Die töd­li­che Nacht von Dal­las

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON MAR­TIN BIALECKI

Trägt die Schwar­zenbe­we­gung die Schuld an den töd­li­chen Schüs­sen? Die Po­li­zei selbst stellt kei­ner­lei Zu­sam­men­hang her. Sie in­for­miert vor­sich­tig und ab­war­tend. Je­der weiß, was Dal­las für ein Pul­ver­fass ist.

DAL­LAS (dpa) Es war zu be­fürch­ten. Aber dass es pas­sie­ren wür­de, hat doch nie­mand kom­men se­hen. Was in der Nacht zu ges­tern in Dal­las ge­schieht, wird der töd­lichs­te Tag für die Po­li­zei in den USA seit dem 11. Sep­tem­ber 2001. He­cken­schüt­zen er­schie­ßen fünf Po­li­zis­ten und ver­let­zen min­des­tens sechs Men­schen. Sie pos­tier­ten sich ent­lang der Rou­te ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen Po­li­zei­ge­walt. Aus­ge­rech­net.

Bei sol­chen De­mons­tra­tio­nen kommt es ge­le­gent­lich zu Ge­walt, aber die­ses Mal ist die Si­tua­ti­on völ­lig an­ders. US-Me­di­en be­schrei­ben die Tä­ter als pro­fes­sio­nell, tak­tisch trai­niert, „of­fen­sicht­lich Pro­fis“, sagt der Po­li­zei­ex­per­te von CNN. „Das war nicht das, was man sonst von Pro­tes­ten kennt.“

Sie pos­tier­ten sich in ei­nem stra­te­gi­schen Drei­eck an der Stre­cke der De­mons­tra­ti­on, sagt Po­li­zei­chef Da­vid O. Brown. Sie feu­er­ten von er­höh­ten Po­si­tio­nen. Ei­ni­gen Po­li­zis­ten schos­sen sie in den Rü­cken.

Un­ter blan­kem Abend­him­mel wa­ren et­wa 1000 Men­schen in der Süd­staa­ten­me­tro­po­le auf die Stra­ße ge­gan­gen, um ge­gen den Tod zwei­er Schwar­zer zu pro­tes­tie­ren, die bin­nen 48 St­un­den von der Po­li­zei er­schos­sen wor­den wa­ren. Teil­neh­mer wie Po­li­zei sa­gen, es sei völ­lig ru­hig und fried­lich ge­we­sen. Spät am Abend be­ginnt, was US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma spä­ter ver­ab­scheu­ungs­wür­dig nen­nen wird, bös­ar­tig und kal­ku­liert.

Po­li­zei­chef Da­vid O. Brown sagt, die Tä­ter sei­en mit schnell­la­den­den Ge­weh­ren be­waff­net ge­we­sen. Im Fern­se­hen sind Sal­ven zu hö­ren, Au­gen­zeu­gen be­schrei­ben töd­li­che Schüs­se aus al­ler­nächs­ter Nä­he. „Sie ha­ben ei­nen nach dem an­de­ren ab­ge­knallt, ei­nen nach dem an­de­ren“, ruft ein Mann. „Je­der, der an die­sen schreck­li­chen Mor­den be­tei­ligt war, wird zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den“, sagt Oba­ma.

Die­se An­schlä­ge er­schüt­tern die USA zu­tiefst, und sie wer­den nach­hal­len. Nicht nur hat die Po­li­zei, wie das Mi­li­tär, ei­nen be­son­de­ren Platz in der Ge­sell­schaft. Auch die jah­re­lan­ge Waf­fen­de­bat­te wird nach die­sen Schüs­sen auf be­waff­ne­te Staats- die­ner neu be­feu­ert wer­den. Noch ist un­klar, ob es ei­ne Be­zie­hung der Tä­ter zu der Pro­test­be­we­gung ge­gen Po­li­zei­ge­walt gab. Die­se Be­we­gung hat gro­ßen Zu­lauf, weil sich an den Miss­stän­den im Ver­hält­nis von Schwarz und Weiß in der Ge­sell­schaft we­nig än­dert.

Da die Bür­ger­rechts­be­we­gung „Black Li­ves Mat­ter“ein nicht im­mer ein­deu­tig ab­leh­nen­des Ver­hält­nis zu Ge­walt hat, be­gann schon St­un­den nach der Blut­tat ei­ne er­reg­te, ge­fähr­li­che De­bat­te: Trägt die Schwar­zenbe­we­gung Schuld? Die Po­li­zei selbst stellt kei­ner­lei Zu­sam­men­hang her, in­for­miert vor­sich­tig, ab­war­tend. Je­der weiß, was Dal­las für ein Pul­ver­fass ist.

Oba­ma hat­te in der Nacht vor Dal­las ver­sucht, ei­nen schwie­ri­gen Bo­gen zu schla­gen. Ganz Ame­ri­ka müs­se über die to­ten Schwar­zen er­schüt­tert sein, sag­te er in War­schau, un­mit­tel­bar nach der Lan­dung zum Nato-Gip­fel in ei­nem State­ment, das war un­ge­wöhn­lich. Ja, es ge­be Be­nach­tei­li­gun­gen im Jus­tiz­sys­tem, Dis­kri­mi­nie­run­gen. Oba­ma sag­te aber auch, wie vie­le Po­li­zis­ten ei­nen schwe­ren, ei­nen aus­ge­zeich­ne­ten Job mach­ten, und wie sehr er ih­nen dan­ke. Die­se Sät­ze müs­sen zeit­lich mit den letz­ten Vor­be­rei­tun­gen der Tä­ter von Dal­las zu­sam­men­ge­fal­len sein. Für 21 Uhr Orts­zeit wird das ers­te „Pop, Pop“schnel­ler Schüs­se be­schrie­ben.

Drei Ver­däch­ti­ge wer­den fest­ge­nom­men, das Fern­se­hen zeigt Ge­fes­sel­te in Tarn­klei­dung. Mit ei­nem vier­ten lie­fert sich die Po­li­zei 45 Mi­nu­ten Schuss­wech­sel. „Das En­de ist nah“, ha­be der Mann ver­kün­det, mit in der Nä­he plat­zier­ten Bom­ben ge­droht. Die Po­li­zei fin­det kei­ne. Spä­ter be­rich­tet CNN, der Mann sei tot.

Vor ei­nem Kran­ken­haus in Dal­las wei­nen Po­li­zis­ten um ih­re to­ten Kol­le­gen, ei­ne sa­lu­tie­ren­de Rei­he eh­ren­den Re­spekts. Un­ter­ge­hak­tes Kran­ken­haus­per­so­nal schirmt zwei To­des­op­fer, die aus dem OP ge­scho­ben wer­den, vor Ka­me­ras ab. Lynn May, Au­gen­zeu­ge, stand an der La­mar Street, sagt er der „Dal­las Morning News“, als sich der Pro­test­zug plötz­lich in ei­nen Tat­ort ver­wan­del­te. Dort, zeigt er, be­gan­nen aus dem Nichts die Schüs­se. „Hier hat die­ser Krieg an­ge­fan­gen.“

FOTO: DPA

Po­li­zis­ten ge­hen hin­ter ei­nem Po­li­zei­wa­gen in De­ckung, als wäh­rend ei­ner De­mons­tra­ti­on Schüs­se fal­len.

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