„Men­schen ma­chen mich oft trau­rig“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON DO­RO­THEE KRINGS

Zwei Stü­cke der Au­to­rin sind jetzt beim As­phalt-Fes­ti­val in Düs­sel­dorf zu se­hen.

DÜS­SEL­DORF Si­byl­le Berg, 1962 in Wei­mar ge­bo­ren, ist ei­ne der meist­ge­spiel­ten Dra­ma­ti­ke­rin­nen der Ge­gen­wart und Ko­lum­nen-Au­to­rin bei Spie­gel on­line. Beim As­phalt-Kul­tur­fest in Düs­sel­dorf (8. bis 17. Ju­li) sind zwei Stü­cke von ihr zu se­hen in Ins­ze­nie­run­gen des Ber­li­ner Gor­kiThea­ters. Kar­ten und In­fos zum Fes­ti­val un­ter: www.as­phalt-fes­ti­val.de Sie schaf­fen Frau­en­fi­gu­ren, in de­nen man sich wie­der­ent­deckt, die ei­nem zu­gleich aber furcht­bar leid­tun – muss Auf­klä­rung weh­tun? BERG Oh nein, ich bin un­glaub­lich ge­gen Schmer­zen al­ler Art. Ich glau­be, al­les was weh­tut, wird ab­ge­lehnt oder ver­drängt. Ich ver­su­che sehr, Auf­klä­rung nicht zu be­haup­ten, son­dern re­al ent­ste­hen zu las­sen. Am bes­ten mit Hu­mor. Dann las­sen sich die für ei­ni­ge un­an­ge­neh­men Rea­li­tä­ten bes­ser schlu­cken. Sind Sie froh, als Frau ge­bo­ren wor­den zu sein? BERG Na, da fra­gen Sie was. Ich ha­be die­ses selt­sa­me Frau­sein erst emp­fun­den, als mir die Un­gleich­be­hand­lung mei­nes Ge­schlechts – al­so nicht mei­nes Ge­schlechts­tei­les – klar wur­de. Das stell­te sich bei mir erst in ei­nem Al­ter ein, als ich nicht mehr mit mei­ner Men­sch­wer­dung be­schäf­tigt war. Plötz­lich ent­wi­ckel- te ich ei­nen Tun­nel­blick für Un­ge­rech­tig­kei­ten, für Zu­schrei­bun­gen, für Ver­ach­tung, für die Tren­nung und Un­gleich­be­hand­lung von Men­schen. Dann wur­de mir klar, dass ich mich zwar als Mensch füh­len kann, aber als Frau be­han­delt und da­mit in vie­len Be­rei­chen li­mi­tiert wer­de. Lan­ge Re­de, kur­ze Ant­wort: Ich bin nicht froh dar­über, als Frau ge­bo­ren zu sein, aber froh, in ei­ner west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on le­ben zu dür­fen, die we­nigs­tens ge­währ­leis­tet, dass ich ge­setz­lich ver­an­ker­te Grund­rech­te ha­be. War­um sind Frau­en so an­fäl­lig da­für, sich selbst un­ter Druck zu set­zen? BERG Ich kann nicht für „die Frau­en“spre­chen. Mir ob­lie­gen Ver­mu­tun­gen. In vie­len Be­rei­chen müs­sen Frau­en mehr leis­ten als Män­ner, dür­fen kei­ne Feh­ler ma­chen. Frau­en wer­den ge­sell­schaft­lich här­ter be­ur­teilt. Öf­fent­lich wer­den ih­re Qua­li­tä­ten als Müt­ter, als Sex­ob­jekt, als Be­rufs­tä­ti­ge (even­tu­ell mit Kind? Das ar­me Kind) be­wer­tet. Wenn ei­ne Frau so viel Mist bau­en kann wie ein Mann und da­mit durch­kommt, ha­ben wir Gleich­be­rech­ti­gung. Ha­ben wir viel­leicht im 21. Jahr­hun­dert ge­ne­rell zu ho­he Er­war­tun­gen an das Le­ben? BERG Das kann ich auch wie­der nicht pau­schal be­ant­wor­ten. Ich bin sehr zu­frie­den, und hof­fe, dass es vie­len so geht. Wir le­ben in ei­ner un­ru­hi­gen Zeit, aber im­mer noch weit ent­fernt von Hun­ger, Ver­fol­gung, Krieg und Angst. Sind Sie es manch­mal auch ziem­lich leid, Frau­en-Fra­gen ge­stellt zu be­kom­men? BERG (lacht) Au­ßer ih­nen traut sich das sel­ten je­mand. Sie schrei­ben mit ei­ner Dünn­häu­tig­keit, die dem Le­ser die Au­gen öff­net für die Zu­mu­tun­gen der Ge­gen­wart. Hal­ten Sie ei­ne ge­rech­te­re Welt für mög­lich? BERG Nein. Ich glau­be, Ge­rech­tig­keit ist kei­ne Kern­kom­pe­tenz des Men­schen. Wie lebt es sich mit die­sem la­ten­ten Pes­si­mis­mus und mit der Dünn­häu­tig­keit? BERG Nen­nen wir es Durch­läs­sig­keit. Die ich zum ei­nen brau­che, um Strö­mun­gen wahr­zu­neh­men, um Mit­ge­fühl zu emp­fin­den. Men­schen ma­chen mich oft trau­rig. Was Kri­tik, Hass und Ab­leh­nung mei­ner Ar­beit ge­gen­über an­geht, bin ich sehr un­emp­find­lich. Und viel­leicht auch ein Arsch, denn ich ge­he da­von aus, dass ich meis­tens Recht ha­be. Al­so wie al­le. War­um schrei­ben Sie ei­gent­lich für das Thea­ter? Mit ei­ner ein­zi­gen Ko­lum­ne bei Spie­gel on­line er­rei­chen Sie doch ein­deu­tig ein viel grö­ße­res Pu­bli­kum. BERG Ko­lum­nen sind ein­zig als po­li­ti­scher Aus­druck in­ter­es­sant. Ich wür­de nicht sa­gen, dass ich Künst­le­rin bin, weil das be­scheu­ert klingt, aber mir Wel­ten und Sze­na­ri­en aus­zu­den­ken, ist ei­gent­lich mein Be­ruf. Was stif­tet Sinn in Ih­rem Le­ben? BERG Ar­bei­ten. Se­ri­en schau­en. Wis­sen­schafts-Bü­cher le­sen, am Ver­ste­hen der Welt zu schei­tern. Mich we­nig zu be­we­gen und ge­liebt zu wer­den, oh­ne dass ich mich ver­stel­len muss.

Die Au­to­rin Si­byl­le Berg

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