DFB muss den Blick­win­kel ver­än­dern

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 -

Ber­ti Vogts glaubt, dass ein eher an­ar­chi­scher Fuß­ballan­satz hel­fen kann. Dem Bun­des­trai­ner gibt er kei­ne Schuld.

Deutsch­lands Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich hat ge­zeigt, wie ein­fach der Fuß­ball ei­gent­lich ist. Wenn der Geg­ner zwei To­re macht und der Top­fa­vo­rit kei­nes, ver­liert man so ein Spiel. Jetzt über die Nie­der­la­ge zu jam­mern, ist nicht in Ord­nung. Es gibt Grün­de da­für. Ei­ner ist, dass Frank­reich ei­nen her­vor­ra­gen­den Abend hat­te. Aber vor al­lem: Frank­reich hat An­toi­ne Griez­mann. Er ist im Mo­ment das gro­ße Schreck­ge­spenst des deut­schen Fuß­balls. Er hat schon im Cham­pi­ons-Le­ague-Halb­fi­na­le für At­le­ti­co Madrid ge­gen den FC Bay­ern ge­trof­fen. Griez­mann ist ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Spie­ler: die Schnel­lig­keit, die Cool­ness im Ab­schluss, die Kopf­ball­stär­ke. In Gi­roud und Gignac hat er zwei ech­te Mit­tel­stür­mer an sei­ner Sei­te, die Räu­me für ihn schaf­fen – Frank­reich hat ei­ne un­glaub­lich gu­te Of­fen­si­ve vol­ler Tor­hun­ger.

Sind wir mal ehr­lich: Dar­auf kommt es an. Lauf­we­ge, Ball­kon­tak­te, Ball­be­sitz, das sind al­les net­te Sta­tis­ti­ken, doch die Wahr­heit des Fuß­balls ist: Der Ball muss ins Tor. Und um das zu schaf­fen, muss der un­be­ding­te Wil­le da sein. Den hat­ten die Fran­zo­sen mehr als un­ser Team. Na­tür­lich hat­ten wir Aus­fäl­le, aber das zählt nicht als Aus­re­de. Un­ser Ka­der ist breit auf­ge­stellt. Nun wird ge­sagt: Wä­re Go­mez da­bei ge­we­sen! Das ist ko­misch. Vor dem Tur­nier ha­be ich vie­le Ar­ti­kel ge­le­sen, in de­nen die Fra­ge ge­stellt wur­de, war­um er über­haupt da­bei sei. Die Ant­wort hat das Tur­nier ge­ge­ben, das ha­be ich vor ei­ni­gen Ta­gen an die­ser Stel­le an­ge­merkt: Der klas­si­sche Mit­tel­stür­mer ist wie­der ge­fragt.

Tho­mas Mül­ler ist ei­gent­lich auch ei­ner, der im­mer sei­ne To­re macht. Doch er muss­te wohl der lan­gen Sai­son Tri­but zol­len, er war nicht 100 Pro­zent ge­dank­lich frisch. Ju­li­an Drax­ler fehlt die Wett­kampf­er­fah­rung auf al­ler­höchs­tem Ni­veau. Und Ma­rio Göt­ze hat­te kei­ne leich­te Sai­son. Man kann aber nicht nur auf die Stür­mer schau­en, son­dern auch hin­ter­fra­gen, wie vie­le To­re un­se­re of­fen­si­ven Mit­tel­feld­spie­ler er­zielt ha­ben.

In gro­ßen Spie­len kön­nen schon fünf Pro­zent we­ni­ger ent­schei­dend sein. In Bra­si­li­en bei der WM war Deutsch­land im Voll­be­sitz al­ler Kräf­te, nun of­fen­bar nicht. Das Aus im Halb­fi­na­le ist aber kei­ne Ka­ta­stro­phe. Un­se­re Mann­schaft hat ins­ge­samt ein gu­tes Tur­nier ge­spielt. Ei­ne De­bat­te um Joa­chim Löw wä­re ei­ne Frech­heit. Er ist der per­fek­te Trai­ner für die­se Mann­schaft. Auch für ihn gibt es kei­nen Grund zu zwei­feln. Er und sein Stab wis­sen, dass es Nuan­cen sind, die ent­schei­den, und wer­den nun mit ein paar Ta­gen Ab­stand mit der Ana­ly­se be­gin­nen. Mit Blick auf die WM 2018. Da wol­len und wer­den wir wie­der ein Top­team ha­ben, ei­nes mit fri­schen Kräf­ten und neu­en Ide­en.

Wich­tig ist, sich ge­nau an­zu­se­hen, wel­che Ten­den­zen es im Fuß­ball gibt. Die Spa­nier sind für mich ein war­nen­des Bei­spiel. Sie ha­ben an ih­rem Stil fest­ge­hal­ten nach den gro­ßen Er­fol­gen. Das war der Feh­ler. Der Fuß­ball ent­wi­ckelt sich. Und es kann nicht scha­den, wenn der DFB auch Au­ßen­ste­hen­de als Be­ra­ter mit hin­zu­zieht, um den Blick­win­kel zu ver­än­dern. Wenn man ge­se­hen hat, wie Chi­le und Ar­gen­ti­ni­en bei der Co­pa Ame­ri­ca ge­spielt ha­ben, sieht man, wo­hin es geht: Da geht es nicht um Ball­be­sitz oder Ball­zir­ku­la­ti­on, da wird im­mer ex­tre­mes Pres­sing ge­spielt und aus al­len Po­si­tio­nen so­fort der Weg zum Tor ge­sucht. Das ist an­ar­chi­scher als der eu­ro­päi­sche Fuß­ball, aber kein Rück­schritt, son­dern viel­leicht die Zu­kunft. Löw ist der Rich­ti­ge, um die­se Aspek­te ins deut­sche Spiel ein­zu­bau­en.

Wich­tig ist auch, dass in den Aka­de­mi­en wie­der die Wil­lens­kraft ge­schult wird. Man könn­te jetzt sa­gen: die deut­schen Tu­gen­den. Aber ei-

„Die Wahr­heit des Fuß­balls ist: Der

Ball muss ins Tor. Der un­be­ding­te Wil­le

muss da sein“

„Ei­ne De­bat­te um Joa­chim Löw wä­re ei­ne Frech­heit. Er ist der per­fek­te Trai­ner für die­se Mann­schaft“

gent­lich ist es der Ur-Ge­dan­ke des Fuß­balls: Ich will To­re ma­chen und ge­win­nen. Und je mehr ich das will, des­to grö­ßer ist die Er­folgs­chan­ce. Was das EM-Fi­na­le an­geht, ha­ben wir da in Griez­mann und Cris­tia­no Ro­nal­do zwei, die die­se Ein­stel­lung per­fekt ver­kör­pern – und da­her Vor­bil­der sind für je­den Stür­mer, auch für un­se­re An­grei­fer. Ich tip­pe, dass Por­tu­gal ge­winnt und Ro­nal­do das ent­schei­den­de Tor er­zielt. Der Jun­ge ist groß­ar­tig. Als ich frü­her mal bei Alex Fer­gu­son und Man­ches­ter Uni­ted hos­pi­tiert ha­be, war Ro­nal­do 17. Schon da war ein un­fass­ba­res Ta­lent zu se­hen. Er hat im­mer Ex­tra­ein­hei­ten ge­scho­ben und im­mer wie­der den Ball ins Netz ge­tre­ten, um an sei­ner Schuss­tech­nik zu fei­len. Das tut er noch heu­te. Ro­nal­do ist ein gro­ßer Spie­ler, dem lei­der oft zu we­nig Re­spekt ge­zollt wird. Er ist ein Top­fuß­bal­ler, der un­glaub­lich hart an sich ar­bei­tet. Er und Griez­mann wer­den die zen­tra­len Fi­gu­ren des End­spiels sein. Ich wün­sche Ro­nal­do, dass er Por­tu­gal zum ers­ten Ti­tel führt.

FOTO: IMA­GO

Frust: Wäh­rend Mous­sa Sis­so­ko und Hu­go Llo­ris ju­beln, trot­tet Tho­mas Mül­ler vom Spiel­feld in Mar­seil­le.

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