ne Fi­gur im Mit­tel­punkt steht, die aus­führ­lich cha­rak­te­ri­siert wird.

Sie hus­tet, sie muss los, und auch San­dra Hül­ler, ih­re Haupt­dar­stel­le­rin steht nun ne­ben ihr in der Lob­by. Viel Er­folg, will man noch sa­gen, aber sie sind schon weg. Die sil­ber­nen Schu­he von San­dra Hül­ler glit­zern sehr schön.

FO­TO: VER­LEIH

Ines Con­ra­di (San­dra Hül­ler) mit ih­rem Va­ter (Pe­ter Si­mo­ni­schek), der sich gern als To­ni Erd­mann ver­klei­det. Klingt ver­wor­ren, ist aber lus­tig.

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