Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUF­NER

Ein­deu­tig. Die grie­chi­sche Eliz­a­beth Tay­lor“, tat An­na ihm den Ge­fal­len. „Und in­tel­li­gent, tem­pe­ra­ment­voll, mu­tig und noch vie­les an­de­re mehr. Jus­ti­ni­an war auch nicht gera­de häss­lich, wenn man den Ab­bil­dun­gen trau­en kann.“

„Al­ler­dings wa­ren das Zei­ten, in de­nen man we­gen ei­nes un­schmei­chel­haf­ten Por­träts hin­ge­rich­tet wer­den konn­te“, mein­te Ja­mes und blick­te auf. „Stimmt.“„Wenn wir das nur mit den Leu­ten ma­chen könn­ten, die schlech­te Fo­tos von uns auf Face­book pos­ten“, sag­te Ja­mes grin­send. Of­fen­bar wa­ren sie bei­de froh, nicht strei­ten zu müs­sen.

„Aber zu ei­ner ma­kel­lo­sen Hel­din lässt sie sich auch nicht hoch­sti­li­sie­ren. Da­zu ist sie zu wi­der­sprüch­lich. Sie konn­te näm­lich ab­so­lut skru­pel­los sein und ih­re Ri­va­lin­nen oh­ne Gna­de über die Klin­ge sprin­gen las­sen. Da­mals hat­te man wahr­schein­lich kei­ne an­de­re Wahl, weil man sonst Kopf und Kra­gen ris­kier­te. Der Mensch lebt eben in der Ge­gen­wart, oh­ne sich das Hirn dar­über zu zer­mar­tern, wel­chen Ein­druck das bei künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen hin­ter­las­sen könn­te. Man soll­te ei­nen Hol­ly­wood­film über sie dre­hen.“

„Ja. Wahr­schein­lich wür­den sie die Rol­len mit Mi­la Ku­nis und Ash­ton Kut­cher be­set­zen und ei­ne seich­te Come­dy dar­aus ma­chen.“

An­na lach­te. „Ich hof­fe nur, dass die Aus­stel­lung ein Er­folg wird. Ich träu­me da­von, dass ih­re Ge­schich­te vie­le neue Theo­do­ra-Fans in­spi­rie­ren wird.“Sie hielt in­ne. „Ihr spä­te­res Le­ben na­tür­lich, nicht die por­no­gra­phi­schen Tanz­ein­la­gen.“Ja­mes lach­te. „Mo­ment mal. Ich dach­te, Sie wa­ren scho­ckiert, als Par­ker ih­re Ver­gan­gen­heit schmud­de­lig be­zeich­net hat.“

„Nun, Sie wis­sen doch, dass ich mir kein Ur­teil . . .“

„Schon gut. Das wer­te ich als Zei­chen, dass Sie mit un­se­rem Titel ein­ver­stan­den sein wer­den: Theo­do­ra, die Puff­mut­ter.“Jetzt konn­te An­na ein La­chen nicht un­ter­drü­cken. Schon zu Schul­zei­ten war er nie um ei­ne wit­zi­ge Ant­wort ver­le­gen ge­we­sen. Schlag­fer­tig mit ei­nem Hang zu ur­ko­mi­schen Sprü­chen.

„Ich glau­be, wir brau­chen uns we­gen der Aus­stel­lung kei­ne Sor­gen zu ma­chen, si­cher wird sie ein Rie­sen­er­folg“, sag­te er höf­lich. An­na konn­te nicht fest­stel­len, ob das ernst ge­meint war oder ob er sich bei ihr ein­schmei­cheln woll­te.

„Die hier wür­de si­cher toll in un­se­rer App wir­ken“, ver­kün­de­te Ja­mes und dreh­te ei­ne gol­de­ne Cloi­son­né-Email­le­bro­sche in den weiß be­hand­schuh­ten Hän­den hin und her wie ein Zau­be­rer bei ei­nem Münztrick. „Wir könn­ten sie so ver­grö­ßern, dass man die Ein­zel­hei­ten der Ver­zie­rung sieht.“

Als Ja­mes sich dar­über­beug­te, er­tapp­te An­na sich da­bei, dass sie in sein mit­ter­nacht­schwar­zes Haar starr­te. Trotz al­ler An­stren­gung konn­te sie in der fried­li­chen und un­wirk­li­chen At­mo­sphä­re der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen, ihn an­zu­him­meln.

Selbst wenn man nicht auf die­sen Typ stand, ließ sich nicht ver­heh­len, dass er hübsch an­zu­se­hen war, auf ei­ne zeit­lo­se Art. Man­che At­trak­ti­vi­täts­idea­le wa­ren von ei­nem ak­tu­el­len Trend ge­prägt. So fand Mum zum Bei­spiel, dass Ryan Gos­ling aus­sah, „als hät­ten zwei Cou­sins ge­hei­ra­tet, au­ßer­dem er­in­nert er mich an Ni­cho­las Lyndhurst“. Al­ler­dings hät­te ih­re Mut­ter – ja so­gar Oma

als Mau­de, selbst als der grü­ne Star sie schon voll im Griff ge­habt hat­te – zu­ge­ge­ben, dass Ja­mes Fra­ser ein Sah­ne­schnitt­chen war. Sein Ge­sicht ent­sprach den jahr­hun­der­te­al­ten Re­geln und Ma­ßen für Sym­me­trie und Schön­heit. Er hät­te im­mer ge­wirkt, ganz gleich in wel­cher Ära man ihn ab­ge­wor­fen hät­te. Scha­de, dass es gera­de die­se hier hat­te sein müs­sen. Au­ßer­dem wur­den sei­ne Ge­sichts­zü­ge von ei­ner Haut zum Le­ben er­weckt, die so durch­schei­nend schim­mer­te wie Mond­stein . . . Mo­ment mal, was war in sie ge­fah­ren? Wel­cher Teu­fel ritt sie, die­sen Wolf im Schafs­pelz, die­ses Un­ge­heu­er in Män­ner­ge­stalt, auch noch an­zu­schmach­ten? An­na er­in­ner­te sich, wie sie sein Ge­sicht in ih­ren Ta­ge­bü­chern be­schrie­ben hat­te, Sei­te um Sei­te lei­den­schaft­li­cher Er­güs­se dar­über, was sein Äu­ße­res mit ih­rem In­nen­le­ben an­stell­te. Und dann war der Tag ge­kom­men, an dem sie nichts mehr ge­schrie­ben hat­te. Ja, so war es mit Ja­mes ge­we­sen. Vom sieb­ten Him­mel jäh in die fins­ters­ten Ab­grün­de. „Nor­ma­ler­wei­se mag ich kei­nen prot­zi­gen Schmuck, aber ich muss zu­ge­ben, dass der hier wun­der­schön ist. Ich kann gar nicht auf­hö­ren, ihn zu be­wun­dern“, sag­te Ja­mes in auf­rich­ti­gem Ton. Als er ihr sein Film­star­ge­sicht zu­wand­te, wur­de sie von Ver­le­gen­heit durch­fah­ren, dass er ih­re Ge­dan­ken ar­ti­ku­liert zu ha­ben schien. Oder zu­min­dest ei­ni­ge da­von. Ich fürch­te, wir ha­ben die­se Wo­che nur wäh­rend der üb­li­chen Bü­ro­stun­den Zeit für Sie“, ent­geg­ne­te die weib­li­che Stim­me am an­de­ren En­de der Lei­tung in ei­nem Ton­fall, der be­sa­gen soll­te: Mei­net­we­gen kannst du kre­pie­ren, ich bin gera­de mit mei­nen Fin­ger­nä­geln be­schäf­tigt. „Ra­ten Sie mal, wo ich wäh­rend der Bü­ro­stun­den bin“, er­wi­der­te Ja­mes. „Die Ant­wort ist in der Fra­ge ent­hal­ten.“„Tut mir leid, sonst geht es bei uns nicht. Möch­ten Sie den Ter­min am Don­ners­tag?“„Ich glau­be, ich er­kun­di­ge mich lie­ber bei Fox­tons. Vie­len Dank“, gab Ja­mes spitz zu­rück und leg­te auf. Al­ler­dings muss­te er ei­nen ho­hen Preis für sei­nen Stolz be­zah­len: Da­mit die neu­gie­ri­gen Idio­ten im Bü­ro nicht lausch­ten, war er ge­zwun­gen, im Frei­en mit dem Mo­bil­te­le­fon bei den Im­mo­bi­li­en­mak­lern an­zu­ru­fen. Nach ei­ni­gen Ge­sprä­chen hat­te sich sei­ne Hand am Te­le­fon in ei­nen Eis­klum­pen ver­wan­delt, und er muss­te sich wohl oder übel da­mit ab­fin­den, dass nichts Bes­se­res als ein Ter­min am spä­ten Nach­mit­tag her­aus­sprin­gen wür­de. Al­so gab er nach und traf ei­ne Ver­ab­re­dung um ei­ne Uhr­zeit, die er noch zwei Te­le­fo­na­te zu­vor von sich ge­wie­sen hat­te. Hmmm. An­de­rer­seits war es ein will­kom­me­ner Grund, nicht im Bü­ro sein zu müs­sen. Er wür­de be­haup­ten, dass sei­ne Wasch­ma­schi­ne ka­putt war. Schließ­lich woll­te er kei­ne Fra­gen zu sei­nem an­geb­li­chen Um­zug be­ant­wor­ten. Es war ziem­lich schä­big von ihm, Eva Angst ein­zu­ja­gen, da­mit sie zu­rück­kam. Au­ßer­dem muss­te er die gan­ze Zeit ei­ne Fra­ge zu­rück­drän­gen, die in ihm bro­del­te: Und wenn sie nur zu­rück­kommt, um das Haus nicht zu ver­lie­ren, was für ein Sieg wä­re das? Er er­in­ner­te sich dar­an, wie über­ra­schend emo­tio­nal sich da­mals die Su­che nach ei­nem Haus ent­puppt hat­te. Und nun wür­de er an­de­ren Men­schen vor­gau­keln, sei­ne Adres­se könn­te bald die ih­re sein.

(Fort­set­zung folgt)

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