RP-ON­LI­NE.DE/SPORT

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

PA­RIS Die­se Ge­schich­te könn­te ei­ne Ge­schich­te aus Fak­ten sein. Dann wä­re sie schnell er­zählt. Sie gin­ge so: Joa­chim Löw stammt aus dem Schwarz­wald, er ist 56 Jah­re alt. Vor zwölf Jah­ren kam er als Co-Trai­ner zur Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft, vor zehn Jah­ren über­nahm er sie als Chef. Seit­her ist die DFB-Aus­wahl bei al­len gro­ßen Tur­nie­ren, sechs ins­ge­samt, min­des­tens bis ins Halb­fi­na­le ge­kom­men. Bes­ser hat das kein deut­scher Bun­des­trai­ner hin­be­kom­men. Hut ab, Bei­fall, fer­tig.

Es ist aber kei­ne Ge­schich­te aus Fak­ten, je­den­falls nicht aus­schließ­lich. Nur Fak­ten wer­den dem Phä­no­men Löw nicht ge­recht. Und wer al­lein vom Er­geb­nis her ar­gu­men­tiert, der un­ter­schlägt, dass es da ei­ne nicht un­be­deu­ten­de Frak­ti­on von Geg­nern gibt, die Löw den Ruf ei­nes gro­ßen Trai­ners be­strei­ten.

Sie wird vom TV-Ex­per­ten Meh­met Scholl an­ge­führt, der ein sehr ma­nier­li­cher Fuß­bal­ler war, der ein bei Bay­ern Mün­chens zwei­ter Mann­schaft ge­schei­ter­ter Trai­ner wur­de und der nun an Löws tak­ti­schen Ein­fäl­len her­um­nör­gelt. Er hat ihm Angst­ha­sen­fuß­ball ge­gen Ita­li­en un­ter­stellt, und er hat aus­gie­big die vom Schwei­zer Urs Sie­gen­tha­ler an­ge­führ­te Scou­ting-Ab­tei­lung kri­ti­siert. Für sol­che Er­kennt­nis­se wie die, dass die Ita­lie­ner gern mit lan­gen Bäl­len nach vorn kom­men, hät­te Sie­gen­tha­ler gar nicht erst auf­ste­hen müs­sen, fand Scholl. Und er glaub­te auch fest­ge­stellt zu ha­ben, dass Löw viel zu ab­hän­gig von den Fuß­ball­flüs­te­rern in sei­ner Um­ge­bung sei.

Das ist ein bö­ser Vor­wurf. Er sagt, dass Löw we­der ei­ne ei­ge­ne Vor­stel­lung vom Spiel noch über­haupt tak­ti­sches Ver­mö­gen ha­be. Und es gibt viel bö­se­re Zeit­ge­nos­sen wie den Frei­bur­ger Phi­lo­so­phen Wolf­ram Ei­len­ber­ger, der sich neu­er­dings zum gro­ßen Fuß­ball-Sach­ver­stän­di­gen er­nannt hat. Sei­ne jüngs­ten Be­haup­tun­gen lau­ten un­ge­fähr so: Die Na­tio­nal­mann­schaft ist trotz Löw in sechs Tur­nie­ren hin­ter­ein­an­der min­des­tens bis in Halb­fi­na­le ge­kom­men. Löw ha­be le­dig­lich das un­ver­schäm­te Glück, sich aus dem bes­ten deut­schen Spie­le­r­an­ge­bot al­ler Zei­ten be­die­nen zu dür­fen.

Das ist ei­ne Ge­mein­heit, an der nur ei­nes stimmt: Tat­säch­lich gab es wohl nie über so ei­nen lan­gen Zei­t­raum ein ver­gleich­bar gu­tes An­ge­bot an Spit­zen­spie­lern. Das ver­dankt der deut­sche Fuß­ball – so­mit auch Löw – der Ar­beit in den Aka­de­mi­en der Ver­ei­ne, die der DFB nach den trü­ben Jah­ren des Rum­pel­fuß­balls an der Jahr­tau­send­wen­de an­ge­scho­ben hat.

Löw aber war der ers­te Bun­des­trai­ner, dem es ge­lang, sein Spiel­sys­tem über die Jah­re zu ent­wi­ckeln und den Er­for­der­nis­sen an­zu­pas­sen. Der Über­fall­fuß­ball ab 2006 bis 2010, der auf Ju­gend­lich­keit, Tem­po und Kon­tern be­ruh­te, ist zu ei­nem sehr ge­die­ge­nen Mo­dell des Ball­be­sitz­fuß­balls ge­wor­den. Und bei sei­nem wich­tigs­ten Tur­nier bau­te der er­klär­te Fuß­ball-Äs­t­het Löw („ich lie­be den schö­nen Fuß­ball“) den Fak­tor Er­geb­nis ein. Er wä­re nie Welt­meis­ter ge­wor­den, wenn er dem Team nicht die­sen Schuss Nüch­tern­heit ver­passt hät­te.

Der Tri­umph von Rio war es, der Löw end­gül­tig zu ei­nem schwer ent­spann­ten Men­schen mach­te, ei­nem, dem die schein­ba­re Rea­li­tät mit all ih­ren Auf­ge­regt­hei­ten und Klei­nig­kei­ten gleich­gül­tig ist, der so in sich ruht, dass ihm na­tür­lich der Vor­wurf ge­macht wird, er sei end­gül­tig ab­ge­ho­ben. Dar­an ist viel Wahr­heit, sei­ne Ent­rückt­heit hat al­ler­dings po­si­ti­ve Wir­kung. Die Spie­ler pro­fi­tie­ren von sei­ner Ge­las­sen­heit, er gibt ih­nen da­mit Halt, da sind sie nicht an­ders als an­de­re jun­ge Men­schen, die ein Vor­bild se­hen wol­len, dass sich durch nichts er­schüt­tern lässt. Es wird ja leicht ver­ges­sen, wie jung die­se Leu­te sind.

Löws Mit­ar­bei­ter fin­den ihn gut in die­ser Rol­le. Mar­cus Sorg, ne­ben Tho­mas Schneider zwei­ter As­sis­tent, hat das al­les in ein schö­nes Wort ge­gos­sen: „Jo­gi Löw schwebt wie ein Su­per­vi­sor über al­lem.“Das Ir­di­sche er­le­di­gen sei­ne Jungs.

Das ist selbst­ver­ständ­lich ein Traum­job. Auch des­halb pral­len Atta­cken von au­ßen von Löw ein­fach ab. „Über Tak­tik kann man im­mer dis­ku­tie­ren“, sagt er, „da darf je­der sei­ne Mei­nung ha­ben, klar.“Aber er wird dann doch et­was we­ni­ger ge­las­sen, wenn ihm ei­ner die Ori­en­tie- rung an geg­ne­ri­schen Stär­ken als Schwä­che aus­legt. „Das wä­re ja dumm, wenn man nicht ein we­nig auf die Qua­li­tät des Geg­ners schaut“, be­tont er mit Recht. Und er steht zu Feh­lern, die dar­aus ent­ste­hen kön­nen. Die viel­dis­ku­tier­te Halb­fi­nal-Nie­der­la­ge ge­gen Ita­li­en bei der EM vor vier Jah­ren nimmt er auf sei­ne Kap­pe. Er hat­te To­ni Kroos als ei­ne Art Son­der­be­wa­cher für Andrea Pir­lo ab­ge­stellt, da­durch ei­ne gan­ze Flan­ke ge­öff­net und ita­lie­ni­sche Kon­ter pro­vo­ziert. Es hat ein biss­chen ge­dau­ert, doch dann hat er die „Ver­ant­wor­tung über­nom­men, klar“.

So ein Pat­zer ist ihm nicht mehr un­ter­lau­fen, auch wenn es manch­mal den Ein­druck macht, als müs­se er zu sei­nem tak­ti­schen Glück ge­zwun­gen wer­den. Das hat viel da­mit zu tun, dass Löw nicht ge­ra­de den Kon­flikt sucht und sich mit Ent­schei­dun­gen, zu­mal schnel­len Ent­schei­dun­gen, schwer­tut. Auch da­für gibt es in Bra­si­li­en das bes­te Bei­spiel. Es hat lan­ge ge­dau­ert, fast zu lan­ge, ehe er sei­nen Ka­pi­tän Phil­ipp Lahm auf die rech­te Ver­tei­di­ger-Po­si­ti­on zu­rück­be­or­der­te. Das war eben­falls ein maß­geb­li­cher Grund für den Ti­tel­ge­winn. Für sei­ne Ver­set­zung darf sich Löw fei­ern las­sen – ge­nau­so, wie er die Schlä­ge für den Miss­er­folg ein­ste­cken muss.

Das ist in Frank­reich nicht an­ders ge­we­sen. Sei­ne Stel­lung hat das Tur­nier je­doch wie­der ge­fes­tigt, ob­wohl er nicht mit dem Ti­tel nach Hau­se fährt. Die Nie­der­la­ge ge­gen Frank­reich hat ihn ge­trof­fen, aber sie hat sei­ne Po­si­ti­on nicht er­schüt­tert. Das wä­re si­cher nach ei­nem Ach­tel­fi­nalAus­schei­den, viel­leicht auch nach ei­ner Nie­der­la­ge ge­gen Ita­li­en so ge­we­sen. Doch es ist längst so, dass nur Löw dar­über ent­schei­det, wie lan­ge er sei­nen Job noch macht. Die Ti­tel­ver­tei­di­gung bei der WM in Russ­land hat er im­mer als Ziel aus­ge­ge­ben. Zwei Jah­re macht er si­cher noch. Scholls Ver­trag bei der ARD en­det eben­falls erst 2018.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.